U6 Stadtmitte/Kochstraße

SEK-Einsatz in der U-Bahn wegen Kajalstiften und Lipgloss

Ein mit einem Messer bewaffneter Ladendieb ist an der Kochstraße vor der Polizei in den U-Bahntunnel geflüchtet - und legte damit die U6 lahm.

Freitagnachmittag. Feierabendverkehr. Tausende Menschen freuen sich auf ihr Wochenende. Sie sitzen und stehen in den übervollen U-Bahn-Zügen. Sie wollen nur noch nach Hause. Doch gegen 16.28 Uhr rollt nichts mehr auf der Linie U6. Die BVG hat den Strom abgestellt. Der U-Bahnverkehr zwischen den Bahnhöfen Kochstraße und Französische Straße ist unterbrochen.

Zwei voll besetzte Züge bleiben auf den Schienen zwischen den Bahnhöfen stehen. Was die Fahrgäste in den Waggons zu diesem Zeitpunkt nicht wissen können: Ein mit einem Messer bewaffneter Mann ist auf der Flucht vor der Polizei in den Tunnel gerannt. Ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei verfolgt ihn über die Gleise im Dämmerlicht des Tunnels.

„Ihr kriegt mich nicht“

Die Spezialkräfte der Polizei wurden am späten Freitagnachmittag zum U-Bahnhof Kochstraße in Kreuzberg alarmiert. Vorausgegangen war die Verfolgung eines Mannes an der Rudi-Dutschke-Straße. Augenzeugen wollen ein Messer in der Hand des Flüchtenden gesehen haben. Kurz zuvor war der Mann noch in der Filiale der Drogerie-Kette Rossmann gewesen. Dort hatte er Kosmetika gestohlen und war dann in den U-Bahnhof geflüchtet - laut einem Bericht der "BZ" drei Kajalstifte und einen Lipgloss. Er soll aber niemanden mit dem Messer bedroht haben.

Bevor der Mann hinunter auf den Bahnsteig flüchtete, rief er noch: „Ihr kriegt mich nicht. Ich lasse mich nicht einsperren.“ Auf dem Bahnsteig soll der Flüchtige dann sofort auf die Bahngleise gesprungen und in den Tunnel Richtung Stadtmitte gerannt sein.

Das SEK wurde, wie in solchen Fällen üblich, alarmiert. Mit Diensthunden war das etwa zehn bis zwölf Mann starke Team wenig später am Einsatzort in der Nähe des ehemaligen Checkpoints Charlie. Der U-Bahnhof Kochstraße wurde sofort geräumt. Auch der Bahnhof Stadtmitte, an dem auch die Linie U2 verkehrt, war wenig später nahezu menschenleer. Die schweren Eisengitter vor den Bahnhofzugängen wurden geschlossen. Der Bewaffnete war in dem Tunnel verschwunden und hatte sich dort verschanzt.

Verstörte Fahrgäste in der U-Bahn

16.28 Uhr. Eine junge Frau namens Saskia W., 24 Jahre alt, sitzt in dem Zug in Fahrtrichtung Alt-Mariendorf. „Wir sind gerade vom Bahnhof Stadtmitte losgefahren, als der Zug mitten im Tunnel angehalten hat“, sagte sie der Berliner Morgenpost. „Der Zug war brechend voll und es war sehr warm. Alle Sitzplätze waren besetzt.“ Nur Minuten später kamen die ersten Durchsagen vom Zugführer. „Er hat uns gesagt, dass er noch keinen Funkkontakt hat, er uns aber sofort informiert.“

Wiederum einige Minuten später wurden die Fahrgäste in Kenntnis gesetzt. „Ein Mann soll in den Tunnel gerannt sein und das sei der Grund, dass wir im Tunnel stehen“, sagte die junge Frau. „Gegen 17 Uhr, also ungefähr 30 Minuten später, ist der Zugführer dann durch die Waggons gelaufen und hat uns auf die Evakuierung vorbereitet.“ Die Polizei soll anfangs noch gegen eine Evakuierung der Züge gewesen sein, aus Sorge, dass der Flüchtige noch in dem Tunnel sei. Gemeinsam mit Kräften der BVG wurden aber schließlich mehrere Hundert Fahrgäste über die Gleise zum Bahnhof Stadtmitte gebracht.

Die Lage gestaltete sich zum Teil unübersichtlich: Zwischenzeitlich hieß es, es hätte Verletzte gegeben. Von einem verletzten Mann und einer verletzten Frau war die Rede. Ein Polizeisprecher betonte jedoch, dass der Gesuchte keine Menschen mit seinem Messer verletzt habe. Aufgrund der Wärme in den Zügen mussten zwei Fahrgäste wegen Kreislaufproblemen behandelt werden. Sie wurden von Einsatzkräften der Feuerwehr ärztlich versorgt, eine Person wurde in ein Krankenhaus gebracht. Die Feuerwehr war mit vier Rettungswagen und einem Notarztfahrzeug im Einsatz.

Nicht nur am U-Bahnhof Kochstraße, sondern auch an der Station Stadtmitte stürmten später Beamte des SEK mit Hunden in den südlichen Eingang . Der Flüchtige hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch immer in dem Tunnel verschanzt.

Gegen 19 Uhr kam die erlösende Nachricht: Der Flüchtige wurde festgenommen. Beamte führten ihn aus dem Ausgang des Bahnhofes Kochstraße heraus. Nach Angaben eines Zeugen habe der Mann einen alkoholisierten und geistig verwirrten Eindruck gemacht. Hunderte Menschen wurden Zeugen, wie der Mann aus dem Bahnhof abgeführt wurde. Er wird nach Polizeiangaben am Sonnabend einem Haftrichter vorgeführt.