Interview

Dirk Zöllner: „Ich lebe noch wie ein Student“

Dirk Zöllner ist Sänger, Komponist und Autor. Im Interview erzählt er, was Jungsein für ihn bedeutet.

Der Sänger Dirk Zöllner (58) hat einen turbulenteren Familienalltag als viele seiner Altersgenossen.

Der Sänger Dirk Zöllner (58) hat einen turbulenteren Familienalltag als viele seiner Altersgenossen.

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Berlin. Bereits auf den ersten Blick fällt auf, dass Dirk Zöllner sich deutlich jünger gibt, als die meisten seiner Altersgenossen in den Sechzigern. Lässig trägt der 58 Jahre alte Sänger während seines Auftritts auf der Bühne im Berliner Pfefferberg Theater seine Anzughose vorne in seine schwarzen Leder-Stiefeletten reingesteckt. Wie ein Hippie lassen ihn seine rot und grün glänzenden Ohrringe wirken.

Seine tiefschwarze Hipster-Sonnenbrille, eine mit viel zu großen Gläsern und mit fettem, abstehenden Rahmen, die er noch kurz zuvor während unseres Interviews in der dämmrigen Künstlerkabine trug, hat er nun bei seinem Auftritt gegen eine klassische Nerd-Lesebrille mit ganz runden, o-förmigen Gläsern ausgetauscht. Sein Freund, der Gitarrist Andre Drechsler, trägt das gleiche Modell – wie Zwillinge im Partnerlook.

Auch Zöllners schlanke Figur verrät auf den ersten Blick nicht, dass er eigentlich ein Sportmuffel ist – er hat keinen Bierbauch wie viele andere Männer im gehobenen Alter. Statt Bier trinkt Zöllner sowieso viel lieber Rotwein. Nicht nur privat, sondern auch gerne mal bei seinen Auftritten. Heute allerdings mal nicht auf der Bühne, dafür aber im Vorfeld während unseres Interviews.

Dennoch wirkt er hellwach. Nur Zöllners grauer Vollbart und die heller werdenden Haare, die er mittlerweile deutlich kürzer trägt als noch in seinen Dreißigern, verraten, dass er älter geworden ist. Auf der Bühne jedoch singt er noch fast genauso laut und leidenschaftlich wie damals, als er im Alter von 22 Jahren seine Musikerkarriere begonnen hat. Mit seiner damaligen Band „Die Zöllner“ brachte Dirk Zöllner zahlreiche Hits wie etwa „Café Größenwahn“ oder „Goldene Zeiten“ heraus.

Sein Buch „Herzkasper“ – kurzweilig wie eine Gute-Nacht-Geschichte

Seitdem ist eine Menge Zeit vergangen, an seinem Lebensstil habe sich allerdings kaum etwas geändert, so der Sänger. „Mit meinen fast 60 Jahren lebe ich immer noch wie ein Student. Antiautoritär, in Kommune mit Freundin und Kindern. Das Haus steht offen für Gäste“, liest der 58-Jährige aus seinem neuen Buch „Herzkasper“ vor. Während er so munter dem Publikum seine Geschichte halb vorsingt, hat es was von einer unterhaltsamen Gute-Nacht-Geschichte, die ein Vater seinen Kindern zum Einschlafen vorliest. Darin ist Zöllner geübt, denn Kinder hat er gleich vier an der Zahl, der Jüngste ist gerade mal drei Jahre alt.

In den Schlaf verfällt sein Publikum bei der Vorlesung allerdings nicht. Ganz im Gegenteil weiß der Entertainer, wie er die Leute unterhält und zum Lachen bringt. Wenn er, völlig in seinem Element, die Seiten seiner Gitarre schwingt, wird es um ihn herum plötzlich so mucksmäuschenstill, dass einzig allein seine kräftige, tiefe Stimme im ganzen Saal zu hören ist.

Den anschließenden Applaus scheint er sichtlich zu genießen. Wenn man Zöllner so zuschaut, wie dynamisch und lebendig er sich auf der Bühne bewegt, könnte man meinen, dass er auch noch problemlos mit seinem 30-jährigen Ich mithalten könnte. „Auf der Bühne fühle ich mich lebendig“, antwortet er, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, auf die Frage, in welchen Momenten er sich jung fühlt. Die Euphorie dabei ist in seinen Augen zu erkennen, die plötzlich durch die Gläser seiner überproportional großen Sonnenbrille leuchten.

„Ohne meine Musik würde ich eingehen wie eine Primel“

Ist es genau das, was ihn jung hält? „Unter anderem“, lautet Zöllners Antwort. „Ohne meine Musik würde eingehen wie eine Blume, eine Primel, die kein Wasser mehr kriegt.“ Vorstellen mit 67 in Rente zu gehen, könne er sich auf gar keinen Fall. Unter anderem aber auch, weil er bei der Künstlersozialkasse rentenversichert ist und er noch nie ein Freund vom sparsamen Leben war. „Ich will immer auftreten, so lange ich laufen kann.“

Sein Beruf unterscheide ihn in vielerlei Hinsicht von anderen, vor allem aber, weil er sein eigener Chef ist und sich somit nicht in einem engen Korsett befinde. „Dadurch lebe ich in weniger Strukturen und kann somit jünger bleiben“, sagt er. Das habe Zöllner schon häufig beobachtet, etwa auf Elternabenden, bei denen zwar einige der anderen Eltern vom Alter her jünger waren, aufgrund ihrer Lebensumstände jedoch deutlich älter auf ihn wirkten.

„Ich bin überzeugt, Jungsein ist die Freiheit des Geistes. Wenn man keinen Unternehmungsdrang mehr hat und immer nur noch das Gleiche macht, dann ist man alt“, so Zöllner. Für ihn hingegen gibt es noch eine Menge Orte, die er noch von der Welt sehen möchte, wie etwa Südafrika. „Eine wesentliche Sache ist auch zu reisen“, sagt der Musiker und fügt hinzu: „Ich zum Beispiel lebe immer auf gepackten Koffern.“

Auch in einem eigenen Haus zu leben, könne er sich absolut nicht vorstellen. „Darauf würde ich nie kommen, dann ist man ja geknebelt und gefesselt. Für mich ist das nichts.“ Stattdessen lebt er lieber in einer großen, schönen Mietwohnung. Auf Ordnung lege er keinen großen Wert. „Ich lebe nicht wie ein Assi, aber ordentlich bin ich auch nicht“, sagt er. So könne es bei ihm auch mal wie „Kraut und Rüben“ aussehen, wenn er zum Beispiel überall auf den Boden seine Millionen Notizzettel verteilt. Außerdem seien seine Türen immer offen für Freunde, die meisten von ihnen, so Zöllner, sind ebenfalls jung Gebliebene, die regelmäßig zu Besuch kämen. Genau das bedeutet für Zöllner zu leben wie ein Student. Er selber hat allerdings nie studiert.

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