Literatur

Fünf Bücher zum Mauerfall, die Sie gelesen haben müssen

Zum Jubiläumsjahr sind unzählige Titel über das historische Ereignis auf dem Buchmarkt erschienen. Fünf davon sind dabei besonders aufgefallen. Eine Auswahl der Berliner Morgenpost.

Foto: Tim Dinter

Hermann Rudolph: Berlin – Wiedergeburt einer Stadt.

„Viel Verkehr an den Grenzposten“ titelt das „Neues Deutschland“ kurz nach dem Mauerfall. Das ist zumindest nicht falsch, zeugte aber auch von einer gewissen Verunsicherung. Das Parteiblatt muss auf einmal ohne Führung der SED eine Zeitung machen. Denn die hat, wie so viele in diesen unvergesslichen Monaten, die Orientierung verloren.

Hermann Rudolph, Herausgeber des „Tagesspiegel“, berichtet über ein Berlin, das sich immer nach der Einheit gesehnt hat und dann ziemlich überrascht war, als sie möglich wurde. Von der Zeit vom Fall der Mauer – „ein Ereignis, das ohne Vergleich ist“ – über die äußerst wacklige Hauptstadtentscheidung bis zum Umzug der Ministerien erzählt Rudolph. Geschichte, das lehrt sein Buch, ist auch immer ein Resultat von Zufällen, die wir erst im Nachhinein rationalisieren.

Das Ganze ist so kurzweilig dargelegt, dass man auch Berichte über das Zusammenwachsen der Behörden nicht überblättert. Nicht gut kommt die West-Berliner Linke weg: „Der Gedanke an die Wiedervereinigung ruft energische, ja hysterische Abwehr hervor“, schreibt Rudolph. Die Alternative Liste, einst eine extravagantere Veranstaltung als die heutigen gutbürgerlichen Grünen, ist stolz darauf, dass sie gegen die „Bonner Wiedervereinigungsgelüste“ (Senatorin Michaela Schreyer) Front macht.

„Wie kann die seit einem halben Jahrhundert geteilte und 28 Jahre durch Beton und Stacheldraht getrennte Stadt wieder zusammengefügt werden?“, das ist, so Rudolph, die Kernfrage. Es ist vor allem, wie man so sagt, ein mentales Problem. „Was war das für eine Einigkeit, als wir getrennt noch waren“, lästert das Ost-Berliner Kabarett Distel. Rudolph amüsiert sich über „die Wechselbäder von Berlin-Euphorie und Berlin-Bashing“ in den Folgejahren. Und er berichtet über die Rasanz der Entwicklungen, die einem heute ungeheuerlich vorkommen. Der Mauerfall ist ein Glücksfall der Geschichte, das verdeutlicht sein Buch, aber danach fing die Arbeit an. „Längst ist vergessen, dass die Stadt den neuen Anfang keineswegs nur als Erfüllung lebte, sondern auch als bedrückend ambivalent, als quälenden Zwiespalt zwischen Selbst- und Fremdbild“, schreibt der Autor, der dafür gesorgt hat, dass sich das Vergessen noch ein wenig verzögern wird. (Matthias Wulff)

Hermann Rudolph: Berlin – Wiedergeburt einer Stadt. Bastei Lübbe, 440 Seiten, 24,95 Euro.

Elke Bitterhoff: Goodbye DDR – Erinnerungen an den Mauerfall.

Rückblickend scheint es fasst unmöglich zu sein, von der Maueröffnung am 9. November nichts mitbekommen zu haben. Zumal inzwischen jede Minute des Tages mit vielen Bildern rekonstruiert ist. Dennoch sind die meisten einfach schlafen gegangen, manche ahnungslos. Star-Dirigent Daniel Barenboim hat sich nach Schallplattenaufnahmen mit den Philharmonikern noch mit einem Freund zum Abendessen in Charlottenburg getroffen und von dem Ereignis erst am nächsten Morgen in der Zeitung gelesen. Rechtsanwalt Gregor Gysi wird von seiner Lebensgefährtin angerufen, hat aber keine Lust, sich unter die Leute zu mischen, weil er am nächsten Tag einen Mordfall vor Gericht zu verhandeln hat. Auch der Journalist Alexander Osang hat sich – von der revolutionären Stimmung und vom privaten Umzug geschlaucht – müde ins Bett fallen lassen. Aber er verweist in „Goodbye DDR – Erinnerungen an den Mauerfall“ darauf, dass das keiner hören wollte. Also erfüllte er immer die Erwartungen an einen Berliner und erzählte, wie er auf der Mauer mitgetanzt hat.

Die Geschichten der Prominenten aus Ost und West greifen tief in den Alltag ein. Künstler haben es sicherlich einfacher, sich daran zu erinnern. Sie brauchen nur in den Spielplan zu schauen. Countertenor Jochen Kowalski singt an der Komischen Oper gerade den Orpheus in Glucks „Orpheus und Eurydike“. Ein Bühnenarbeiter ruft ihm aus der Gasse zu, dass die Mauer auf ist. Schauspieler Henry Hübchen ist an der Volksbühne in Paul Zechs „Das trunkene Schiff“ versunken. „Ja, das Theater kann große geschichtliche Wendepunkte verpassen“, schreibt er. Aber in der Kantine sieht er dann die aktuellen Fernsehbilder.

Die wildeste Geschichte erzählt Schauspielerin Anja Kling, die am 4. November über die Tschechei nach Bayern flüchtet, die Maueröffnung in einem Auffanglager erlebt und kurz darauf wieder nach Berlin zurückkehrt. Den Flucht-Trabi hat ihr Freund, ein Tänzer der Staatsoper, zwischendurch in Köln für 50 DM verkauft. Am weitesten entfernt hält sich Wim Wenders auf. Er ist in Australien auf Motivsuche für seinen Film „Bis ans Ende der Welt“. In einem Kaff namens Turkey Creek erhält er die Nachricht über das einzige Fax-Gerät des Ortes. Anschließend kauft er reichlich Alkohol ein und kehrt ins Camp zurück. (Volker Blech)

Elke Bitterhoff: Goodbye DDR – Erinnerungen an den Mauerfall. Aufbau, 272 Seiten, 14,95 Euro

Jochen Schmidt, David Wagner: Drüben und Drüben. Zwei deutsche Kindheiten

Wenn Jochen krank ist, darf er vormittags fernsehen. Leider fängt das Programm erst um zehn an. Davor schaut er eine halbe Stunde lang Testbild. Man weiß ja nie, was passiert. Der zentrale Platz seiner Kindheit ist der Fußballplatz. Im Radio hört er den „Treffpunkt“. Da erzählen sie, welche Bands am Abend in West-Berlin auftreten. Aus der Abendschau weiß Jochen: Bei den Konzerten wird Bier aus Dosen getrunken.

Was Jochen Schmidt, 1971 in Ost-Berlin geboren, in seinem neuen Buch „Drüben und Drüben“ erzählt, ist eine ganz normale deutsche Kindheit, beschrieben von jemand, der außergewöhnlich gut erzählen kann. Es sind unzählige, liebevoll gezeichnete Miniaturen. Schmidt ist ein Meister der leisen Ironie. „Gedanken an meinem Geburtstag lenkten vom Atomkrieg ab.“ Er nimmt den Leser mit auf eine Entdeckungsreise durch die Orte, an denen ein Junge groß wird: Kinderzimmer, Wohnzimmer, Küche. Schule, Auto. Hinter dieser Welt gibt es noch eine andere. Die, aus der die West-Pakete kommen, mit dem Pädagogenklassiker „Die letzten Kinder von Schewenborn“, mit Otto-Katalogen und Schokolade. Die Labels auf den T-Shirts der West-Verwandtschaft beschäftigen Schmidt lange. „Fruit of the Loom. Was waren das für Botschaften aus dem Westen?“

Wenn man das Wendebuch wendet, dann ist die Westseite der Mauer oben auf dem Cover und David Wagner, geboren 1971 in Andernach, erzählt ebenso kunstvoll von seiner Kindheit in West-Deutschland. Von Feuerexperimenten im Garten, von Mädchen im Badeanzug, von Nudelauflauf und der Unlust, den Tisch zu decken. Auch er erzählt sich durch die Orte der Kindheit, die eine Geschichte ist als Spiegel der anderen angelegt. „Wohnzimmer, Ort der Niederlagen, denn nach den Nachrichten musste ich ins Bett.“ Botschaften aus dem anderen Deutschland sind rar. „Auf der Wetterkarte war unser Deutschland, die Bundesrepublik, das große Schnitzel, die DDR war nur ein kleines Schnitzel.“

Wer in den Siebziger Jahren ein Kind war, der wird unendlich viel wiedererkennen in „Drüben und Drüben“. Mehr noch als ein historisches Werk aber, ist dieses Buch eine wundervolle Liebeserklärung an diese Jahre von Altklugheit und Entdeckerfreude, zwischen Langweile und großer Begeisterung. (Judith Luig)

Jochen Schmidt, David Wagner: Drüben und Drüben. Zwei deutsche Kindheiten. Rowohlt Verlag, 336 Seiten, 19,95 Euro.

Sven Regener: Herr Lehmann. Gezeichnet von Tim Dinter.

Es gibt sicher leichtere Aufgaben, als einen Comic ausgerechnet aus diesem Buch zu machen. Tim Dinter erzählt das auch, wenn man in seinem Atelier in Prenzlauer Berg vorbeischaut. Er sagt, dass das mit Herrn Lehmann schon eine besondere Sache sei. Weil ja schließlich jeder Herrn Lehmann kenne. Weil deshalb auch jeder seine eigene Vorstellung davon habe, wie er aussehe, der Herr Lehmann, Karl und Kristall-Rainer und die Köchin und der Arzt in der einen wundervollen Szene, die das Geheimnis der ganzen Geschichte ist.

Und das stimmt natürlich. Sven Regeners 2001 erschienener Roman über einen orientierungslosen 29-Jährigen im Kreuzberg kurz vor der Wende ist mitsamt seinem literarischen Personal so erfolgreich und so einprägsam gewesen, dass der Zeichner trotz seines Ausnahmetalents in jedem Fall ein Risiko eingeht: nämlich entweder den Leser zu befremden mit Figuren, die dieser nicht wiedererkennt oder aber sich so sklavisch an die im Buch vorgegebenen Personenschilderungen zu halten, dass man darin nur eine Art nachgereichtes Storyboard erkennt. Und dann ist da ja sowieso noch Leander Haußmanns Film mit Christian Ulmen in der Hauptrolle, an den auch sofort alle denken, wenn von Herrn Lehmann die Rede ist. Schwierig also alles. Und dennoch ist das Buch großartig geworden, die Begründung kommt noch.

Zuerst ein paar Worte darüber, warum Regeners Roman große Zeitgeschichtsschreibung ist und deshalb auf diese Seite gehört. Denn während sich östlich der Mauer 1989 eine ungeheure Dynamik entfaltete, verdämmerten Milieus wie das hier geschilderte – die Kreuzberger Kneipengängerszene – in träger Agonie. Eine Runde von Freunden, die für wenig Geld in Kreuzberg das immer gleiche Leben führt mit den immer gleichen Geschichten und Bier, Bier und abermals Bier: Davon handelt dieses Buch, und das in einer so reizend schnoddrigen Sprache, mit so komischen Dialogen und aberwitzigen Typen, dass gar nicht weiter auffiel, wie todtraurig es eigentlich ist.

Dass es ein einziges, leises Echo ist auf das lauteste Dichterwort Rainer Maria Rilkes: Du musst dein Leben ändern. Oder wie es der Arzt in der Szene formuliert, als Herr Lehmann seinen kranken Freund Karl im Urban-Krankenhaus vorbeibringt: „Das Leben hier in der Gegend ist leicht, wenn man jung ist: ein bisschen arbeiten, billige Wohnungen, viel Spaß. Aber die meisten brauchen auf Dauer irgendetwas, wodurch das legitimiert wird. Wenn das wegbricht … buff!“

Tim Dinters Zeichnungen, jede für sich genommen ein liebevolles Kunstwerk aus Aquarell und Tusche, unterstreichen in ihrer schwarzweißen Ästhetik diesen tragischen Grundzug der Geschichte. Und sie zugleich machen das Berlin jener Zeit auf eine wundervolle Weise erfahrbar.

Dinter ist ein Meister der Straßenzüge und Kneipeninterieurs und widmet sich den Figuren mit so viel Detailgenauigkeit, dass man die Geschichte wiedererkennt und gleichzeitig neu lesen kann. Eine bewegende Geschichte ist das, in der es um den Stillstand geht. Und an deren Ende die Mauer fällt. (Felix Müller)

Sven Regener: Herr Lehmann. Gezeichnet von Tim Dinter. Eichborn, 240 Seiten, 19,99 Euro.

Andree Kaiser (Hg.): Nur raus hier. 18 Geschichten von der Flucht aus der DDR

Jörg Hejkal ist 17 Jahre alt, als sich sein Verdacht bestätigt. Im Kleiderschrank des Vaters, zwischen den Hemden, findet er die Zettel. „Er ist gerade in so einer renitenten Phase“, steht da. Und wie Jörg so mit den Mädchen ist. Und wie man an seiner politischen Haltung arbeiten kann. Was der Sohn da entdeckt, sind keine Tagebucheinträge eines besorgten Vaters. Was Fritz Hejkal aufgeschrieben hat, das ist für seinen Arbeitgeber bestimmt. Fritz Hejkal arbeitete für die Staatssicherheit. Er bespitzelte seinen eigenen Sohn.

Wie kann man in einem Land leben, in dem man nicht frei ist? In dem man nicht laut sagen kann, was man denkt, und in dem manche nicht nur vom Nachbarn, sondern sogar vom eigenen Vater auspioniert wurden, nur um zu erfahren, ob sie nicht heimlich doch etwas taten oder dachten, was der Regierung der DDR nicht gefiel? Für die, die es nicht konnten, hat Andree Kaiser nun ein Buch herausgegeben. „Nur raus hier!“ erzählt die Geschichten von 18 Fluchtversuchen aus der DDR. Es erzählt von Festnahmen und Schikanen, Folter und Schlafentzug, von Misstrauen und Angst, Sehnsucht und Wut. Es ist ein sehr persönliches Buch geworden, eines ohne Überbau, ohne Kommentare und Einordnung. Jedem Protokoll ist ein Porträt der Geflüchteten vorangestellt. Es sind Fotografien von heute, die Andree Kaiser gemacht hat.

Jörg Hejkal flieht mit 19 Jahren über die ungarische Grenze nach Jugoslawien. Er erzählt das ohne große Aufregung, aber mit spürbarer Dringlichkeit. Er wird gefasst und wieder nach Ost-Berlin gebracht. Zwei Jahre sitzt er im Gefängnis. Als er wieder rauskommt, versucht er es wieder. Diesmal über die Amerikanische Botschaft. Es gelingt. Eine als Graphic Novel gestaltete Einleitung listet die Zahlen der Republikflüchtlinge aus. Wie viele haben es versucht, wie viele geschafft? Wie viele kamen bei ihren Versuchen, der DDR zu entkommen, ums Leben? „Nur raus hier!“ hat Andree Kaiser gegen die Gleichgültigkeit geschrieben und gegen die Romantisierung der Vergangenheit. „Mir scheint es so zu sein, als verwässere die Erinnerung an das DDR-Unrecht schon 25 Jahre nach dem Fall der Mauer“, heißt es am Anfang. „Für die Generation meines Sohnes, 1998 geboren, ist das Geschehene schon weit weg.“ Deshalb hat Kaiser diese Geschichten gesammelt von Menschen, die für ihre Freiheit alles riskiert haben. Darunter auch seine eigene. Und die Geschichte seiner Haft in Hohenschönhausen, dessen Sterilität er in einem Foto-Essay festgehalten hat.

Oft sind es gar nicht die großen politischen Visionen, die die Menschen zur Flucht bewegt haben. Bei vielen ist es vielmehr die Unerträglichkeit des Alltags, die sie ihr Leben aufs Spiel setzen lässt. Bei Andree Kaiser selbst war es der Tod der Großmutter. Die hatte ihren Bruder in West-Berlin besucht und dort einen Herzinfarkt erlitten. Der Sohn bat die Behörden, seine Mutter noch ein letztes Mal besuchen zu dürfen. Die Behörden lehnten ab. So war das in der DDR. Daran sollte man sich erinnern. (Judith Luig)

Andrée Kaiser (Hg.): Nur raus hier. 18 Geschichten von der Flucht aus der DDR. Ankerherz Verlag, 216 Seiten, 29,99 Euro.

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