Lili Radu

Lili Radu: „Berlin ist eine krasse Stadt“

Die Berliner Handtaschendesignerin Lili Radu hat sich zum zehnjährigen Jubiläum ihres Labels komplett neu erfunden.

Designerin Lili Radu in ihrem Showroom an der Kollwitzstraße.

Designerin Lili Radu in ihrem Showroom an der Kollwitzstraße.

Foto: David Heerde

Berlin. 2009 in Mailand. Die gebürtige Frankfurterin Lili Radu studiert Fashion Management und Design an der SDA Bocconi Universität und wünscht sich eine Laptop-Tasche. Eine, die praktisch ist, aber auch stylisch, die auch beim After-Work-Aperitivo unter den gut angezogenen Italienern etwas hermacht macht.

Als sie nicht fündig wird, schreibt sie einen Businessplan, gründet ihr eigenes Label und entwirft das Wunschmodell einfach selbst. Als sie ein Jahr später mit einem winzigen Stadt auf der Modemesse Bread & Butter in Berlin steht, wird Apple auf sie aufmerksam. Das amerikanische Software-Unternehmen plant gerade die Eröffnung eines Stores auf dem Kurfürstendamm und möchte mit einem deutschen Label kollaborieren. Die Wahl fällt auf Lili Radu. Der Rest in eine Erfolgsgeschichte.

„Ich war damals eine One-Woman-Show und plötzlich stand dieser Gigant Apple vor mir“, erinnert sich Lili Radu heute beim Treffen in ihrem Showroom in Prenzlauer Berg. Sie entschied sich, ein wenig zu schummeln, erfand verschiedene E-Mail-Adressen, um ein größeres Team vorzutäuschen – mit Erfolg. Ihr kurz zuvor gegründetes Label Lili Radu bekam international Aufmerksamkeit. Bald verkaufte die 38-Jährige ihre Taschen in Japan und bei Bloomingdale’s in New York.

2014 gelang ihr der nächste große Coup. Mit Model Sarah Brandner, die damals noch mit Fußballnationalspieler Bastian Schweinsteiger liiert war, kooperierte sie für eine Kollektion bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. „Die Mannschaft“ mit Trainer Joachim Löw, die am Ende tatsächlich Weltmeister wurde, trug geschlossen ihre Taschen und hielt sie bereitwillig in jede Kamera. „Wir waren ein kleines Berliner Label, das war unglaublich. Andere Marken haben Millionen für diese Art von Werbung bezahlt“, sagt Lili Radu.

In den Folgejahren entwickelte sich das Label weg von rein funktionellen Designs hin zu eleganteren Lederhandtaschen im Contemporary-Preissegment zwischen 300 und 600 Euro. Alle Modelle werden in Istanbul handgefertigt. Lili Radu schaffte den Sprung in den Berliner Modesalon währen der Fashion Week und konnte deutsche und internationale Prominente als Kundinnen gewinnen. Heidi Klum, Olivia Wilde, Karolína Kurková, Iris Berben und Anna Maria Mühe sind Fans. Während der Berlinale hat Lili Radu gemeinsam mit Regisseurin Anika Decker das Networking-Event Detox & Champagne etabliert. Allgemein ist die Zielgruppe zwischen 30 und 50. Individuelle Frauen, die im Beruf stehen und bereit sind, ein bisschen Geld für eine Tasche auszugeben, sagt Radu.

Vor fünf Jahren heiratete Lili Radu. Einen Monat später stieg ihr Mann Patrick Löwe, der bisher im Marketing bei Ferrero gearbeitet hatte, ins Unternehmen mit ein. Gemeinsam wollten sie das Label wachsen lassen und gründeten 2017 die zweite Marke VeeCollective. Gemeinsam ging das Paar direkt in Verkaufsflächen, um herauszufinden, was die Kunden sich wünschen. Das Ergebnis war der Bestseller, die Vee Tote. Mit 350 Gramm in der mittleren Größe der leichteste Shopper dieser Art, der aktuell auf dem Markt zu finden ist, wasserabweisend, robuste aus Ripstop Nylon. Die Idee war es, der Longchamp Pliage Konkurrenz zu machen. Das schlichte Modell ist eine der erfolgreichsten Taschen der Welt. „Das kann ja wohl nicht sein“, sagt Lili Radu und lacht. „Genau in dieses Segment wollten wir hinein.“

Zehn Mitarbeiter haben beide Labels heute, etwa 800.000 Euro Umsatz hat sie 2018 erwirtschaftet. Zum zehnjährigen Jubiläum haben sich die Designerin und ihr Mann trotzdem für einen radikalen Schritt entschieden und Lili Radu einem kompletten Relaunch unterzogen. Dem Namen wurde der Zusatz „Berlin“ hinzugefügt, das Logo verändert und die alten Kollektionen in einem Family & Friends Sale komplett vom Markt genommen – inklusive der kompletten Social-Media-Präsenz. Für ein etabliertes Label ein gewagtes Unterfangen.

Die erste Kollektion von Lili Radu Berlin beinhaltet drei Modelle in jeweils drei Größen und verschiedenen Farben. Die von einem Kreis inspirierte Ellipse, die sich vor allem bei Instagramern großer Beliebtheit erfreut, die Le Sac, eine „Papiertüte in Lederform“, wie es die Designerin ausdrückt, und die klassischere The Porter. „Wir wollten uns komplett neu erfinden“, sagt Lili Radu. „Das Feedback ist bisher sehr positiv, die Fans sind uns treu geblieben.“ Berlin in den Namen zu nehmen sei ein Bekenntnis zum Standort. Und natürlich sei auch die internationale Strahlkraft der Stadt nicht zu vernachlässigen. „Auch wenn hier vor Ort nicht die zahlungskräftigste Kundschaft wohnt.“ Radu selbst lebt mit ihrem Mann und dem fast zweijährigen Sohn in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihrem Showroom. Nur so – und mit einer Nanny – sei alles unter einen Hut zu bekommen. Ihre Taschen sind, neben dem Online-Shop, unter anderem im „Lafayette“ erhältlich. Einen Umzug zurück nach Frankfurt kann sich Lili Radu unter keinen Umständen vorstellen: „Berlin ist einfach eine krasse Stadt.“