Prozessauftakt

Pfleger bestreitet Missbrauchsvorwürfe vor Gericht

Ein Pfleger soll sich mehrfach während seines Dienstes an hilflosen Patienten vergangen haben. Jetzt steht er vor Gericht.

Die Vorwürfe, die die Staatsanwaltschaft gegen einen 38-jährigen Berliner erhebt, sind ungeheuerlich. Gleich mehrfach soll sich der Mann während seines Dienstes als Pflegekraft an hilflosen Patienten vergangen haben. Die Anklage legt ihm Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch widerstandsunfähiger Personen zur Last.

Seit Donnerstag muss sich Kay H. vor dem Landgericht Moabit verantworten. Gleich zum Prozessauftakt wies H. alle Vorwürfe zurück. Auf die Richter wartet jetzt an den neun anberaumten Verhandlungstagen eine schwierige Beweisaufnahme, in die gleich vier Sachversständige eingebunden sind.

Was die Vertreterin der Staatsanwaltschaft bei der Verlesung der Anklage vortrug und was der Angeklagte in seiner mehrstündigen Befragung schilderte, sind zwei völlig gegensätzliche Versionen einer Geschichte. Die beiden ersten Taten soll H. in der Nacht vom 21. auf den 22. August 2014 verübt haben.

Der gelernte Rettungssanitäter arbeitete damals bei einer Zeitarbeitsfirma für medizinisches Fachpersonal und sollte den Nachtdienst auf einer geschlossenen Station des Auguste-Viktoria-Krankenhauses in Schöneberg übernehmen. Auf der Station war zu der Zeit eine junge Frau untergebracht, für die aufgrund akuter Suizidgefahr eine 24-Stunden-Überwachung und Betreuung galt.

In dieser Nacht sollte H. die Betreuung übernehmen. Dabei hat er sich nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft gleich zweimal an der Patientin vergangen. Einmal trotz ihrer Gegenwehr und später ein zweites Mal in dem Glauben, die Patientin schlafe. Vom Missbrauch einer dem Angeklagten anvertrauten hilfsbedürftigen Frau und besonders erniedrigenden sexuellen Handlungen sprach die Anklagevertreterin.

Pfleger soll Behinderten missbraucht haben

Die gleichen Formulierungen verwendete sie auch für das dritte angeklagte Delikt. Dabei soll Kay H. genau ein Jahr später, am 15. August 2015 in einer Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderungen in Lichtenberg einen geistig behinderten Mann vergewaltigt haben. Unter anderem soll er sein Opfer gezwungen haben, sexuelle Handlungen an ihm vorzunehmen. Es ging dabei zum Teil um widerliche Praktiken, deren detaillierte Widergabe in Prozessen dieser Art unvermeidlich sind.

Ganz anders als die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft klangen am ersten Verhandlungstag die Einlassungen des Angeklagten. Kay H., der seit seiner Festnahme unmittelbar nach dem zweiten Vorfall in Untersuchungshaft sitzt, trat erstaunlich selbstbewusst auf und schilderte flüssig, ohne auch nur einmal zu stocken seine Version der angeklagten Vorfälle. Dass es zu sexuellen Handlungen gekommen war, bestritt der 38-Jährige nicht. Allerdings habe es weder eine Vergewaltigung noch einen Missbrauch gegeben, sondern einvernehmlichen Sex. Mehr noch, die Initiative dazu sei in allen Fällen nicht on ihm, sondern von der anderen Seite ausgegangen.

So beschrieb er genau, wie die Patientin in dem Schöneberger Krankenhaus ihm schon im Raucherraum der Station Avancen gemacht und ihn anschließend auf ihrem Zimmer direkt aufgefordert habe, zu ihr ins Bett zu kommen. „Da war eine hohe sexuelle Ader vorhanden“, erklärte H. Auch im Fall des geistig behinderten Mannes in Lichtenberg sei die Initiative zum Sex von diesem Ausgegangen, beteuerte der Angeklagte. Immerhin räumte er ein, in der Untersuchungshaft sei ihm klar geworden, dass er einen „großen Fehler“ begangen habe.

Gericht ist auf Aussagen der Opfer angewiesen

Wie immer wenn in einem Prozess um Sexualdelikte die Angeklagten schweigen oder die Taten bestreiten, bleibt dem Gericht keine Wahl. Es benötigt dann die Aussagen der Opfer, ganz gleich wie schwer es denen auch fallen mag, das Erlebte nochmals in allen Einzelheiten zu schildern. Im Prozess gegen Kay H. kommt noch dazu, dass ein Opfer unter einer schweren psychischen Erkrankung leidet und das Zweite unter eine geistigen Behinderung. Das macht die Wahrheitsfindung nicht leichter.

Der Prozess wird am 4. März fortgesetzt.