25 Jahre Mauerfall

Das Internet ist für Anke Domscheit-Berg der zweite Mauerfall

Anke Domscheit-Berg wurde von der Stasi verfolgt und weiß heute als Netzaktivistin, wie sie ihre Daten schützen muss - und damit auch sich selbst.

Foto: Reto Klar

Resignation ist nicht ihre Sache. Resignation ist sogar etwas, das sich für sie praktisch ausschließt. Schließlich gibt es nichts, was sich nicht ändern könnte. Das hat Anke Domscheit-Berg gelernt, damals in den Wochen und Monaten rund um den 9. November 1989. "Das Undenkbare fand statt. Warum soll dann nicht alles andere auch klappen?", fragt sie rhetorisch.

Anke Domscheit-Berg ist heute als Internetaktivistin bekannt. Sie lebt in einem großen, alten Haus mit Gemüsegarten und Kater nahe dem Bahnhof im brandenburgischen Fürstenberg. Dass das Unmögliche wahr werden kann, diese Erfahrung ist für sie zur Lebensgewissheit geworden.

1989 studierte Anke Domscheit-Berg Textilkunst in Schneeberg im Erzgebirge. 21 Jahre alt war sie und lebte zusammen mit anderen Studenten in einer bescheidenen Unterkunft, die früher einmal von Bergarbeitern genutzt worden war. Gemeinschaftsküche für 35 Menschen, Gemeinschaftstoiletten, ein Telefon auf dem Gang. Weit weg von allem: von den aufregenden Geschehnissen in den Botschaften von Prag und Warschau, von den umwälzenden Ereignissen in Leipzig und Berlin.

Sie verschickte von dort aufwendig gestaltete Briefe an Freunde, erstellte im Fotografie-Unterricht künstlerisch ambitionierte Selbstportraits. Eine junge Frau, ein Mädchen eigentlich, das ernst und auffordernd in die Kamera blickt, die lockigen Haare immer ein bisschen wild. Ein Mädchen, das wohl nicht nur wegen der einfachen Qualität der Bilder irgendwie romantisch wirkt, doch hellwach.

Die Stasi liest mit

Und die FDJ-Sekretärin ist eine mit Stasi-Akte. Die Akte beginnt mit ihrer Eingabe im November 1988, als sie sich wegen des Verbots der russischen Zeitschrift "Sputnik" an die DDR-Führung wandte, erzählt sie. Von da an beobachteten sie die Stasi-Mitarbeiter. Als dann auch noch Briefe geöffnet eintrafen, war auch Domscheit-Berg alles klar.

Sie schrieb dennoch weiter: Tagebuch, Eingaben und Resolutionen an die DDR-Führung. Sie tippte nächtelang Dokumente der Opposition vor allem der Bürgerbewegung "Neues Forum" auf ihrer mechanischen Schreibmaschine ab. Jede relevante Information, die sie irgendwo aufgeschnappt hatte, etwa über den Verlauf von Demonstrationen und Polizeieinsätzen, schrieb sie auf und gab sie an andere weiter.

"Das waren unsere analogen Tweets." In der Überzeugung, dass die DDR-Führung ihre sozialistischen Ideale verrate. Natürlich bemerkte Anke Domscheit-Berg, wie ihre Post geöffnet wurde und einmal das Farbband falsch herum in der Maschine steckte. "Die wollten, dass ich das bemerke." Heute treffen sich in ihrer Küche in Fürstenberg Leute, die zu Workshops ins Haus kommen, oder Jugendliche aus der Region, die im sogenannten Labor Hardware-Teile für Computer zusammenbasteln.

Die private DDR-Kiste

Domscheit-Berg genießt das Licht in diesem großzügigen Raum. Ihr Notebook mit der abgeklebten Kamera und das Smartphone liegen auf dem Tisch neben ihr. Daneben steht ihr Archiv – ihre DDR-Kiste. Ursprünglich bestand sie aus lilafarbenem Plastik. Erst in den letzten zwei, drei Jahren hat sie diese gegen einen textilbespannten Karton in Grau ausgetauscht. Doch die Dokumente darin, die blassen Durchschläge, die Fotoalben, die Briefe, die Tagebücher sind von damals.

"Wir Studenten sind tief besorgt und beunruhigt über die gegenwärtige Krisensituation unserer Gesellschaft. Unser Land kann seine Jugend nicht halten, es gefährdet seine Zukunft", liest sie vor. "Wir können uns unsere Hoffnung für unsere Zukunft nicht zerstören lassen. Die Verharmlosung und Leugnung der Ernsthaftigkeit der Situation, die Gewaltausübungen seitens der Staatsführung machen einen Dialog von vornherein unmöglich." Beim Vorlesen blickt sie immer wieder hoch – und dann wieder auf ihre Finger und die dünnen Blättchen dazwischen. Als könne sie selbst nicht glauben, dass sie das geschrieben hat.

Unter den Papieren ist auch jener Tagebucheintrag über den 11. November 1989, als sie, zwei Tage nach der überwältigen Nachricht von der Grenzöffnung, mit ihren Eltern zum ersten Mal den Grenzübergang an der Bernauer Straße/Brunnenstraße überschritt und bald darauf auf der Mauer am Brandenburger Tor stand: "Wahnsinn, unbeschreiblich, Herrgott, gib mir Worte, das Maß an Emotion auszudrücken – unmöglich. Versuchen?" Noch immer jagt es ihr eine Gänsehaut über den Körper, wenn sie liest, was sie damals geschrieben hat. So lange ist das her. 25 Jahre, klar, aber gefühlt doch viel länger.

So viel hat sich verändert. Die alte Schreibmaschine von damals, deren Marke sie nicht mehr genau weiß, steht auf dem Dachboden ihrer Eltern. Eine 16Mbit-Leitung verbindet ihr Haus in Fürstenberg mit der Welt, sonst wäre sie gar nicht so weit aus Berlin-Mitte hinausgezogen. "Das Internet ist für mich eine Art zweiter Mauerfall."

Weltweit vernetzt

Domscheit-Berg ist heute weltweit vernetzt auf Twitter, Facebook, über ihre Website und ihre persönlichen Kontakte. Zu ihnen zählt ihr Mann Daniel Domscheit-Berg, der einst als Sprecher von Wikileaks an der Seite von Julian Assange stand. Jenem australische Whistleblower, der seit 2012 in London in der ecuadorianischen Botschaft ausharrt, um der Strafverfolgung wegen Vergewaltigungsvorwürfen in Schweden zu entgehen. Assange sieht sich bis heute aber als einen politisch Verfolgten.

Wie viele Computer sie und ihr Mann im Haus haben, kann Anke Domscheit-Berg gar nicht genau sagen. Es sind einige, unter anderem in der Hardware-Werkstatt im Parterre. Alle paar Wochen sitzen Anke und Daniel Domscheit-Berg in einer TV-Talkshow und diskutieren über den Schutz von Daten im Internet, die Rolle der Geheimdienste und ihre Erwartungen an die Bundesregierung.

Bis vor Kurzem war Anke Domscheit-Berg Politikerin der Piraten-Partei. Sie engagiert sich für die Gleichstellung von Frauen und die stärkere Beteiligung der Bürger an der Politik. Sie war IT-Strategie-Beraterin bei McKinsey und hat als Frau in der Wirtschaft und in der Öffentlichkeit einiges zu erzählen. Die wilde Mähne ist längst verschwunden. Heute trägt Domscheit-Berg schulterlange glatte Haare, der Scheitel ist bis zu einem Haarreifen im Zickzack gezogen.

Domscheit-Berg ist gerade erst 46 Jahre alt. Doch angesichts all dieser Veränderungen klingen ihre Erinnerungen an die Wendezeit wie die Kriegsgeschichten der Generationen vor ihr. Das, was sie in diesem Herbst 1989 erlebte, prägt sie bis heute. Darum kann sie auch diesen Fatalismus nicht verstehen, der viele Menschen angesichts der weitreichenden Onlineüberwachung durch Geheimdienste befällt.

Aussagen wie "ich kann ja sowieso nichts ändern" und "ich habe aber ja nichts zu verbergen" kann sie nicht nachvollziehen. Denn sie ist überzeugt: "Es gibt keine unschuldigen Informationen." Auch das hat sie in der DDR erfahren. So sei sie noch im September 1989 einmal von einem Stasi-Mitarbeiter erpresst worden: mit einem Paris-Stipendium, das sie in einem Sprach-Wettbewerb gewonnen hatte, und der Erwerbstätigkeit ihres Vaters. Der Stasi-Mann wollte, dass sie Informationen über Kommilitonen weitergibt. Als Gegenleistung dafür, in den Westen reisen zu dürfen.

Verschlüsselte Nachrichten

Das hat sich bis heute bei Anke Domscheit-Berg eingegraben. Darum hat sie für alle Fälle ein Kryptophon, eines jener Hochsicherheitstelefone also, wie sie auch die Mitglieder der Bundesregierung benutzen sollten. Darum schreibt sie heute verschlüsselte Nachrichten, darum kaschiert sie ihre Identität mitunter, wenn sie im Internet recherchiert. Vor allem aber hat sie ihre Überzeugung: niemals aufzugeben, die Veränderung zu versuchen.

"Auch wenn es 98 Mal nicht klappt, beim 99. Mal könnte es geschehen." Ihre Lehren: "Wir sind die Ameisen, die einen Elefanten zu Fall bringen können. Wir wissen, wie wir Geheimdienste stürzen. Wir wissen, wie wir Grundrechte zurückbekommen. Wir wissen seit dem Runden Tisch, wie Partizipation geht." Sie blickt ganz fest, wenn sie das sagt. Das wird ihr niemand mehr nehmen.

Anke Domscheit-Berg, Mauern einreißen!: Weil ich glaube, dass wir die Welt verändern können, Heyne Verlag, 19,99 Euro

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