30 Jahre Deutsche Einheit

Inka Bause: „Ich bin kein Opfer der Wende“

Inka Bause über vergessene Musik aus dem Osten und warum die Einheit das schönste Erlebnis in der jüngsten deutschen Geschichte ist.

Inka Bause bei der Verleihung der Goldenen Kamera 2019.

Inka Bause bei der Verleihung der Goldenen Kamera 2019.

Foto: Eventpress

Berlin. Als „Inka aus der DDR“ wurde Inka Bause 1990 in der „ZDF-Hitparade“ zu einer Vorbotin des Zusammenwachsens zweier bis dahin geteilter Länder. Als erste ostdeutsche Interpretin wurde sie vom Publikum auf Platz drei gewählt. Später wurden Alben von Jack White und Leslie Mandoki produziert.

Als Moderatorin der RTL-Sendung „Bauer sucht Frau“ ist die 51-Jährige seit 2005 in ganz Deutschland unterwegs und überall gleichermaßen beliebt. „Die Wiedervereinigung ist das schönste Ereignis, das uns Deutschen passieren konnte“, sagt Bause. Trotzdem gebe es in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute ein Ungleichgewicht zwischen Künstlern aus Ost und West.

Frau Bause, taugt die Musik als einendes Element zwischen allen Deutschen?

Inka Bause Da muss ich leider ein bisschen widersprechen. Denn es ist leider eine Tatsache, dass, wenn beispielsweise ein Sampler herausgebracht wird wie „Die 100 größten deutschen Schlager“, kaum ein Osttitel dabei ist. Vielleicht mal Karat oder die Puhdys. Aber dann hört es schon auf. Da wird noch heute häufig eine Hälfte des Landes vergessen. Ich finde das sehr bedauerlich.

Eine kulturelle Einheit ist also auch nach 30 Jahren nicht in Sicht?

Ich glaube, das wird auch nicht mehr passieren, weil diese Generation ausstirbt. Ich sehe das an meiner Tochter, wo die Grenzen endlich verwischen. Und das finde ich fantastisch. Aber das musste sich wie eine kleine Wunde schließen. Ich gehöre zur jüngsten Generation, die die DDR noch als Sängerin vertreten hat, ich kann das sagen, ohne mich der Beschönigung verdächtig zu machen, wie es meinen älteren Kollegen oft vorgeworfen wird. Für uns alle war die Situation damals neu. Beide Seiten haben Fehler gemacht. Es gibt auch ganz viele Geschichten, wo die Ossis unerträglich waren. Aber ganz im Allgemeinen verbindet Kunst und Kultur natürlich immer. Ob Neo Rauch aus Leipzig oder aus Stuttgart kommt, ist doch egal. Er ist eine Größe auf dem Europäischen Kunstmarkt made in GDR. Das muss uns verbinden. Und mein Vater hatte auch Hits im Westen. Diese Ausnahmen gab es zum Glück.

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Ich bewundere ihn dafür sehr. Er war einer der wenigen Wessis, die sich in dieser Hinsicht richtig für ihr Publikum ins Zeug gelegt haben. Der politisch geworden ist und trotzdem mit Humor. Ich finde das grandios. Der „Sonderzug nach Pankow“ sollte einen Musiknobelpreis bekommen. Also, wenn es ihn gäbe. Das ist ein Meisterwerk. In der Popularmusik ist er für mich der gesamtdeutsche Künstler der damaligen Zeit schlechthin.

Wenn Sie heute deutschlandweit bei Scheunenfesten unterwegs sind, wird dann überall die gleiche Musik gehört?

Natürlich. Bei den Hits der neuen Generation spielt das keine Rolle. Und es gibt viele gesamtdeutsche Künstler, so wie Die Prinzen, Rammstein, Annett Louisan oder Clueso, die auf ostdeutschem Terrain geboren sind. Ich würde sagen, Die Prinzen waren das erste professionell erfolgreiche Ost-West-Gespann. Wo die Ossis wussten: Toll, die kommen von uns. Bei jüngeren Künstlern interessiert das zum Glück niemanden mehr, woher die kommen.

Manches, wie beispielsweise in Berlin die Wahl der Tageszeitung, wird aber auch über Generationen hinweg bis heute weitergegeben.

Meine Tochter, Jahrgang 1996!, sagt, sie ist Ossi. Sie ist stolz darauf, aber klar, sie ist geprägt. Die „Berliner Zeitung“ hätte sicher gerne mehr Abonnenten im Westteil der Stadt und die „Morgenpost“ sicher im Ostteil. Ich finde das spannend. Ich schau’ mir ja auch nicht das Regionalfernsehen vom BR an, sondern die Abendschau vom RBB. Ich finde, das Gesicht auf der Kinderschokolade ist eine ganz schöne Allegorie, wenn man mal begreiflich machen möchte, wie wir Ostler uns im Großen gefühlt haben, als die Vergangenheit plötzlich nicht mehr existierte. Wenn Gebäude abgerissen und Lieder nicht mehr gespielt wurden. Und wenn man das traurig fand, war man Ostalgiker. Das neue Gesicht auf der Kinderschokolade hat die Ossis interessiert wie die Wasserstandsmeldung, während der Westen kollektiv Burnout bekam. Potenziert und im übertragenen Sinne hat das für die Ossis mindestens zehn Jahre jeden Tag stattgefunden. Das sollte man sich als Wessi mal vor Augen halten.

Sie sind deutschlandweit gleichermaßen beliebt. Sind Sie für die Ossis trotzdem noch ein kleines bisschen lieber Identifikationsfigur?

Ich sehe mich gar nicht als Identifikationsfigur. Und dass ich als Ostler zu RTL gekommen bin, habe ich einem Redakteur aus Rostock zu verdanken. Das war ein riesiges Glück für mich. Wenn es ihn nicht gegeben hätte, wer weiß ... Ich hätte sicher beim MDR mehr zu tun. Als Moderatorin bin ich vielleicht in Ost und West gleichermaßen anerkannt. Musikalisch hingegen überhaupt nicht. Wenn ich morgen als Sängerin in Köln gebucht würde, könnte ich 80 Prozent meines Repertoires in die Tonne treten. Den „Florian“ vielleicht noch, und die neueren Songs, dann ist Feierabend. Das Gleiche in Dresden und die Leute fangen an zu weinen, wenn ich singe. Lieder von meinem Papa, von mir. Das macht die Menschen glücklich. Ich habe deshalb das Album „Lebenslieder“ mit diesen alten Songs gemacht, das Ende Oktober erscheint. Wahrscheinlich werde ich damit keine 15-Jährigen hinter dem Ofen hervorlocken. Aber vielleicht ein paar Fans, die es interessiert, was damals im Osten musikalisch los war. Wahrscheinlich kriege ich dann mit den Ossis ein Problem, weil die damit umgehen müssen, dass ich ihre ollen Kamellen plötzlich umgekrempelt habe. Aber ich möchte, dass ein Kölner oder Hamburger Lieder wie „Als ich fortging“ von Karussell kennenlernt, weil das fantastisch ist.

Die Wiedervereinigung hat Sie Ihre Karriere als Sängerin gekostet?

Das würde ich nicht so drastisch sagen. Ich war damals Anfang 20, ich hatte meine Erfolge, mich haben Jack White und Leslie Mandoki produziert. Und es gibt ja auch ganz viele West-Sänger, die keinen Erfolg mehr haben. Das mag ich nicht an einigen Kollegen, immer alles auf die Wende zu schieben. Welche Karrieren gehen schon 40 bis 50 Jahre? Ich habe mich in die Gesangskarriere nicht mehr so reingekniet, weil ich als Moderatorin Erfolg hatte. Ich habe meine Bauern, deshalb kann ich mir das jetzt als Privileg leisten. Ich bin kein Opfer der Wende, in keinerlei Hinsicht. Die Wiedervereinigung ist das schönste Ereignis, das uns Deutschen passieren konnte. Es gibt gerade Menschen, die verdienen durch Corona Millionen, andere verdienen aus dem gleichen Grund gar nichts mehr. Die Herausforderung ist, aus allem, was das Leben einem vor die Tür stellt, etwas zu machen. Und nie das Mitgefühl für den Anderen zu verlieren.

Ich habe mir vorhin Ihren Auftritt in der ZDF-Hitparade von 1990 angeschaut. Können Sie sich gut daran erinnern?

An jede Sekunde. Jede Probe, jeden Blick der Kollegen. Ich kann mich daran erinnern, wie traurig ich war, dass Dieter Thomas Heck nicht moderiert hat, sondern Uwe Hübner. Nichts gegen Uwe Hübner, aber Dieter Thomas Heck war für mich wie die West-Mark. Ich hatte das Gefühl, man nimmt mir etwas weg. Ich bin damals als erste Ostdeutsche Dritte geworden. Und das, obwohl man aus dem Osten nach West-Berlin telefonisch gar nicht durchkam. Es gab da immer Vorwahlen und niemand kam durch. Das war die erste Bestätigung, dass die Menschen mich vorurteilsfrei mögen, weil sie das Lied mögen, nicht weil sie meinen Vater kennen. Da war ich richtig stolz.

Sie hatten eine riesen Dauerwelle. Der universale 80er-90er-Jahre-Look. Oder hatten Sie das Gefühl, Sie wären anders gewesen als die westdeutschen Kollegen?

Überhaupt nicht. Wir haben ja abgeguckt ohne Ende. Der Westen sah damals aus wie der Osten. Ich glaube nicht, dass man mir den Ossi angesehen hat.

Und welche Musik hat Ihre Jugend geprägt?

Das sind ganz viele Ost-Titel. Aber natürlich auch Nena und die Neue Deutsche Welle. Ich bin ein großer Fan der Münchner Freiheit. Ich bin aber auch in der Großstadt aufgewachsen. In Berlin hatten wir immer Zugriff auf die West-Musik, da waren wir sehr verwöhnt. Wie haben fast nur RIAS und SFB gehört.

Zur Person: Inka Bause

Inka Bause wurde 1968 in Leipzig geboren. Ihr Vater Arndt Bause war einer der erfolgreichsten Schlager- und Popkomponisten der DDR. Nach dem Umzug der Familie nach Berlin wurde sie Mitte der 1970er-Jahre an der Musikschule Friedrichshain entdeckt. Später studierte sie Gesang an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“.

1984 trat sie mit dem Song „Spielverderber“ zum ersten Mal im Fernsehen auf. 1987 erschien ihr erstes Album „Inka“. Parallel begann sie auch als TV-Moderatorin zu arbeiten, beispielsweise in der Kindersendung „Talentebude“. 1989 erschien ihr zweites Album „Schritte“, mit dem Titel „Aber Du“ belegte sie 1990 in der ZDF-Hitparade als erste Ostdeutsche den dritten Platz. Nach der Wiedervereinigung veröffentlichte Bause weiterhin Alben wie „Ich geh’ durch die Nacht“ (1991) und „Sei happy“ (2002).

Gesamtdeutsche Bekanntheit erlangte sie aber vor allem als Moderatorin. Seit 2005 ist sie Gastgeberin der erfolgreichen RTL-Kuppelshow „Bauer sucht Frau“. Ende Oktober erscheint ihr Album „Lebenslieder“ mit den Hits ihrer Jugend.

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