Kriminalität

Von Autodieb mitgeschleift - Polizist in Lebensgefahr

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Hans H. Nibbrig und Peter Oldenburger

In Berlin-Lichtenberg ist ein schwer verletzter Polizist auf der Straße entdeckt worden. Der Beamte wollte einen Autodieb aufhalten.

Es war bei Weitem nicht der erste, aber dafür wohl der seit langem brutalste Übergriff auf einen Berliner Polizisten. Bei dem Versuch, einen flüchtenden Autodieb zu stellen, ist ein 51 Jahre alter Polizeibeamter am frühen Freitagmorgen in Lichtenberg schwer verletzt worden. Er wurde von dem Fluchtfahrzeug des Täters etwa zehn Meter mitgeschleift und musste in einem Krankenhaus mehrere Stunden notoperiert werden. Abschließende Angaben zu seinem Gesundheitszustand könnten derzeit nicht gemacht werden, sagte Polizeisprecher Stefan Redlich.

Seinen Anfang nahm das Drama um 4.20 Uhr morgens. Da ging bei der Polizei ein Notruf ein. Anwohner der Ruschestraße hatten zwei Männer bei dem Versuch beobachtet, parkende Autos aufzubrechen. Zu diesem Zeitpunkt war der 51-Jährige gemeinsamen mit einem Kollegen vom Polizeiabschnitt 64 als Zivilstreife in Lichtenberg unterwegs. Sofort fuhren die Beamten zu der angegebenen Adresse und entdeckten dort schnell die beiden Autodiebe, die daraufhin sofort die Flucht ergriffen.

Während ein Täter wegrannte und so unerkannt entkam, sprang der andere in einen offenbar bereitstehenden Pkw und gab Gas. Der 51-Jährige, der die Flucht verhindern wollte, wurde mitgeschleift und zudem noch zwischen dem Fluchtfahrzeug und einem geparkten Wagen eingeklemmt. Dabei zog er sich schwerste Verletzungen, unter anderem an der Wirbelsäule, sowie zahlreiche Knochenbrüche zu. Rettungskräfte und ein Notarzt der Feuerwehr brachten den Mann nach einer ersten Sofortbehandlung am Tatort in eine Klinik.

Klassisches Mordmerkmal

„Dieser brutale Angriff auf einen Polizisten macht fassungslos“, sagte Innensenator Frank Henkel (CDU) in einer ersten Stellungnahme. Angesichts der brutalen Attacke und der Schwere der Verletzungen des Polizisten hat die 4. Mordkommission inzwischen die Ermittlungen wegen eines versuchten Tötungsdeliktes übernommen. Dabei könnte auch der Tatbestand des versuchten Mordes erfüllt sein, da der Täter versuchte, sich seiner Festnahme zu entziehen und dabei den Tod des Beamten in Kauf nahm. Die sogenannte Verdeckungsabsicht stellt ein klassisches Mordmerkmal dar.

Noch Stunden nach dem Vorfall waren Experten der Spurensicherung vor Ort beschäftigt. Zudem gab es offenbar mehrere Zeugen des Geschehens, die noch am Freitagmorgen von den Mordermittlern befragt wurden. Bekannt wurde dabei, dass es sich bei dem Fluchtfahrzeug um einen weißen Audi handelt. Ob auch das Kennzeichen bekannt ist, sagte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht.

Die Skrupellosigkeit des Täters von Lichtenberg weckt Erinnerungen an schwere Attacken auf Berliner Polizisten. Im April 2003 wurde der SEK-Beamte Roland Krüger erschossen, als er mit seinen Kollegen die Wohnung eines gesuchten Kriminellen stürmte. Drei Jahre später kam der Polizeihauptkommissar Uwe Lieschied bei einer Festnahme durch eine Kugel ums Leben, als der Tatverdächtige versuchte, sich den Weg freizuschießen.

Seither verlor kein Berliner Polizeibeamter mehr sein Leben durch Kriminelle, die Zahl der gewalttätigen Übergriffe auf Beamte ist allerdings von Jahr zu Jahr kontinuierlich angestiegen. Im vergangenen Jahr wurden in Berlin 1054 Polizisten angegriffen und zum Teil schwer verletzt. Im Jahr davor waren es noch 881. In sechs Fällen wurden 2014 nach Übergriffen auf Beamte Ermittlungen wegen eines versuchten Tötungsdeliktes eingeleitet.

Hochburg der Autodiebe

Im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist der Bezirk Lichtenberg seit zwei Jahren berlinweit die Hochburg der Autodiebe. 2013 wurden dort insgesamt 619 Kraftwagen entwendet, der Bezirk sprang damit innerhalb von zwei Jahren von Rang fünf auf Platz eins für das höchste Kfz-Diebstahl-Risiko im Verhältnis zur Bevölkerungsdichte. Das geht aus dem jüngsten Kriminalitätsatlas der Berliner Polizei aus dem Vorjahr hervor.

Besonders betroffen waren dabei die Wohngebiete entlang der Landsberger und Frankfurter Allee und deren Nebenstraßen. Beide Straßenzüge sind für Autodiebe günstig gelegen, weil der östliche Berliner Ring (A10) und die Autobahnen in Richtung Polen von dort aus rasch erreichbar sind, heißt es bei der Polizei. 2012 lag der Bezirk Lichtenberg noch an fünfter Stelle, als 445 Autobesitzer den Verlust ihres Pkw anzeigten.

Die Polizei Berlin wünscht ihrem Kollegen auch via Twitter alles Gute.