Berliner Musikerin

Balbina ist einfach nicht wie die anderen

Mit ihrem neuen Album „Punkt“ lässt die Berliner Sängerin Balbina die Grenzen des Popmainstream endgültig hinter sich.

Balbina veröffentlicht ihre Musik auf ihrem eigenen Label.

Balbina veröffentlicht ihre Musik auf ihrem eigenen Label.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. „Wut Wut. Schmerz Schmerz“, sagt das Plakat. Dazu das Bild eines elfengleichen Wesens. Gelassen wie die Mona Lisa schaut sie die Berliner in diesen Tagen von Hauswänden und Werbeflächen an. Balbina ist zurück, mit ihrem neuen Album „Punkt“. Das erste, das bei ihrem eigenen Label Polkadot erscheint. Die zwei Vorgänger hatte die 36-Jährige bei Four Music veröffentlicht. Gegründet von den Fantastischen Vier, kleine, alternativere Schwester von Sony Music. Aber eben nicht alternativ genug für Balbina.

Die Sängerin ist anders als der deutsche Popmainstream, das lässt schon das Plakat erahnen. Balbinas Musik erzählt von Vergänglichkeit, Verletzlichkeit und manchmal auch von Hoffnung und Liebe. Nur ohne Kitsch und einen gefälligen Refrain für die Heavy Rotation der Radiostationen. Stattdessen singt sie mit dunkler Stimme und rollendem R sprachverliebte Zeilen wie „Zwerge und Riesen, grüne Wälder und Wiesen. In der Welt hinter der Welt“.

Alles andere als Liebe auf den ersten Blick

Songs von Balbina sind wie Poesie. Dabei war es für die gebürtige Polin und die deutsche Sprache alles andere als Liebe auf den ersten Blick. Balbina Monika Jagielska wurde 1983 in Warschau geboren. Im Alter von drei Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Berlin und wuchs erst in Moabit, dann in Neukölln auf. Die anderen Kindern sprachen Deutsch oder Türkisch, die Neuangekommene verstand zunächst kein Wort.

In der Schule kämpfte Balbina weiter, bekam Förderunterricht, las unzählige Bücher, um die neue Sprache von Grund auf zu ergründen. Bis eines Tages endlich eine gute Note unter dem Diktat stand. „Ich habe seit frühester Kindheit den Komplex, nicht einwandfrei Deutsch sprechen zu können und dafür gehänselt zu werden. Aber aus diesem Komplex ist eine Liebe für die Sprache entstanden“, sagt sie.

Kommunikative Überforderung

Trotzdem hat sich das Gefühl des Nicht-Verstandenwerdens tief in ihre Erinnerung eingebrannt. „Das Erlebnis aus dem Kindergarten kommt immer wieder in mir hoch, wenn ich eine kommunikative Überforderung mit meiner Umwelt empfinde, wenn ich das Gefühl habe, ich versuche Leuten was mitzuteilen und komme überhaupt nicht weiter“, so Balbina. „Hier habe ich keinen Vater, ich verstehe nicht die Sprache. Ich verstehe nichts von dem, was mich umgibt. Ich bin jetzt ganz weit weg von der, die ich kenne“, singt sie im Song „Weit weg“.

Bereits in der Kindheit schrieb Balbina erste Texte, Ende der 90er-Jahre kam sie über ihre Hip-Hop-Affinität in Kontakt mit Künstlern des Independent-Labels Royal Bunker und veröffentlichte 2011 ihr Debütalbum „Bina“. Nebenbei begann sie ein BWL-Studium und arbeitete als Verkäuferin, bis sie ab 2015 komplett von ihrer Musik leben konnte. „Mich hassen oder lieben die Leute. Es gibt nichts dazwischen“, sagt sie über ihre Musik.

Deutscher Musikautorenpreis in der Kategorie „Text Pop“

Die Kritiker zumindest lieben sie. Als deutsche Björk wurde sie nach ihrem 2017er-Album „Fragen über Fragen“ gefeiert. 2018 wurde die mit dem Deutschen Musikautorenpreis in der Kategorie „Text Pop“ ausgezeichnet. In den Charts schaffte es die Platte immerhin auf Platz 33.

Mit „Punkt“ hat sich Balbina nun endgültig von allen Erwartungen befreit. Nicht nur von denen eines Majorlabels – mindestens ein dreiminütiger Song mit einem treibenden Beat, am besten mit einem Feature von einem temporären Artist, der gerade in den Charts ist – sondern vor allem auch von den eigenen an sich selbst.

„Nicht so herumgedoktert wie früher“

Statt technischer Perfektion bei der Aufnahme hat sie versucht, im Studio das emotionale Gefühl einer Live-Performance zu transportieren. „Ich habe an dem Album nicht so herumgedoktert wie früher. Ich habe mich immer wahnsinnig gestört an Sachen, die oberflächlich technisch nicht perfekt waren. Diesmal habe ich eher Takes genommen, bei denen ich das Gefühl hatte, da ist der Text am ehrlichsten, auch wenn es da dieses Kratzen gab.“ Das zuzulassen, habe sie viel Überwindung gekostet.

Die persönliche Entwicklung, die dahinter steckt liege am Alter und der damit wachsenden Akzeptanz ihrer selbst, glaubt Balbina. Deshalb sei „Punkt“ wohl das berühmte „persönlichste Album“ geworden. Zu ihren persönlichen Anliegen gehört für sie auch, sich als Mensch des öffentlichen Lebens zur politischen Situation in Deutschland zu äußern. Die nationalkonservative Regierung in ihrem Heimatland mache ihr große Sorgen, gleichzeitig „habe ich unfassbar große Angst, dass das gleiche hier passiert. Ich finde, dass die demokratische Basis komplett vergiftet ist. Als wenn sich rechtes Gedankengut wie eine Säure in die demokratische Substanz frisst“.

Sie verstehe es als Pflicht, aufzuklären und aufzuzeigen. „Es haben anscheinend noch nicht genug Leute verstanden. Rechtspopulisten sind Meister darin, mit den Sorgen und Ängsten der Bevölkerung auf Stimmenfang zu gehen. Ich glaube nicht, dass jeder Rechtspopulisten ein Faschist ist. Ich glaube, dass da viel Unwissenheit mit hineinspielt. Und da kann man durch Kommunikation verändern.“

2015 tourte Balbina mit Herbert Grönemeyer. Der Sänger ist ebenfalls dafür bekannt, politisch Stellung zu beziehen. Auf „Punkt“ ist er beim Song „Machen“ vertreten. „Was muss ich machen, damit sich etwas ändert?“ „Hemdärmel hochkrempeln, gegen Wände rennen. Nicht beugen, rennen für die Wende.“ Für Balbina ist das Lied der deutlichste Ausdruck ihres aktuellen Lebensgefühls.

Tochter libanesischer Einwanderer

Ein bisschen Mainstream ist dann aber doch auf „Punkt“ enthalten. Mit „Sonne“ hat Balbina einen fast 20 Jahre alten Rammstein-Song gecovert. In ihrer Version ist der Titel Teil der „Helden“-Kampagne von Nike. Zur zarten und doch opulenten Interpretation von Balbina wird die Geschichte der Berliner Boxerin Zeina Nassar erzählt. Die Tochter libanesischer Einwanderer begann im Alter von 13 Jahren mit dem Sport und gewann 2018 als erste Muslima die deutsche Meisterschaft in der Gewichtsklasse bis 57 Kilogramm. Sie kämpfte dafür, dass die International Boxing Association das Tragen von Sport-Hijabs in internationalen Kämpfen genehmigte.

Balbina sieht Parallelen zur eigenen Geschichte und Botschaft: Sei du selbst, egal was andere denken. „Es ist vor allem auch Geschmackssache, ob die Leute das mögen, was ich tue“, sagt sie. „Es geht darum, sich selbst zu verwirklichen und etwas zu tun, was man liebt. Glück im Alltag zu empfinden, weil man Dinge verwirklichen kann, von denen man immer geträumt hat. Egal ob man danach auf Gefälligkeit stößt oder nicht.”

Melancholische Note

Wut, Schmerz, Trauer. Das seien auch weiterhin die großen Themen ihrer Musik, sagt Balbina. Anders als bisher steht am Ende von „Punkt“ aber eine positive Botschaft. „Früher habe ich sehr viel gelitten. Alle meine Texte hatten eine tieftraurige und melancholische Note, die sich um Selbstzweifel und das Gefühl, nicht dazu zu gehören drehten“, sagt sie. „Dieses Album endet viel positiver, weil ich viel mehr Energie habe und eine Perspektive. Es hat sich etwas gedreht in meiner Einstellung. Es liegt in meiner Hand, wie ich die Umgebung wahrnehme. Ich kann meine Realität, meine Gegenwart selber zeichnen und bin nicht fremdbestimmt durch Erwartungen.“

„Ich habe gemerkt, dass es mir verdammt gut geht. Ich kann mich verwirklichen, ich kann einfach eine Platte aufnehmen“, sagt Balbina. „Es gibt Leute, die können nicht einmal auf die Straße gehen, ohne sich komplett zu verhüllen, weil sie dann verhaftet werden.” Sie haben mit ihrem neuen Album einfach das gemacht, worauf sie Lust hatte. Das Schlimmste, was ihr bei einem Misserfolg passieren könne, sei, dass sie nebenbei wieder als Verkäuferin arbeiten muss. „Aber trotzdem werde ich dann weiter Kunst machen, und bin super privilegiert in diesem Land.“

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