Berliner Merkwürdigkeiten

Scheinheilig in Neukölln

Ein Jogger schlägt in letzter Sekunde einen Bogen um die kleine Holzfigur. Eine junge Frau zieht eilig ihren Riesenhund weiter, als der sein haariges Bein hebt an dem hüfthohen Männlein auf der Weggabelung: da kniet ein etwas schwärzlicher Mönch aus Holz, ein wenig schief und gebeugt steht er da, den Kopf eingezogen. Die Hände hält er wie zum Gebet. Eine seltsame Geste in der Hasenheide, diesem sündigsten aller Volksparks von Neukölln.

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Es ist früh. Neun Uhr morgens. Die Sonne legt einen dermaßen rosafarbenen Streif über die dunstige Parklandschaft aus Bäumen, Hügeln und Auen, dass man den hässlichen Scheinfrieden am Eingang liebsten vergessen möchte. Während auf der Hundewiese Menschen ihren Fiffis Stöckchen werfen und von gegenüber ein Esel im Streichelzoo fröhlich i-aaaht, floriert zu Füßen der ehrenwerten Trümmerfrau (dem Denkmal) das Geschäft mit dem Rausch. Es floriert 24 Stunden, aber frühmorgens sind es frisch rasierte Büromenschen auf teuren Fahrrädern, die sich hier ihre Tagesration Beruhigungshaschisch besorgen. Einer bröselt sie sich gelassen in die Selbstgedrehte, bevor er weiterradelt. Je später der Tag, desto abgerissener die Kundschaft, und irgendwann kommt die Polizei, oder auch nicht. So geht das hier seit Jahrzehnten.

Das hölzerne Männlein bekommt davon wenig mit. Es steht auf der Rückseite des Trümmerhügels mit der Aussichtsplattform: Ein mönchgewordener Wegweiser an einer dreifachen Wegkreuzung, symbolischer geht es kaum. Zwei dicke Frauen in Kopftüchern rollen heran, sie tragen Turnschuhe unter den wallenden Gewändern und rudern mit den Armen vor ihren ausladenden Busen wie olympische Geher. Das Männlein würdigen sie keines Blickes.

Seit eineinhalb Jahren kniet die Figur hier, als sei sie plötzlich gewachsen. Sie ist hier gewachsen. Der Mönch steckt mit Stumpf und Stiel in der Erde. Er war einmal ein Ahorn und wurde etwa 50 Jahre alt, sagt sein Schöpfer, Nils Werner, selbst erst 36 Jahre alt und nach eigener Aussage "Halbzeitkünstler". Wirbelsturm Kyrill machte dem Ahorn im Januar 2007 ein Ende. "Ich fand diesen Ort auf der Kreuzung irgendwie einladend für eine Skulptur", sagt Nils Werner über den Baumstumpf, den er zum Manne machte. Er klingt etwas zögernd. So richtig sei die Figur gar nicht mehr seine. Denn schon kurz, nachdem er angefangen hatte zu schnitzen, kamen andere und gaben dem Holzmann ihr ganz eigenes Gesicht. Beziehungsweise nahmen es ihm. Den schiefen Kopf etwa schnitzte Werner als Ersatz aus dem Hals, nachdem jemand das ursprüngliche Gesicht samt der Kippa auf dem Kopf rüde abgehackt hatte. Der schwarze "Mantel" entstand durch eine Kokelei an Weihnachten. So wurde aus dem Baum schließlich ein nachdenklicher, etwas Caspar-David-Friedrich'scher Mönch, der den Blick abwendet von den Gestaden der Großstadt. Das Tosen der Stadt dringt bis an die Wegkreuzung. Es klingt, als würfe ein Riese irgendwo Autos und Züge an Land.

Die Hasenheide, ein Eiland des Innehaltens zwischen den Schlachtfeldern der Metropole? So kann man das sehen. Einst jagte der Große Kurfürst hier Hasen, später kamen Soldaten zu Schießübungen aufs "Tempelhofer Feld". Heute klingen die Glocken der päpstlichen Nuntiatur an der Lilienthalstraße herüber. Das religiöse Gegengewicht halten die evangelische Freikirche am Südstern, die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm und der Hindu-Tempel, der an der Ecke am Hermannplatz gebaut werden soll.

Inmitten dieses spirituellen Kraftfeldes steht das Männlein und schaut auf eine FKK-Wiese. Im Sommer aalen sich die Nackten hier dicht an dicht. Wenn sie hochgucken, schauen sie auf ihresgleichen aus Holz - den Mönch. Denn so sieht dieser von vorn aus: nackt. Sehr nackt.

Das Männlein trägt offenbar schwer an seiner Last, genauer gesagt, an einem widernatürlich großen Geschlecht, das an ihm zu zerren scheint wie die Höllenhunde des Zerberus. Er habe auf die Widersprüche hinweisen wollen, die in der Hasenheide aufeinander treffen, sagt der Künstler. Auf die Gegenwelten rundum. Auf die Richtungen, die man hier einschlagen kann: religiöse, moralische. "Offenbar können die Leute damit etwas anfangen, denn ich bekomme viele Rückmeldungen. Manche haben in der Figur einen Wanderer gesehen, eine Affen oder sogar eine Frau", sagt Nils Werner.

Letztlich sei auch der Vandalismus eine Meinungsäußerung: "Manche stoßen sich eben an der Figur, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne." Mit der Kippa, der Kopfbedeckung jüdischer Männer, sei er wohl zu weit gegangen: "Wenn ich noch einmal eine Figur im öffentlichen Raum gestalte, würde ich ihr nicht solche Details geben." Er will sich inzwischen nicht mehr festlegen, was genau er eigentlich geschnitzt hat. Sein Geschöpf, das (schein)heilige Mönchlein, führt inzwischen ein Eigenleben. Oder, wie sein Schöpfer es sagt: "Er hat seine eigene Aura."