Dokumentation

„Die Familie“ zeigt das Leid von Angehörigen der Mauertoten

Der Dokumentarfilm „Die Familie“, der nun in Kinos angelaufen ist, zeigt wie Angehörige der Menschen noch immer leiden, die an der Deutsch-Deutschen Grenze starben – und wie die Täter schweigen.

Foto: Basis-Film Verleih Berlin / dpa

Das Foto zeigt keine Menschen. Nur einen Zaun und Reifenspuren im Schnee. Darauf hat jemand Zahlen mit Filzstift gemalt. Eins: Da stand der Grenzer, der geschossen hat. Zwei: Da lag der Mann, der langsam verblutet ist.

Das Leben kehrt in diese Szene zurück, als Bernhard Purkott durch den Wald in Staaken geht, wo das Bild aufgenommen wurde. Im November 1970 sind er und sein Bruder aus Versehen zu nahe an die Grenze gefahren, auf einem Motorrad mit Beiwagen.

Heute ist nichts mehr von früher zu sehen. Kein Wachturm, kein Zaun. Als hätte die Zeit alles verschluckt. Aber die Vergangenheit kehrt zurück. Purkott atmet schneller. Dieser Ort lässt ihn noch immer verzweifeln.

Der Dokumentarfilm „Die Familie“, der nun in den Kinos läuft, zeigt wie Angehörige der Menschen noch immer leiden, die an der Deutsch-Deutschen Grenze starben. Auch, weil 25 Jahre nach dem Mauerall so viele Fragen unbeantwortet sind. Umso schmerzhafter, weil die Mitwisser mitten in Deutschland leben, aber schweigen. „Die Familie“ ist ein eindringlicher Film. Er ist auch eine Anklage. Während Politiker über den Begriff „Unrechtsstaat“ streiten, sind zentrale Verbrechen nicht aufgearbeitet.

Der Mann, der im Wald verblutete, heißt Helmut Kliem. Höhepunkt des Filmes ist, dass sein Sohn, Heiko Kliem, an der Tür des Grenzers klingelt, der geschossen hat. Es wird ein brutales Gespräch. Das Ergebnis fängt Regisseur Stefan Weinert in einer starken Szene ein. Kliem sitzt am Tisch, sein Blick geht ins Leere. Sonst ist er ein Mann, der geradeaus redet. Einer, der mit Kippe im Mundwinkel den Garten umgräbt. Nun ist er sprachlos. Der Zuschauer auch.

Auf der Suche nach Antworten

Der Film zeigt Angehörige von vier Toten auf der Suche nach Antworten. Da ist Elke Liebeke, Witwe von Rainer Liebeke, der Rennfahrer in der DDR war. Bis heute weiß Elke Liebeke nicht, ob ihr Mann ertrank, als er durch den Sacrower See schwamm. Oder ob ihn eine Kugel traf. Sicher aber weiß sie, dass die Stasi sie stundenlang verhörte. Dass sie vom Regime geächtet wurde. Bis heute hat sie Wut: gegen die Täter. Wohl auch gegen ihren Mann, der seinen Fluchtplan für sich behielt. Und, auch das ist eine Erkenntnis des Films: Liebeke ist wie viele Opfer wütend auf sich selbst. Weil sie kaum etwas ausrichten konnte. Weil sie noch immer nichts ausrichten kann.

Es gibt Fälle, in denen wurden sogar wichtige Seiten aus den Akten gerissen. Heiko Kliem, der Sohn, weiß zumindest, wer geschossen hat. Er klingelt an der Tür des Mannes. Reingebeten wird er beim ersten Mal nicht. Man erfährt, dass der Grenzer damals 19 Jahre alt war. Dass er den Tod sieht wie einen Unfall. Nichts, was er verantworten muss. Es klingt, als sei dem Grenzer das so eingebläut worden. Nicht mal mit seiner Frau hat er damals über die Entscheidung seines Lebens gesprochen, die er so falsch getroffen hat. Dann sagt der Mann noch etwas: Auf die erste Bitte des Sohnes um ein Gespräch habe er nicht geantwortet, weil die Anfrage kurz vor Weihnachten kam. Er sagt: „Vor Weihnachten, das ruiniert dann alles.“

Wenn Hoffnung bleibt, dann nur, dass die Schützen eines Tages doch mit Angehörigen reden. Viel befürchten müssen sie nicht: Die meisten haben ihre Verfahren hinter sich, mit milden Strafen. Das würde auch dem Grenzer an der Türschwelle gut tun: endlich offen reden.

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