Polizei sucht

Das sind die Fälle vermisster Kinder aus der Region

Traurige Gewissheit in den Fällen Mohamed und Elias. Aber es werden noch mehr Kinder in Berlin und Brandenburg vermisst.

Silvio S. hat in seinen Vernehmungen gestanden, sowohl den vierjährigen Mohamed als auch den sechs Jahre alten Elias aus Potsdam getötet zu haben. Beide Fälle zeigen einige Parallelen. Aber darüber hinaus prüfen die Ermittler nun auch weitere Vermisstenfälle aus den vergangenen Jahren, ob es einen Zusammenhang geben und Silvio S. etwas mit dem Verschwinden der Kinder und Jugendlichen zu tun haben könnte.

Das Flüchtlingskind Mohamed hielt sich am 1. Oktober mit seiner Mutter und seinen Geschwistern auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) an der Turmstraße in Berlin-Moabit auf. Im Durcheinander der wartenden Flüchtlinge verlor ihn seine Mutter aus den Augen.

Vier Tage später übernahm die Vermisstenstelle des Landeskriminalamtes den Fall, Dutzende Beamte durchsuchten mehrere Parks in Moabit. Am Tag darauf, dem 6. Oktober, zerschlugen sich Hinweise, der Junge könnte sich in Gießen (Hessen) bei Verwandten aufhalten. Zu diesem Zeitpunkt waren 30 Hinweise auf Mohamed eingegangen.

Am 7. Oktober hatte die Polizei nach der Auswertung von Bildern der Überwachungskamera am Lageso eine erste hoffnungsvolle Spur. Sie veröffentlichte das Foto eines Mannes, der mit dem Vierjährigen an der Hand das Gelände verlässt. Inzwischen ist bekannt, dass es sich dabei um Silvio S. handelte. Da die Ermittlungen nicht vorankamen, richtete die Polizei zwei Wochen nach dem Verschwinden des Jungen eine Sonderkommission ein. Bis zu 50 Beamte suchten nun rund um die Uhr nach Mohamed.

Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung durchkämmte die Polizei das Gelände des Westhafens. Nach drei Stunden wurde der Einsatz ohne Ergebnis beendet. Auch drei Wochen nach dem Verschwinden Mohameds konzentriert sich die Suche nahezu vollständig auf den Stadtteil Moabit. Die Auswertungen der U-Bahnüberwachungskamera hatten keinen Hinweis ergeben, dass der zu der Zeit noch Unbekannte Moabit mit dem Jungen zusammen verlassen hatte. Die Zahl der Hinweise lag inzwischen bei 200.

Am Dienstag, 27. Oktober, war der Tag des Durchbruchs. Die Staatsanwaltschaft setzte für Hinweise zur Aufklärung des Vermisstenfalls 10.000 Euro Belohnung aus. Zugleich veröffentlichte sie neue Fotos des Mannes, der mit dem Jungen das Lageso-Gelände verlassen hatte. Die Bilder stammten aus der Überwachungskamera eines etwa 800 Meter vom Lageso-Gelände entfernt liegenden Lokals. Die Polizei hatte zuvor in einer aufwendigen Aktion gezielt in Lokalen in Moabit nach dem Gesuchten und nach Überwachungsbildern gefragt.

Silvio S. Mutter gibt den entscheidenden Hinweis

Am Mittwoch, 28. Oktober, war die Zahl der Hinweise auf 350 gestiegen, offenbar weil das Gesicht des Mannes auf den neuen Fotos deutlich zu erkennen ist. Ein Hinweis kam aus der Nähe von Jüterbog (Teltow-Fläming), die Mutter von Silvio S. hatte ihn gegeben. Am Donnerstag beendete dieser Hinweis die Suche. Silvio S. wurde festgenommen und die Leiche des Jungen gefunden.

Die Vernehmungen des Tatverdächtigen führten schon Stunden später auch zur Aufklärung des Vermisstenfalles Elias. Am 8. Juli ging der Sechsjährige gegen 17.30 Uhr mit Wissen seiner Mutter zu einem Spielplatz, der in unmittelbarer Nähe der Wohnung im Potsdamer Wohngebiet Schlaatz liegt. Um 18.43 Uhr wollte die Mutter den Jungen zum Abendbrot holen, doch Elias war nicht mehr da. Kurz nach 19 Uhr meldete die Frau ihren Sohn bei der Polizei als vermisst. Sofort löste die Polizei in Potsdam eine Suchaktion aus, mit dabei Suchhunde aus Potsdam und Berlin sowie ein Hubschrauber der Brandenburger Polizei. Der Helikopter suchte auch am folgenden Tag noch die Neubauwohngebiete Schlaatz, Stern und Waldstadt sowie den Fluss Nuthe bis hin zur Mündung in die Havel ab. Am Tag darauf gingen Suchhunde trotz Regens verschiedenen Fährten nach. Außerdem suchten Taucher mehrfach die Nuthe ab.

Es folgten mehrere Suchaktionen und Befragungen von Anwohnern. Am Montag, 13. Juli, suchte die Polizei wieder verstärkt im Wasser. Eingesetzt wurden nun auch Leichenspurhunde im Wohngebiet Schlaatz. Am 15. Juli lagen 300 Hinweise vor. In der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ wurde auch über den Fall berichtet. Dies führte zu vielen Hinweisen, aber eine entscheidende Spur war nicht darunter.

Am 18. Juli half die Bundeswehr mit schwerem Gerät und baggerte das Ufer der Nuthe ab. Die vielen freiwilligen Helfer gaben bekannt, dass sie ihre Suche reduzierten. Am nächsten Tag teilte die Polizei mit, dass sie die intensive Suche mit der Bereitschaftspolizei einstellen werde. Die Ermittlungen wurden in der Soko "Schlaatz" weitergeführt. Für die Polizei wurde der Fall immer rätselhafter. Ein solches spurloses Verschwinden habe es in den vergangenen zehn Jahren nicht gegeben, sagte ein Polizeisprecher. Am 27. Juli wurde die mobile Wache im "Schlaatz" geschlossen. Die Soko "Schlaatz" ermittelte mit rund 60 Beamten weiter und arbeitete die mittlerweile 802 eingegangenen Hinweise ab.

Am 31. Juli rekonstruierten die Ermittler mit der Mutter von Elias und deren Lebensgefährten den Tag des Verschwindens. Am 2. August waren 890 Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen, 860 davon waren bereits ausgewertet. Am 3. August verkleinerte die ihre Sonderkommission um 15 Ermittler. Vor zwei Wochen kündigte die Kriminalpolizei an, einen neuen Ermittlungsansatz verfolgen zu wollen: Die Halter eines bestimmten Autotyps in einem größeren Umkreis sollten überprüft werden. Durch das Geständnis von Silvio S. wurde die Aktion nun hinfällig.

Inga aus Schönebeck bleibt verschwunden

Noch ungeklärt ist ein weiterer spektakulärer Vermisstenfall aus diesem Frühjahr. Am 2. Mai verschwand die fünfjährige Inga aus einem Wald bei Stendal. Trotz zahlreicher Hinweise gibt es bis heute keine heiße Spur. Bei dem Mädchen aus Schönebeck gibt es den Ermittlern zufolge derzeit noch keine Hinweise auf einen Zusammenhang mit der Tötung von Elias und Mohamed. Zwar stehe die Polizei in engem Kontakt zu den Ermittlern in Potsdam und Berlin, sagte ein Sprecher der Polizei in Sachsen-Anhalt am Freitag. Das sei aber von Anfang an der Fall gewesen und habe mit der Festnahme des mutmaßlichen Mörders der beiden Jungen aktuell nichts zu tun.

Das Mädchen war zu Besuch in Wilhelmshof, Stendal. Inga verschwand während des ganztätigen Aufenthaltes auf dem Gelände des ortansässigen Diakoniewerkes. Die bisherige Suche nach ihr, bei der auch Fährtensuchhunde und Polizeihubschrauber zum Einsatz kamen, verlief bisher erfolglos.

Inga ist laut Mitteilung der Polizei etwa 1,20 Meter groß, von schlanker Gestalt und zartem Körperbau. Sie hat blaue Augen und zarte, helle Augenbrauen sowie lange Wimpern. Ihr fehlen die oberen, vorderen Zähne. Sie hat blondes bis mittelblondes Haar, welches am Tag ihres Verschwindens zu zwei Zöpfen mit neongelben Haargummis geflochten war. Sie trug links und rechts zwei Kronen-Haarspangen und auf beiden Seiten rosafarbene Haarspangen mit Blütenmuster. Das Mädchen trug ein mintfarbenes Langarmshirt mit aufgedrucktem Schmetterling - an den Schulten Rüschen. Weiterhin war sie mit Strumpfhose, Slip und Hemd bekleidet sowie einer blauen, ausgewaschenen Jeanshose. Ihr Schuhe waren von der Firma "Elefant" in einem dunklen Pink mit zwei Klettverschlüssen, Obermaterial Wildleder.

Wer Inga Gehricke nach ihrem Verschwinden am Mai gesehen hat oder Angaben zu ihrem Aufenthalt machen kann, wird um Hinweise an die Polizei Stendal unter der Telefonnummer 03931/685291 oder jede andere Polizeidienststelle gebeten.

Seit neun Jahren vermisst: Georgine Krüger aus Berlin

Schon seit neun Jahren wird ein Mädchen aus Berlin vermisst: Georgine Krüger. Hunderte Polizisten durchkämmten im Frühherbst 2006 auf der Suche nach ihr Moabit. Sie wurde am 25. September 2006 zum letzten Mal gesehen, als sie gegen 13.50 Uhr an der Perleberger/Ecke Rathenower Straße aus dem Bus der Linie M27 ausstieg. Es sind nur 200 Meter bis zur Wohnung. Doch Georgine kam dort nie an.

Abends informierte die Mutter die Polizei. Daraufhin durchsuchten Polizisten 240 Wohnungen, Keller und Dachböden, Hinterhöfe und sogar Mülltonnen. Nachbarn und Geschäftsleute, Lehrer und Mitschüler wurden befragt. Auch dem Busfahrer der Linie M27, mit dem Georgine täglich von der Schule bis zur Haltestelle in der Perleberger Straße fuhr, stellten die Beamten Fragen. Fest steht: Kurz vor 14 Uhr telefonierte sie noch mit einer Freundin, dann wurde ihr Handy abgeschaltet - und nicht mehr aktiviert. Auch die Ermittlungen zum Fall Georgine dauern an und werden nun im Zusammenhang mit Silvio S. entsprechend aufgerollt, zumal der Ort ihres Verschwindens sehr nahe an der Turmstraße liegt, von wo Mohamed verschleppt wurde.