25 Jahre Mauerfall

So erkämpfte sich Hertha-Legende Axel Kruse die Freiheit

Bereits im Juli 1989 setzt der 21 Jahre alte Stürmer des FC Hansa Rostock alles auf eine Karte und wagte die Flucht aus der DDR. Ein Schritt, mit dem Axel Kruse nicht nur seine Karriere riskierte.

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Was ist das nur für ein Lärm? Als sich die Welt um ihn herum für immer verändert, will Axel Kruse eigentlich nur eins: schlafen. Es ist spät geworden an diesem Donnerstag. Als es plötzlich laut wird unter seiner Wohnung, tickt der Uhrzeiger beharrlich in Richtung Mitternacht. Vom Fenster aus sieht er, wie der Kurfürstendamm von einer gewaltigen Menschenmenge gesäumt wird. Also geht er nach unten. Dort, in seinem Stammlokal, werden sie schon wissen, was los ist.

Als seine Kumpels ihm sagen, die Mauer sei offen, hält Axel Kruse das für einen Scherz – auch nach dem zweiten und dritten Mal. Erst als er am Nebentisch eine Zigarettenpackung mit der Aufschrift "Club" entdeckt, wird er langsam stutzig. Eine Ost-Marke auf der West-Berliner Prunkmeile? Zurück in seiner Wohnung sieht er am Fernseher wie Berlin im Freudentaumel versinkt. Und wird wütend.

Um Kruses Gefühlslage in dieser Nacht zu verstehen, muss man den Film seines Lebens vier Monate zurückdrehen. Damals, am 8. Juli 1989, setzte der 21 Jahre alte Stürmer des FC Hansa Rostock alles auf eine Karte und wagte die Flucht aus der DDR. Ein Schritt, mit dem er nicht nur seine Karriere riskierte, sondern auch eine mehrjährige Haftstrafe. Nun, nur 124 Tage später, hätte er genauso freudetrunken durch die Mauer spazieren können wie die Menschen vor seiner Haustür. "Klar hab ich mich gefreut", sagt Kruse rückblickend. "Aber dass die jetzt einfach alle so rüberkommen konnten, ohne jegliches Risiko, hat mich irgendwie auch sauer gemacht."

Eine Szenerie wie aus einem Agentenfilm

Er selbst hatte zweieinhalb Jahre auf den richtigen Moment gewartet. Die Geschichte seiner Flucht beginnt 1986. Als der neue Europameister nach der U19-EM zu Hansa zurückkehrt, warten dort zwei Männer vom Ministerium für Staatssicherheit auf ihn. Gemeinsam fahren sie in ein Rostocker Mehrfamilienhaus. Die Szenerie erinnert an einen Agentenfilm: Kruse wird in einen kleinen Raum gebracht, muss dort warten. "Ich habe mir vor Angst fast in die Hose geschissen", sagt er. Kurz darauf beginnt ein Gespräch unter vier Augen. Der Vorwurf: Kruse plane die Republikflucht. Bis dahin, behauptet er, habe er nicht im Traum daran gedacht, der DDR den Rücken zu kehren. Über Stunden wird er von wechselndem Personal mit den immer gleichen Fragen malträtiert. Alles Abstreiten hilft nichts, der Verdacht ist für die Stasi Grund genug, um Kruse künftig von Nationalmannschaftsreisen auszuschließen. Die U20-Weltmeisterschaft in Chile findet 1987 ohne ihn statt. Ein harter Schlag.

"In diesem Gespräch", sagt Kruse, "bin ich von heute auf morgen erwachsen geworden." Dass man ihn einfach so mitnehmen und festhalten kann, ist für den freiheitsliebenden Fußballer nicht zu akzeptieren. In einem Land voller Vorschriften und bornierten Schrebergärten möchte er nicht länger sein. "Das", sagt Kruse, "hat mich alles nur noch angekotzt." Er beschließt, sein Glück auf eigene Faust zu finden.

Aus einer heimlichen Zigarette mit Spielern wird eine Republikflucht

Über einen Freund engagiert er einen Fluchthelfer aus West-Berlin, muss sich jedoch bis Januar 1989 gedulden – erst dann spielt sein Klub wieder im Ausland. Im Intertoto-Cup, dem Vorläufer des UI-Cups, tritt Hansa bei Boldklubben 1903 in Kopenhagen an. Kruse wittert seine Chance und instruiert seinen Fluchthelfer.

Schon bei der Ankunft am Mannschaftshotel entdeckt er ein kleines Parkstück. Seine Teamkollegen Juri Schlünz und Axel Schulz überredet er, dort eine heimliche Zigarette mit ihm zu rauchen. Als er auf dem Weg ein kleines Geschäft sieht, lässt er sich zurückfallen. Der Vorwand: Er wolle nach einem Geschenk für seine Mutter suchen. Dann geht alles ganz schnell. Der Fluchthelfer kommt mit einem Taxi um die Ecke, Kruse steigt ein – nun gibt es kein Zurück mehr. Davon, dass er am Morgen zwei Beruhigungstabletten genommen hat, merkt er nichts. Nach außen soll er ruhig gewirkt haben. Innerlich hat er das Gefühl, jeden Moment umzukippen. "Ich stand zwölf Stunden am Stück unter Hochspannung", erinnert sich Kruse.

Über Rödbyhavn und Fehmarn fahren sie bis nach Hamburg, von dort geht es am nächsten Morgen mit dem ersten Flugzeug nach West-Berlin. Ein paar Stunden später findet sich Kruse in einer Suite des Interconti-Hotels wieder. Neben ihm eine gigantische Champagnerflasche, flankiert von einer kleinen Karte. Herzlich Willkommen in der Freiheit. Der 'Ossi' Kruse im Fünf-Sterne-Hotel mit Champagner. "Ich habe nur gedacht: Der Westen ist geil!"

Er bekommt freie Kost und Logis, eine Aufmerksamkeit des Hauses, damals Sponsor bei Hertha BSC. Dass Kruse beim Berliner Zweitligisten anheuern wird, steht lange fest, der Klub ist schon vor der Flucht involviert. "Der Ossi hat ja ein Problem mit Selbstvertrauen", sagt Kruse, "deshalb habe ich erst mal in der Zweiten Liga unterschrieben." Spielen darf er zunächst nicht. Weil sein "Transfer" nicht den Statuten des Weltverbandes entspricht, wird er von der Fifa gesperrt. Als er Ende Februar 1990 erstmals für Hertha BSC aufläuft, ist die Mauer schon gefallen.

Der Groll, den Kruse in der Nacht des 9. November empfand, war natürlich nicht von langer Dauer – auch, weil schon zwei Tage später seine Eltern vor der Tür standen. Nur 48 Stunden zuvor schien ein Wiedersehen noch unerreichbar, dabei waren sie sich zwischenzeitlich schon so nah. Als sich seine Eltern einmal mit einem Bekannten am Alexanderplatz trafen, stand Kruse auf der anderen Seite der Mauer am Brandenburger Tor. "Die Entfernung war ja nicht groß", sagt Kruse, "aber gefühlt lagen Lichtjahre zwischen uns." Nun konnten sie sich wieder in die Arme schließen.

Privates Lehrgeld

Er selbst scheute den Gang in die alte Heimat. Trotz des Mauerfalls, ein Grundmisstrauen gegenüber der zerfallenden DDR blieb. Außerdem missfällt ihm schon der Gang durch Ost-Berlin. Graue Häuserfassaden, stinkende Trabi-Abgase – im Kontrast zur funkelnden Welt des Westens wirkte der Osten noch trostloser als zuvor. Kruse hatte sich schnell an sein neues Leben gewöhnt.

Von sportlichen Anpassungsproblemen konnte ohnehin keine Rede sein. Bei Hertha schoss er in seinen ersten zwölf Spielen sieben Tore und die Berliner damit zum Aufstieg. Der Auftakt einer eindrucksvollen Bundesligalaufbahn. 1990 wechselte Kruse zu Eintracht Frankfurt, später zum VfB Stuttgart. Große Namen für einen Mann, der im kleinen Wolgast aufwuchs. Abseits des Platzes aber war vieles neu. Dass er nach einem Arztbesuch eine Rechnung bekam, kannte er aus der DDR nicht. Auch wegen der ständigen Knöllchen an seinem Auto zahlte er reichlich Lehrgeld. Im Vergleich zu den Ost-Fußballern, die erst nach dem Mauerfall in den Westen kamen, hatte er jedoch einen Erfahrungsvorsprung – und konnte vielen Kollegen helfen.

Auch wenn die Mauer für Kruse in vielerlei Hinsicht schon vier Monate zuvor gefallen ist: Der 9. November hat für ihn und seine Familie einen hohen Stellenwert. Was die Trennung von seinen Eltern bedeutete, sei ihm vor seiner Flucht gar nicht richtig klar gewesen, sagt Kruse. Heute empfindet er es als gewaltiges Glück, dass sein Sohn seine Großeltern treffen kann, wann immer er möchte.

Ob er alles noch einmal so machen würde wie im Juli 1989? Mit dem Wissen von heute, sagt Kruse, wohl eher nicht. "So etwas geht nur, wenn man ein junger Mann ist und nicht so viel nachdenkt." Auf seine Flucht ist er trotzdem extrem stolz. Seine Freiheit hat sich Axel Kruse selbst erkämpft.

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