„Mauerkinder“

G.I.s und Lovestories - So war das Leben in West-Berlin

Ein neuer Film erzählt die Geschichten von US-amerikanischen Soldaten in Berlin. Es sind aber auch zugleich die Erinnerungen vieler West-Berliner, die mit der Mauer und G.I.s lebten und aufwuchsen.

Foto: Reto Klar

„Ich bin ein Berliner“ - für Larry Chiles gehörte dieser Satz von John F. Kennedy zu seinem Leben. Er gilt für uns alle, hat er immer gesagt, und die amerikanischen Soldaten gemeint, die nach dem 2. Weltkrieg in Berlin stationiert waren. Larry war einer von ihnen. 1960 zieht er in die Kaserne an der Goerzallee in Lichterfelde. Als er Berlin sechs Jahre später wieder Richtung Heimat verlässt, begleitet ihn die Charlottenburgerin Ursula. Fast 50 Jahre werden die beiden verheiratet sein, als Larry 2013 stirbt.

Ein Jahr vor seinem Tod allerdings, im Sommer 2012, kommt Larry, der Mann aus Mentor, Ohio, noch einmal nach Berlin. Zusammen mit zehn anderen Amerikanern. Die Männer wollen sich an ihre Zeit als Soldaten im amerikanischen Sektor von West-Berlin erinnern. Sie wollen sehen, was noch da ist, von „ihrem“ Berlin. Gleichzeitig sind sie neugierig darauf, was sich verändert hat.

Begleitet werden sie dabei von zwei Filmemachern: Annette Schneider und Patrick Meyer – beide Jahrgang 1979, geboren in West-Berlin, aufgewachsen in Lankwitz. Die G.I.s gehörten zu ihrer Kindheit. „Mauerkinder“ haben Schneider und Meyer ihren Film genannt. Dieser Titel sei bezeichnend für ihre Generation, die mit der Mauer aufgewachsen ist, sagen sie, aber auch für eine Zeit im Lebens jener Soldaten.

Die meisten der G.I.s waren noch sehr jung, manche erst 16 oder 17 Jahre alt, als sie nach Deutschland kamen. Viele von ihnen waren zum ersten Mal im Ausland, manche sogar zum ersten Mal von zu Hause weg. Im Film erzählen einige von ihnen, wie es ihnen damals in Berlin ergangen ist, wo sie gearbeitet, gefeiert und Mädchen kennengelernt haben. Aber auch, wie herzlich die Berliner mit ihnen umgegangen sind. Larry sagt irgendwann, dass er ein Stück Berlin immer in seinem Herzen trage.

Brandenburger Tor aus Lego

So scheint es auch Brian Seltzer aus Cincinnati, Ohio, zu gehen. Er kam in den 1980er-Jahre als Soldat nach West-Berlin. Im Film wird deutlich, wie sehr sich die Stadt in seine Seele gebrannt hat. Annette Schneider und Patrick Meyer haben Seltzer zu Hause in Cincinnati besucht und dort auch seine Söhne Matthew (damals 13) und Nathen (damals 11) getroffen. Die beiden Jungs wissen genau, wie hoch und wie lang die Berliner Mauer war und sie haben jede Menge Fotos ihres Vaters aus seiner Zeit in West-Berlin. Auf dem Kaminsims im Wohnzimmer der Seltzers steht ein kleines Brandenburger Tor, aus Legosteinen gebaut.

Annette Schneider und Patrick Meyer sind beeindruckt von der innigen Beziehung, die die ehemaligen US-Soldaten noch immer zu Berlin haben. „Das ist wie mit der ersten Liebe“, sagt Schneider. „Die vergisst man einfach nicht.“ Mit ihrem Film wollten die beiden dieser außergewöhnlichen Beziehung auf den Grund gehen.

Gleichzeitig wollten sie herausfinden, was dran ist an dem positiven Bild, dass ihre Eltern ihnen von den G.I.s vermittelt haben - und dabei auch einen Film über ihrer Kindheit machen, zu der die amerikanischen Soldaten ganz selbstverständlich dazu gehörten – mit ihren Kasernen, Geschäften, Spielplätzen und Restaurants, ihren Süßigkeiten und natürlich den Burgern von Mc Donalds.

Kaum Filme über die Kindheit in West-Berlin

„Als im November 1989 die Mauer fiel, haben wir die Tragweite der Ereignisse nicht begriffen, wir waren ja erst zehn Jahre alt“, sagt Meyer. Später erst hätten sie über ihre Kindheit nachgedacht und sich gefragt, wie es sein konnte, dass sie sich in West-Berlin so wohl gefühlt haben, obwohl die Stadt komplett eingemauert war.

Schnell war klar, dass das mit den Alliierten zu tun hatte, in ihrem Fall mit den Amerikanern. „Sie haben dafür gesorgt, dass wir uns beschützt fühlten und damit frei“, sagt Schneider. „Deshalb erzählen die Soldaten auch unsere Geschichte und die Geschichte unserer Eltern.“

Und noch etwas wollen Annette Schneider und Patrick Meyer mit ihrem Film bewirken. Schneider sagt, dass es bereits einige Filme über Kindheit und Leben in Ost-Berlin gebe, „Good Bye, Lenin!“ etwa oder „Sonnenallee“, aber kaum einen Film über Kindheit in West-Berlin. „Das wollten wir ändern.“

„Mauerkinder“ ist Larry Chiles gewidmet. Der Film ist 58 Minuten lang. Noch hat er keinen Verleih. „Wir wollten erst einmal ohne Korsett arbeiten und sehen was passiert“, sagt Patrick Meyer. Sie hätten eine Förderung der Checkpoint Charlie Stiftung bekommen, den größten Teil der Kosten aber selbst aufgebracht.

Nun wünschen sich die beiden Macher, dass ihr Film in die Kinos kommen kann. Am 19. November wird es eine Voraufführung geben, um 18.30 Uhr im Thalia-Filmtheater in Lankwitz. Die Filmemacher sind vor Ort und freuen sich auf ein Gespräch mit dem Publikum.

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