Prozess in Berlin

Radfahrerin getötet - 6000 Euro Strafe für Lastwagenfahrer

Der Lkw-Fahrer übersah Radfahrerin Mandy R. beim Abbiegen. Die Frau starb. Er fuhr zwar langsam, aber nicht langsam genug, urteilte das Gericht.

Im Kreuzungsbereich Karl-Marx-Allee und Straße der Pariser Kommune in Friedrichshain starb am 6. August 2014 die 39 Jahre alte Radfahrerin

Im Kreuzungsbereich Karl-Marx-Allee und Straße der Pariser Kommune in Friedrichshain starb am 6. August 2014 die 39 Jahre alte Radfahrerin

Foto: schroeder

Berlin. Die 39-jährige Mandy R. war am 6. August vergangenen Jahres mit ihrem Fahrrad auf dem Weg zu Arbeit. Gegen sieben Uhr fuhr die Verwaltungsangestellte auf dem Radweg entlang der Karl-Marx-Allee in Richtung Alexanderplatz. Sie musste den neben ihr fahrenden Lkw gesehen und darauf vertraut haben, dass er ihr als Geradeausfahrerin die Vorfahrt lässt. Der 40-Tonner blinkte – blieb aber nicht stehen. Mandy R. bezahlte das mit ihrem Leben.

Der Fahrer des Lkw wurde am Montag vor einem Moabiter Verkehrsrichter wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt. Der 33-jährige Maik H. erklärte, dass er mehrfach nach rechts in die Spiegel geschaut und vor der Kreuzung auch gebremst habe, bevor er abgebogen sei. "Ich habe die Frau nicht gesehen, sonst hätte ich doch sofort gestoppt." Erst beim Abbiegen habe er an einer Scheibe am unteren Teil der Beifahrertür ein flache Hand gesehen. Da habe er sofort gebremst.

Dieses angeblich sofortige Bremsen war jedoch nur seine Wahrnehmung im Nachhinein. Tatsächlich hatte er keineswegs sofort gebremst. Ein technischer Gutachter rechnete aus, dass der Lkw von Mandy R.s Schlag mit der Hand gegen die Scheibe bis zum Stillstand noch sechs Sekunden lang gefahren war. Der 40-Tonner hatte Mandy R. und ihr Fahrrad mitgeschleift und überrollt. Sie starb noch am Unfallort.

Bei Schrittgeschwindigkeit hätte Mandy R. ausweichen können

Nach Berechnungen des Gutachters hatte Maik H. die Kurve eindeutig zu schnell genommen. Er sprach von zehn bis 17 Stundenkilometer. "Hätte der Angeklagte die Kurve in Schrittgeschwindigkeit durchquert, wäre der Unfall vermieden worden", sagte der Sachverständige. "Die Radfahrerin hätte dann ausweichen können." So habe sie keine Chance gehabt.

Maik H. konnte darauf nichts erwidern. Der gelernte Gerüstbauer hatte erst zwei Jahre Erfahrungen als Kraftfahrer sammeln können. Nach dem Unfall wurde ihm fristlos gekündigt. Seit Dezember 2014 hat er eine neue Anstellung als Kraftfahrer, fährt wieder einen 40-Tonner. Das darf er auch nach diesem Urteil weiterhin tun.

Der Sohn der Verunglückten ist jetzt Vollwaise

Mandy R. hinterlässt einen 15-jährigen Sohn. Sein Vater war vorher schon verstorben. Der Junge ist jetzt Vollwaise, lebt in der Familie eines Schulfreundes. Er ist in psychologischer Betreuung. Bislang jedoch offenbar ohne großen Erfolg. Den Tod der Mutter, sagte ein Sozialarbeiter, habe der Junge bis heute verdrängt.

Für Bernd Zanke, Vorstandsmitglied des ADFC Berlin e.V., ist "dieser schreckliche Unfall leider ein ganz typischer Fall". 2014 habe es in Berlin 1595 Unfälle gegeben, in die Radfahrer verwickelt worden seien. "Zwei Drittel dieser Unfälle wurden durch rechtsabbiegende Fahrzeuge verursacht, deren Fahrer die Radfahrer übersehen und ihnen die Vorfahrt genommen haben", sagt Zanke. Im Jahr 2014 seien in Berlin zehn Radfahrer verstorben. Im Jahr 2015 hätten schon acht Radfahrer ihr Leben lassen müssen.

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