Corona-Krise

Dieter Hallervorden will mit Mundschutz ins Theater

Private Theater bangen in der Corona-Krise um ihre Existenz. Dieter Hallervorden, Intendant des Schlosspark-Theaters, hat eine Idee.

Bietet seit der Corona-Krise Live-Aufführungen online an: Dieter Hallervorden, Intendant des Schlosspark Theaters.

Bietet seit der Corona-Krise Live-Aufführungen online an: Dieter Hallervorden, Intendant des Schlosspark Theaters.

Foto: Christoph Soeder / dpa

Es hat ein bisschen was von Dornröschen. Diese Assoziation hat zumindest Martin Woelffer, Intendant der Komödie am Kurfürstendamm, wenn er derzeit durch seine Spielstätte im Schiller Theater läuft. Das Bühnenbild steht verwaist, der Regietisch ist noch aufgebaut, da steht auch noch seine Wasserflasche. Und überall liegen Kostüme. Alles ist, wie im Märchen, stehen- und liegengeblieben.

Als der Berliner Senat zu Beginn der Corona-Krise am 10. März zunächst alle Kulturveranstaltungen ab 500 Personen untersagt hatte, hoffte Woelffer noch, vor reduziertem Publikum spielen zu können. Dann ging es „in Etappen abwärts“, wie er nun seufzt.

Schon Stunden später war klar, auch im Schiller Theater kann die geplante Premiere von „Mord im Orient-Express“ am 22. März nicht mehr stattfinden. Dann hoffte man, wenigstens noch die Probenarbeit beenden zu können. Aber auch das war schon zwei Tage später nicht mehr möglich. Nun schlummert das Musenhaus im Dornröschenschlaf.

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90 Prozent der Belegschaft in Kurzarbeit

Für Woelffer eine doppelte Katastrophe. Wenn Bühnen nicht spielen dürfen, ist das schon der Super-GAU. Aber ausgerechnet jetzt hat die Komödie eine Produktion gewagt, die deutlich über dem sonstigen Etat liegt. „Mord im Orient-Express“ kostet rund eine Million Euro, während die Stücke hier sonst im Schnitt zwischen 400.000 und 600.000 Euro liegen. Dank Katharina Thalbach als Regisseurin und ihrem prominenten Cast lief der Kartenverkauf auf Hochtouren. Aber dann gingen die Lichter aus.

Woelffer musste 90 Prozent der Belegschaft in Kurzarbeit schicken. Noch hofft er, im Sommer den Spiel-betrieb wieder aufnehmen zu können, im Juli oder August. Doch er fürchtet, dass Kultur erst wieder im Winter möglich sein wird. Und damit käme nicht nur sein Haus in eine prekäre Lage.

„Ich glaube, ich spreche nicht nur für uns und nicht nur für die Kultur, wenn ich sage, ein solcher Shutdown lässt sich höchstens zwei Monate aus der privaten Tasche finanzieren.“ Über die restliche Zeit könne man nur mit öffentlichen Zuwendungen hinwegkommen.

Angst vor einem Theatersterben

Woelffer findet zwar, dass Kultursenator Klaus Lederer sehr für die Kultur kämpft. „Ich habe aber auch den Eindruck, dass die zwar wollen, aber nicht wissen, wie, wenn das noch länger dauert.“ Über Monate lasse sich das allein von der Berliner Kulturverwaltung nicht stemmen. Und selbst wenn dann irgendwann die Pforten einmal wieder geöffnet werden dürfen, wird es, befürchtet Woelffer, „wohl ein großes Theatersterben geben.“

Ähnlich sieht es auch Philipp Harpain, der Leiter des Grips-Theaters. Auch für sein Kinder- und Jugendtheater war der Shutdown dramatisch. Gerade hatte man einen Regisseur aus Wien zu Gast, Frank Panhas. Als sie noch überlegten, ob man das Theater schließen müsse, diskutierte man in Wien bereits über eine Ausgangssperre. Innerhalb von Minuten habe man sich daher entschlossen, die Probenarbeit einzustellen.

Es gab noch weitere dramatische Fälle, einen Schauspieler etwa, der noch in Schweden war und erst mal nicht zurückkonnte. „Eigentlich wollten wir noch eine Woche proben, aber das war dann alles nicht mehr wichtig.“ Auch das Haus am Hansaplatz ist jetzt fast verwaist. 80 Prozent der Angestellten sind in Kurzarbeit. Die Technik wird natürlich weiter gewartet, auch das Haus kann nicht unbeaufsichtigt bleiben. Einen Einbruchsversuch gab es bereits.

Offener Brief an die Kulturstaatsministerin

Auch Harpain lobt den Senat: „Aus meiner Wahrnehmung machen die einen Superjob.“ Mit Woelffer und Intendanten anderer privater Theater von der Schaubühne bis zur Kabarettbühne Distel hat er am 7. April einen Offenen Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) geschickt mit dem Appell, dass es ohne unbürokratische und schnelle Hilfsmaßnahmen vom Bund zu einem massiven Theatersterben in der Stadt kommen werde.

Sein Haus sieht er erstmal gut aufgestellt. Aber das Herunterfahren war kompliziert, und das Hochfahren wird es auch. Zumal das Publikum beim Grips ja ein besonderes ist: Das sind „Erst-Theater-Gucker“, wie Harpain sie nennt. Die müssen an Kultur herangeführt werden, „das ist die kulturelle DNA der Gesellschaft, da haben wir eine große Verantwortung.“ Gleichzeitig gehören Kinder und Jugendliche zu der Gruppe, die am wenigsten von Corona befallen wird, das Virus aber munter übertragen kann. Da muss man auch die Mitarbeiter schützen.

Das Grips-Theater lässt aber den Kopf nicht hängen. Gerade hat es mit der Akademie für Kinder-Medien einen Online-Workshop für Nachwuchsautoren abgehalten. Schauspieler hielten auch schon eine Online-Lesung. Und dann plant Harpain tapfer für die nächste Saison und denkt auch schon darüber nach, wie man die Erfahrung der Corona-Krise für die Bühne verarbeiten kann. Das wird sicher ein großes Thema für die Zeit „danach“.

Aufführungen online im Schlosspark-Theater

Auch Dieter Hallervorden will nicht so lange warten, bis der Senat die Theater wieder öffnen lässt. Sein Schlosspark-Theater war gleich nach den Zwangsschließung eines der ersten Häuser, das Aufführungen online anbot. Und nicht einfach Aufzeichnungen älterer Produktionen zeigte, sondern Live-Aufführungen streamte. Damit das Grund-Erlebnis Theater das Gleiche bleibe.

Hallervorden hat auch den Offenen Brief der Privattheater an Monika Grütters mit unterzeichnet. An diesem Montag hat er nun einen zweiten im Alleingang hinterhergeschickt, um Grütters und Lederer ein paar Vorschläge zu unterbreiten, wie eine schrittweise Wiedereröffnung der Theater aussehen könnte. Selbstredend unter Einhaltung der erforderlichen Hygiene- und Verhaltensregeln.

Dieter Hallervorden schlägt Maskenpflicht vor

Der 84-Jährige schlägt unter anderem vor, jede zweite Sitzreihe leer und zwischen jedem Besucher freie Plätze zu lassen. Die Vorstellungen würden ohne Pause gespielt, der Gastronomiebereich geschlossen bleiben. Vor der Vorstellung könnten Mund- und Nasenschutzmasken verteilt und das Haus danach von einem speziellen Team desinfiziert werden.

Solche Vorschläge zeigen, wie sehr es die Kulturschaffenden drängt, wieder Programm anbieten zu können. Und dem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Ob sich Zuschauer aber tatsächlich schon wieder, wenn auch mit Mundschutz, in geschlossene Räume trauen, um Kultur zu erleben, bleibt fraglich.

Ein Hoffnungsschimmer immerhin. Das Publikum scheint treu zu sein. Und solidarisch. Das sagen die meisten Theater. Die wenigsten Besucher hätten bisher Geld für verfallende Tickets zurückverlangt. Stattdessen wird den Theatern eher Mut zugesprochen. Nach dem Motto: Haltet durch.

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