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Wie sich Charlotte Link gegen den Krebs engagiert

Die Autorin Charlotte Link verlor ihre Schwester an den Krebs. Heute engagiert sie sich als DKMS-Life-Botschafterin.

Charlotte Link schrieb über ihren Schicksalsschlag das Buch „Sechs Jahre. Der Abschied von meiner Schwester“.

Charlotte Link schrieb über ihren Schicksalsschlag das Buch „Sechs Jahre. Der Abschied von meiner Schwester“.

Foto: julia baier

Berlin. Seit Jahren hat der Dreamball einen festen Platz im gesellschaftlichen Kalender Berlins. 2020 feiert das Charity-Event von DKMS Life, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, sein 15. Jubiläum. Coronabedingt am Donnerstag als digitaler Dreamday. Als prominente Botschafterin engagiert sich unter anderen Schriftstellerin Charlotte Link für die Organisation, die Krebspatientinnen mit Seminaren für mehr Wohlbefinden und Selbstwertgefühl unterstützt. Die Autorin verlor ihre Schwester an die Krankheit und schrieb darüber 2014 das Buch „Sechs Jahre. Der Abschied von meiner Schwester“.

Kann man sagen, Sie sind Homeoffice-erprobt oder gehen Sie zum Schreiben immer aus dem Haus?

Charlotte Link Nein, ich schreibe in meinem Arbeitszimmer zu Hause. Ich hatte also nicht die Umstellung, an die sich viele andere Menschen in den vergangenen Monaten gewöhnen mussten. Ich hatte aber eine Recherchereise geplant, ich wollte auf die Buchmesse fahren. Das ganze Leben um mich herum hat sich sehr verändert. Und dann ist Homeoffice plötzlich wirklich sehr „home“. Aber es geht mir besser als vielen anderen, ich will nicht jammern.

Wie sieht die Arbeit an einem neuen Roman bei Ihnen aus? Setzen Sie sich jeden Tag für eine bestimmte Zeit an den Schreibtisch oder warten Sie eher auf die Inspiration?

Das ist bei mir sehr geregelt. Ich fange immer um acht Uhr an und schreibe bis 16 Uhr. Danach ist noch Zeit für Recherche. Und das wirklich jeden Tag von Montag bis Freitag. In der Schlussphase auch am Wochenende. Ich nutze die Zeit, wenn ich allein bin, wenn mein Mann im Büro und meine Tochter in der Schule ist.

In welcher Phase sind Sie jetzt gerade?

Ich bin momentan komplett mit dem Schreiben durch. Im November erscheint mein neues Buch. Da habe ich gerade die Klappentexte geschrieben und die Druckfahnen korrigiert. Jetzt mache ich Pause.

Hat Sie dieses merkwürdige Jahr 2020 inspiriert? Haben Sie als Autorin das Bedürfnis, die Gefühle und Erlebnisse der vergangenen Monate zu Papier zu bringen?

Ich habe meine Gefühle auf jeden Fall notiert. Erst einmal nur für mich, ohne den Gedanken, daraus ein Buch zu machen. Es ist eine Ausnahmesituation, die auch mir sehr fremd ist. Ich weiß noch nicht, was ich daraus mache. Ich denke, ich brauche erst ein bisschen Abstand dazu. Ich habe drei Bücher über ein Ermittlerduo geschrieben, und deren aktuelle Geschichte endet im Herbst 2019. Wenn ich das also chronologisch weitermache, landen die Beiden in der Coronakrise. Da bin ich noch ein bisschen unsicher, weil wir gar nicht wissen, wie das weitergeht. Vielleicht sieht unsere Realität für Jahre so aus.

Sie haben die vergangenen Wochen auch genutzt, um die Kampagne „Krebs macht keine Pause“ von DKMS Life zu unterstützen. Wie sind Sie zusammengekommen?

Ich war 2014 zum ersten Mal Gast bei einem Podiumsgespräch für einen Charity Ladies‘ Lunch von DKMS Life. Damals hatte ich gerade mein Buch „Sechs Jahre“ über den Krebstod meiner Schwester geschrieben. Der Talk war sehr erfolgreich, wir haben ihn in verschiedenen Städten wiederholt.

Mussten Sie lange über diesen Schritt nachdenken oder war für Sie mit dem Erscheinen des Buches klar, dass Sie sich in den kommenden Jahren immer wieder mit diesem Thema auseinandersetzen werden, das für Sie sicher sehr emotional ist?

Ich bin seitdem von sehr vielen Seiten angesprochen worden. Von Ärzten beispielsweise. Ich habe vor Medizinstudenten über das Thema Empathie im Umgang mit Kranken gesprochen. Mir war von Anfang an klar, dass ich wenn ich dieses Buch schreibe, danach nicht wieder einen Schritt zurück mache und sage: Darüber spreche ich nicht. Ich wollte ja eine Botschaft transportieren.

Ist das bis heute Teil der Trauerarbeit oder verselbständigt sich das dann einfach irgendwann?

Ich würde es nicht als Teil der Trauerarbeit sehen. Der Verlust eines nahe stehenden Menschen ist eher zu einem Teil meines Lebens, zu einem Teil von mir selbst geworden. Es gehört zu der Person, die ich heute bin, ist von mir nicht mehr wegzudenken. Und so geht es ja sehr vielen Menschen, viele haben einen Angehörigen oder Freund durch die Krankheit Krebs verloren. Ich habe gemerkt, wie viel Gesprächsbedarf es in dieser Hinsicht gibt. Deshalb finde ich es wichtig, darüber zu sprechen und zu schreiben. Genau deshalb liegt mir die wertvolle Arbeit der DKMS Life auch so am Herzen. Hoffnung und Zuversicht können in besonders schweren Zeiten neue Lebensfreude schenken.

Hatten Sie damals vergleichbare Gesprächsmöglichkeiten?

Nein, ich hatte das gar nicht. Als das über uns hereinbrach, standen wir direkt im Worst Case Szenario und mussten unsere Aufmerksamkeit auf den medizinischen Teil richten. Ärzte, Therapien und alternative Möglichkeiten finden. Für Gespräche hatte ich gar keine Energie.

Ist es heute für Sie wichtig, sich mit anderen Angehörigen auszutauschen?

Ich suche das nicht. Ich bin da ein anderer Typ. Aber weil ich mich durch das Buch geöffnet habe, gerate ich zwangsläufig immer wieder in Situationen des Austauschs. Ich habe nach dem Buch waschkörbeweise Post bekommen. Man weiß schon vorher, dass man mit dem Schicksal nicht allein ist. Aber wenn es durch Menschen und ihre Geschichten greifbar wird, ist das schon eine Art Trost.

Sie sagen, Sie sind ein anderer Typ. Warum haben Sie dann das Buch trotzdem geschrieben?

Meine Schwester und ich haben häufig darüber gesprochen, dass ich irgendwann aufschreibe, was wir alles in den Jahren ihrer Erkrankung erlebt haben. Aber in der Zeit nach ihrem Tod war ich völlig paralysiert. Ich hatte meinen wichtigsten Bezugsmenschen verloren, meinen Gegenpol. Das ändert das Leben. Ich sage immer, ich bin amputiert. Man lernt, wieder zu laufen. Aber man läuft eben nicht mehr wie vorher. Ich habe dann versucht, meine „normalen“ Bücher weiterzuschreiben, aber das hat nicht funktioniert. Dann rief mich mein Verleger an und fragte, ob ich nicht über meine Schwester schreiben möchte. Und am nächsten Tag habe ich mich hingesetzt und das Buch ist aus mir herausgeflossen.

Krankenhäuser kommen in Ihrem Buch nicht gut weg. Sind Sie in der aktuellen Zeit sehr vorsichtig?

Nicht übertrieben, aber ich passe schon auf. In der Krankenhausmaschinerie möchte ich möglichst nicht landen, obwohl es da natürlich auch große Unterschiede gibt. Was Corona angeht, würde ich das hoffentlich wie eine Grippe überstehen, ich bin recht fit. Ich mache mir eher Sorgen um meine Eltern. Eine Botschaft der DKMS-Life-Kampagne ist aber auch: Vorsorgeuntersuchungen sollten trotz allem wahrgenommen werden. Auch wenn ich verstehen kann, dass man gerade nicht in einem Wartezimmer sitzen möchte.

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