25 Jahre Mauerfall

Die Versöhnung zwischen Ost und West lässt auf sich warten

Kontroverse Diskussion: Die Berliner Morgenpost und radioBerlin 88,8 hatten zur zweiten Debatte über den Mauerfall geladen. Dabei offenbarten sich viele offene Streitpunkte.

Foto: Reto Klar

Man könnte Gerald Praschl als Besserwessi abtun. Als einen, der nicht dabei war, aber den einstigen DDR-Bewohnern erklären will, wie die Welt, in der sie Jahre oder Jahrzehnte ihres Lebens verbracht haben, funktioniert hat.

Doch das wäre zu einfach. Denn Praschl wurde zwar nicht in Erfurt, Weimar oder Ost-Berlin geboren, sondern im bayerischen Burglengenfeld, doch nach dem Mauerfall zog der 46-Jährige nach Berlin.

Und dort führte er als Chefreporter der "Superillu" Gespräche mit hochrangigen Stasi-Funktionären, aber auch mit denen, die unter dem "Schild und Schwert der Partei", wie die Machthaber den Stasi-Apparat beschönigend genannt hatten, massiv gelitten haben.

Vergleich von Stasi mit Google

Über die DDR und die Befindlichkeiten in Ost und West 25 Jahre nach dem Mauerfall weiß der Mann, der Ostdeutschland als "meine Heimat" ansieht, einiges zu berichten. Bei der Diskussion am Mittwochabend, veranstaltet von der Berliner Morgenpost und radioBerlin 88,8 des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), mahnte Praschl "historische Genauigkeit" an. Die Biografien von Ostdeutschen seien vielschichtiger, als es Kategorien wie "Täter" und "Opfer" suggerierten. Praschl warb für Differenzierung und wollte der Diskussion im Haus des Rundfunks Schärfe nehmen.

Als die Linken-Politikerin Kerstin Kaiser klagte, dass alle über die Staatssicherheit diskutierten, aber zu wenige über das Datensammeln von Google oder der NSA, wurde es aber selbst Praschl zu viel. "Der Unterschied ist, dass die Menschen wegen Google nicht um fünf Uhr morgens von der Geheimpolizei abgeholt werden", fuhr er Kaiser ins Wort. Die etwa 150 Zuhörer hatte Praschl auf seiner Seite.

Das verwunderte kaum. Denn Kerstin Kaiser hatte sich in der FDJ als Stütze der SED-Regimes erwiesen. Während ihres Studiums im damaligen Leningrad hatte die frühere Brandenburger Linken-Fraktionsvorsitzende die Stasi als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) über Charaktereigenschaften und politische Standpunkte ihrer Kommilitonen informiert. RadioBerlin-88,8-Moderator Ingo Hoppe, der den Abend mit Morgenpost-Autor Hajo Schumacher leitete, fragte Kaiser denn auch, ob sie es nicht "schräg" finde, wenn eine Stasi-Zuträgerin die Internetausspähung kritisiere. Schumacher ließ sich zu dem ironischen Zwischenruf hinreißen, ob Kaiser angesichts der neuen Überwachungsmethoden neidisch sei.

Ein Stasi-Funktionär im KaDeWe

Die Kritik fokussierte sich auf Kaiser – und sie lieferte Steilvorlagen. "Ich bin die größte Gegnerin dieser Diktatur", sagte sie. Die Linke habe sich zu ihrer Verantwortung bekannt, niemand in ihrer Partei wolle die DDR zurück und die Mächtigen von früher würde man bei der Linken gar nicht mehr finden. Honeckers Erben also nicht als Täter, sondern als Opfer falscher Anschuldigungen, als Vorreiter für die Aufarbeitung des DDR-Unrechts und als Mahner für Bürgerrechte – Mario Röllig schien innerlich zu explodieren, während Kaiser referierte. Das ist nachvollziehbar.

Denn während die frühere SED-Parteigängerin der Kooperation mit der Stasi ihr Auslandsstudium und eine Anstellung als Lehrerin an der Parteischule Karl Liebknecht verdankte, musste Röllig, weil er in der DDR Rückgrat bewiesen hatte, ins Gefängnis. Die Stasi hatte ihn aufgefordert, seinen damaligen Lebensgefährten, einen West-Berliner Politiker, auszuspionieren. Doch Röllig, wie Kaiser damals keine 20 Jahre alt, lehnte ab, wurde unter Druck gesetzt und versuchte im Juni 1987 über Ungarn nach Jugoslawien zu fliehen. Nachdem die Polizei ihn aufgegriffen hatte, sperrte ihn die DDR-Führung für drei Monate ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen.

Im März 1988 wurde Röllig ausgebürgert. Als ihn sein Vater eineinhalb Jahre später aus dem Schlaf klingelte und sagte, dass die Mauer gefallen sei, wollte Röllig es erst nicht glauben. Später freute er sich, hatte aber auch Angst. "Die Mauer hat mich ja auch geschützt", sagt er. "Vor diesem Stasi-Pack und den Spitzeln." Jahre später habe er seinen damaligen Vernehmer aus dem Stasi-Knast im KaDeWe getroffen. Der Mann habe Zigarren für weit über 1000 D-Mark gekauft.

Als Röllig ihm die Chance für eine Entschuldigung geben wollte, habe der einstige Stasi-Funktionär gesagt: "Sie waren damals zu Recht im Gefängnis." Heute sagt Röllig: "Diejenigen, die damals kräftig mitgemacht haben, haben jetzt kein Recht, darüber zu diskutieren." Wie er an seine Zeit in der DDR zurückdenke? "Ich bin dankbar, das ich zwei Welten kennengelernt habe, und ich hatte eine tolle Kindheit. Aber das lag nicht an der DDR, sondern an den Menschen in meinem Umfeld."

Die DDR: Ein Unrechtsstaat?

Das SED-Regime und die Stasi waren das eine. Das alltägliche Leben in der DDR war oft etwas anderes – solange die Stasi sich nicht einmischte. Der Begriff Unrechtsstaat sei daher angemessen, sagte der Politikwissenschaftler Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität. Denn die Entscheidungen der Obrigkeit seien willkürlich gewesen, und der Einzelne habe sich dagegen nicht wehren können. "Unrechtsstaat bedeutet aber nicht Unrechtsgesellschaft", sagte Schroeder. Das System müsse delegitimiert werden, nicht aber die Lebensleistung der Menschen.

"Das Problem ist, dass viele Politiker nicht zwischen dem System und der Lebenswelt der Menschen unterschieden haben", sagte Schroeder. Der Linken warf er vor, jegliche Kritik an ihrer Partei als Angriff auf die Ostdeutschen zu interpretieren. Wie recht er damit hatte, zeigte – wenn auch unbeabsichtigt – Kerstin Kaiser in einem kaum beachteten Nebensatz. Es gebe nun mal eine Partei, die aus dem Osten kam, sagte sie. Sie suggerierte damit, dass sich die Kritik an der Linken nicht auf ihre Rolle als Nachfolgeorganisation der SED und auf den Umgang damit bezöge, sondern auf die regionale Herkunft der Partei.

Adriana Lettrari, Jahrgang 1979, könnte sich aus einer Debatte über ost-west-deutsche Befindlichkeiten 25 Jahre nach dem Mauerfall und individuelle Verantwortung heraushalten. Als die Mauer fiel, war sie zehn Jahre alt. Doch die in Neustrelitz geborene Politikwissenschaftlerin will sich mit der Zeit, in der ihre Eltern groß wurden, befassen – und gründete das Netzwerk Dritte Generation Ost. "Viele unserer Eltern reden nicht über ihre Erfahrungen, daher müssen wir das jetzt machen", sagte Lettrari. In den Jahren nach der Wende seien viele Ostdeutsche mit der Umbruchsituation beschäftigt gewesen. "Jetzt ist die Zeit für Reflexion da."

Die Bereitschaft ist da, das zeigte die Diskussion im Haus des Rundfunks. Viele Argumente hätten auch wenige Jahre nach dem Fall der Mauer ausgetauscht werden können. Die Reaktionen und das Unverständnis, teils sogar die Wut, zeigen allerdings, dass viele Diskussionen, auch 25 Jahre nach 1989, von Missverständnissen geprägt sind. Klaus Schroeder vom SED-Forschungsverbund sagte: "Angesichts dieses gigantischen Umbruchs ist es aber gut gelaufen."

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