Überfall in Spandau

Feindliche Übernahme mit Automatikwaffen: Täter vor Gericht

Zwei Männer müssen sich vor dem Landgericht Moabit verantworten. Sie sollen mit Automatikwaffen einen Spätkauf in Spandau überfallen haben.

Von einer feindlichen Übernahme spricht man in der Welt der Wirtschaft, wenn in einem Unternehmen gegen den erklärten Willen der Eigentümer durch gezielte Zukäufe von Aktien die Besitzverhältnisse geändert werden.

Bei dem Versuch einer „feindlichen Übernahme“, mit dem sich seit Mittwoch das Landgericht Moabit beschäftigen muss, kamen keine Aktien zum Einsatz. Dafür aber großkalibrige Automatikwaffen der Marken Smith & Wesson und Beretta. Es ging dabei auch nicht um einen Dax-Konzern, sondern um einen Spätkauf in Spandau.

Den sollen die Angeklagten Ridvan K. (33) und Tuncay Ö. (25) überfallen haben, um den Inhaber mit Drohungen und Gewalt dazu zu zwingen, ihnen das Geschäft zu überschreiben. Die Ermittlungen gestalteten sich schwierig, wie so oft, wenn zu derartigen Delikten in bestimmten Milieus ermittelt wird. Ausreichend Beweise und Indizien für eine Anklage zusammen zu tragen, das kann dauern. In diesem Fall dauerte es drei Jahre, bis die Anklage stand, die der Vertreter der Staatsanwaltschaft am Mittwoch verlas.

Kunde droht Spätkauf-Inhaber: "Knall ihn endlich ab“

Danach sollen die Angeklagten am 17. November 2012 gegen 19.30 Uhr abends in dem Geschäft von Özkan A. erschienen sein. Während Ö. sich zunächst als harmloser Kunde ausgab und dann die Sicherung des Eingangs übernahm, soll K. den Inhaber direkt mit einer Waffe bedroht haben. „Dein Laden gehört jetzt mir und du und deine Familie, ihr könnt euch aus Berlin verpissen“ soll K. dem Spätkauf-Inhaber gesagt haben.

Der ließ sich davon offenbar zunächst nicht einschüchtern, was dann laut Anklage dazu führte, dass beide Angeklagten massiv auf ihr Opfer einprügelten. Auch das brachte nicht den gewünschten Erfolg. Im Gegenteil, Özkan A. soll es gelungen sein, dem Angeklagten K. die Waffe zu entreißen und mehrere Schüsse auf die Beine der beiden Eindringlinge abzugeben. Zeugen wollen anschließend gehört haben, wie K. seinem Komplizen noch zurief: „Los schieß, schieß ihm in den Kopf, knall ihn endlich ab“.

Anklage wegen Anstiftung zum Todschlag

Dazu kam es aber nicht mehr, die Täter mussten ihr Vorhaben aufgrund ihrer Verletzungen aufgeben. Wenig später wurden K. und Ö. festgenommen. Ihre eigene Version, der Ladenbesitzer habe sie angegriffen, nahm ihnen die Polizei nicht ab. Sie kamen zunächst in Untersuchungshaft, wurden aber einige Wochen später frei gelassen. Und das, obwohl die angebliche Aufforderung „Knall ihn endlich ab“, Ridvan K. eine Anklage wegen Anstiftung zum Todschlag einbrachte.

Dass es am Tatabend zu einem Überfall in dem Geschäft in Spandau kam, ist unbestritten. Die Videos aus der Überwachungskamera, die am ersten Verhandlungstag abgespielt wurden, sprechen eine deutliche Sprache. Aber Filme und Fotos zeichnen sich nur selten durch überragende Bildqualität aus. Ob die Angreifer auf dem Film tatsächlich die Angeklagten sind, das zu entscheiden ist Sache des Gerichts.

In der weiteren Verhandlung wird es vor allem auf die Aussage von Zeugen ankommen, denn die Angeklagten schweigen vor Gericht. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft kann dabei in Interesse seiner Anklage nur hoffen, dass die Befragung der Zeugen an den kommenden Verhandlungstagen ergiebiger wird, als die des ersten Zeugen am Mittwoch. Der 44-Jährige war zur Tatzeit in dem Geschäft und hatte anschließend bei mehrere Vernehmungen durch die Polizei sehr konkrete Angaben gemacht. Dabei erkannte er sowohl die Täter wieder wie auch die eingesetzten Waffen.

Erinnerungslücken vor Gericht

Vor Gericht klang das dann deutlich anderes. Es sei alles schon so lange her, er könne sich beim besten Willen nicht mehr erinnern und bei seinen Aussagen bei der Polizei habe er nach den Geschehnissen noch unter Schock gestanden, das war alles, was der sichtlich nervöse Zeuge selbst bei hartnäckigsten Nachfragen der Richter gebetsmühlenartig wiederholte. Der Vorsitzende stellte schließlich die direkte Frage „Werden oder wurden sie bedroht?“

Der Zeuge verneinte entschieden, doch der Richter hatte gute Gründe für die Frage. Fast beiläufig informierte er die Prozessbeteiligten und Anwesenden, der Zeuge habe sich vor kurzem mit der Frage an ihn gewandt, ob es eine Möglichkeit gäbe, auf seinen Auftritt vor Gericht zu verzichte. Begründung: Er mache sich Sorgen um seine Familie. Der Prozess wird am Mittwoch kommender Woche fortgesetzt, die Urteilsverkündung ist für den 24. April geplant.