Weihnachtsmarkt

Holy Shit Shopping: „Früher war mehr Trash“

Seit 16 Jahren ist Ulrike Kabyls Holy Shit Shopping ein Erfolg. Dieses Mal findet der alternative Weihnachtsmarkt virtuell statt.

Ulrike Kabyl ist die Frau hinter Holy Shit Shopping. In diesem Jahr findet der Weihnachtsmarkt digital statt.

Ulrike Kabyl ist die Frau hinter Holy Shit Shopping. In diesem Jahr findet der Weihnachtsmarkt digital statt.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Am Anfang stand eine Schnapsidee. „Oder eher eine Bieridee“, sagt Ulrike Kabyl und lacht. Vor 16 Jahren veranstaltete die Berlinerin gemeinsam mit ihrer Freundin Harriet Udroiu das erste Holy Shit Shopping im Café Moskau an der Karl-Marx-Allee. Die Idee: ein alternativer Weihnachtsmarkt. Urban, modern, mit DJ statt besinnlicher Schunkelmusik, einer Bar und vor allem mit Kunst- und Designerständen statt mit Festtagsnippes. 4000 Menschen standen auf Anhieb vor der Tür, Jahre später im Kraftwerk an der Köpenicker Straße kamen sogar einmal 19.000. Aus dem anfänglichen Spaß ist für Kabyl und Udroiu mittlerweile auch ein Business mit Ablegern in Hamburg, Köln und Stuttgart geworden. Doch natürlich ist auch beim Holy Shit Shopping in diesem Jahr alles anders als sonst.

Onlineshop mit kuratierten Designerprodukten

Ausfallen lassen sei keine Option gewesen, sagt Kabyl. Als sich abzeichnete, dass Weihnachtsmärkte im Coronawinter, wenn überhaupt, nur dezentralisiert, beispielsweise als Glühweinspaziergang, stattfinden können, musste eine Alternative her. Seit 2017 gibt es von Holy Shit Shopping auch einen Onlineshop. Mit ausgewählten und von den Macherinnen kuratierten Designerprodukten. Auf dieser Idee wurde 2020 aufgebaut und auf holyshitshopping ein virtueller Marktplatz mit rund 150 Designern, Künstlern und Manufakturen geschaffen, die hochwertige Lifestyle-Produkte aus den Bereichen Mode, Schmuck, Möbel- und Produktdesign, Kunst, Fotografie, Literatur und Feinkost anbieten. Holy Shit Shopping stellt den Rahmen und die Reichweite zur Verfügung. Anders als beim kuratierten Onlineshop erfolgt die Bestellung direkt beim Designer. Der Aufwand sei sonst nicht zu stemmen, sagt Ulrike Kabyl. Neben ihrer Partnerin gibt es noch eine weitere Mitarbeiterin, der Arbeitsansturm zum Ende des Jahres wurde in der Vergangenheit mit freien Mitarbeitern bewältigt.

Beim virtuellen Marktplatz können sich die Designer nun für einen Unkostenbeitrag in Höhe von 39 Euro präsentieren. Sie verdiene damit kein Geld, sagt Ulrike Kabyl. „In diesem Jahr geht es nicht um uns, sondern um die Designer. Dass sie überleben.“ Viele seien dem Markt seit Jahren verbunden und erwirtschafteten dort den Umsatz für mehrere Monate. Und ohne die Designer gebe es schließlich im kommenden Jahr auch keinen Markt mehr. „Es hilft der Marke, dass sie präsent ist. Und wir bündeln das unter dem etablierten Namen. Denn wer findet denn sonst eine kleine Schmuckdesignerin?“ Hilfe zur Selbsthilfe also. Das Feedback sei bisher gut, auch wenn noch nicht absehbar sei, ob das Konzept auch virtuell ein Erfolg werde.

„Wir achten natürlich darauf, dass bei uns niemand Hakenkreuze verkauft“

Für den virtuellen Marktplatz wurden Einladungen an die bisherigen Teilnehmer verschickt. Anmelden konnte sich aber theoretisch jeder. Nur im Notfall werde man eingreifen, so Kabyl. „Wir achten natürlich darauf, dass bei uns niemand Hakenkreuze verkauft.“ Grundsätzlich seien Markt, Designer und Angebot aber über die Jahre gemeinsam organisch gewachsen. Sie sei selbst beeindruckt von den tollen Ideen und dem Niveau, das sich beim Holy Shit Shopping etabliert habe. Bei den seit 2004 stattfindenden Märkten werden Kabyl und Udroiu nach anfänglichem Klinkenputzen inzwischen von Designern bestürmt. Deshalb haben sie den Luxus, von allen Anbietern nur die mit der besten Qualität auszuwählen, sagt Kabyl. Der lokale Bezug ergebe sich automatisch, weil nur größere Händler die Reisekosten auf sich nehmen. Dazu sei ihnen Vielfalt wichtig und immer mehr auch Nachhaltigkeit. Nicht nur aus persönlicher Überzeugung, sondern schon allein deshalb, weil die Nachfrage hoch sei. Während sie am Anfang noch mit einer Strohstern-freien Zone geworben habe, sei nun alles voll damit. Das Weihnachtsmarkt-Image habe sich sehr gewandelt. „Früher war mehr Trash“, sagt sie.

Ulrike Kabyl stammt ursprünglich aus Magdeburg, kam wenige Monate vor der Wiedervereinigung nach Berlin, studierte Wirtschafts- und Gesellschaftskommunikation an der HdK und arbeitete dann als TV-Journalistin und betreibt noch heute das Restaurant mit Bar „Kantine Kohlmann“ an der Skalitzer Straße. „Bei mir ist es immer ein Mix aus Sachen, die so rumfloaten und ich kann mich nicht entscheiden“, sagt sie. „Also mache ich erst mal alles, bis ich einen Nervenzusammenbruch bekomme.“ Ihre Geschäftspartnerin hat einen Hintergrund mit französischer Literaturwissenschaft. „Wir sind da so reingeraten“, so Kabyl über die ersten Jahre von Holy Shit Shopping. „Wir haben das einfach gemacht und geguckt, was passiert.“ Und es passierte ziemlich viel, ziemlich schnell. Nach dem Café Moskau zog der Markt in die Alte Münze, ins Kraftwerk und zuletzt in die Arena in Treptow, im dritten Jahr kam Hamburg dazu, dann Stuttgart und Köln. Früher sei sie nebenbei viel durch die Welt gereist, heute arbeite sie schon ein halbes Jahr vorher wieder am nächsten Markt.

Dass sie als Gastronomin und Holy-Shit-Shopping-Initiatorin in diesem Jahr nun ungewohnt viel Freizeit habe, habe auch seine Vorteile, sagt Ulrike Kabyl. Zum ersten Mal seit langer Zeit, könne sie mit ihrem Vater Geburtstag feiern – und der werde immerhin 80. Mit den finanziellen Unterstützungen sei sie zudem besser aufgestellt, als wenn sie mit vollem Personal ein halbvolles Restaurant betreibe. „Nächstes Jahr trinken wir dann wieder zusammen Glühwein und nehmen uns in den Arm. Dann ist es wieder bummsvoll und die Designer sind happy. Und dann sind wir auch happy.“

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