Maximilian Arland

„Man kann in Berlin wahnsinnig einsam sein“

Moderator Maximilian Arland engagiert sich für mehr Sichtbarkeit von Senioren – auch um sich eigenen Ängsten zu stellen.

Maximilian Arland moderiert im Deutschen Musikfernsehen die tägliche Sendung „Das große Wunschkonzert“. Seit 2011 engagiert er sich im Verein „Wege aus der Einsamkeit“ für Senioren.

Maximilian Arland moderiert im Deutschen Musikfernsehen die tägliche Sendung „Das große Wunschkonzert“. Seit 2011 engagiert er sich im Verein „Wege aus der Einsamkeit“ für Senioren.

Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services

Berlin. Seit mittlerweile vier Jahren ist Moderator und Musiker Maximilian Arland glücklicher Berliner. Einziger Wehmutstropfen: Fernab seiner bayerischen Heimat kommen die Besuche bei Eltern und Großeltern manchmal zu kurz. Abhilfe schaffen ein Whatsapp-Familienchat und Instagram, wo seine 88-Jährige Oma dank des Enkels seit Kurzem ebenfalls aktiv ist.

In dieser Woche hat der 38-Jährige ihm Rahmen seines Engagements für den Verein „Wege aus der Einsamkeit“ mit Senioren das Digitale Lernzentrum von Facebook am Potsdamer Platz besucht. Im Interview erzählt Arland, was er von seiner Oma gelernt hat, warum er dankbar für seine ältere Zielgruppe ist und wovor er sich im Alter fürchtet.

Berliner Morgenpost: Sie haben offensichtlich einen guten Draht zu Senioren. Bringt das der Job so mit sich?

Maximilian Arland: Ich bin seit 26 Jahren in der Branche und seitdem mache ich Musik und Fernsehen für ältere Menschen. Ich glaube, deshalb habe ich ein ganz besonderes Gefühl für Senioren. Es ist schön, auch Sendungen moderieren zu dürfen, die auch die ältere Generation ansprechen – nur schlechte Nachrichten und Krimis – das ist keine Lebensfreude. Und ich stehe ja nicht nur auf der Bühne, sondern spreche fast nach jedem Konzert mit meinen Zuschauern. Daher weiß ich, was sie bewegt, was sie für Bedürfnisse haben. Oft sagen mir die Menschen, das war das Highlight ihres Jahres. Das ehrt mich zwar, aber im gleichen Moment finde ich es sehr traurig, dass es nur ein Highlight im Jahr gibt. Ich bekomme viele Geschichten erzählt. Das ist sehr interessant. Die Kinder kümmern sich vielleicht nicht, Enkel gibt es nicht und dann bin plötzlich ich als Fernsehgesicht das Highlight des Jahres. Da habe ich oft gedacht, da muss man doch was machen!

Also haben Sie angefangen, sich für den Verein „Wege aus der Einsamkeit“ zu engagieren. Wie kam das und wie sieht das genau aus?

Ich habe die Initiatorin Dagmar Hirche 2011 bei einer Preisverleihung kennengelernt. Sie hat damals für ihr Engagement die Goldene Bild der Frau bekommen. Meistens langweilt man sich bei solchen Veranstaltungen, aber als Dagmar ihre Rede gehalten hat, bin ich richtig hellhörig geworden. Ich dachte, da macht wirklich mal jemand etwas ganz anderes. Senioren in den Mittelpunkt zu rücken, ist nicht sehr populär. Selbst bei meinen Sendungen heißt es immer, wir müssen die Zielgruppe verjüngen. Und plötzlich stand da jemand, der sich ausschließlich um Senioren kümmert. Das fand ich sehr mutig. Und was sie macht, ist nicht einfach ein klassischer Seniorenverein. Sie vernetzt Vereine deutschlandweit miteinander und kreiert Ideen. Das wollte ich unterstützen. Ich bin also zu ihr hin – und sie kannte mich gar nicht (lacht). Sie dachte sich wahrscheinlich, was will dieser Typ von mir? Sie hat sich dann informiert und dann ging das langsam los. Ich bin oft in TV-Shows zu Gast, wo ich danach eine gewisse Summe spenden kann und habe selber auch zu meinem 20. Bühnenjubiläum ein großes Benefizkonzert gegeben. Ich glaube, das Wichtigste ist aber, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen.

Direkter Kontakt mit den Senioren ist bei Ihrem Engagement also selten?

Aufmerksamkeit zu schaffen ist das Wichtigste. Aber ich bin auch häufig bei Veranstaltungen wie heute. Manche Senioren treffe ich dabei immer wieder und sehe, wie sie sich entwickeln. Auch hier finde ich es wichtig, das Ohr direkt an den Menschen zu haben. In Hamburg hat Dagmar vor zwei Jahren zum ersten Mal einen Seniorenflashmob in einer Disco veranstaltet. Da waren früh um fünf gerade die Jugendlichen raus, dann wurde einmal kurz durchgewischt und dann ging es um zehn los. Da kamen die Senioren zum Tanzen und hatten richtig Spaß, das war unglaublich.

Leben Ihre Großeltern noch?

Nicht alle. Aber meine Oma ist jetzt 88 Jahre alt und die ist wirklich fit wie ein Turnschuh. Sie ist für mich ein richtiges Vorbild. Dafür habe ich sie an Instagram herangeführt. Ich sage immer, sie ist meine Insta-Oma. Sie hat einen eigenen Account und postet Landschaftsaufnahmen und Bilder, die sie gezeichnet hat. Vor allem ist es für sie aber ein wichtiges Medium, um zu verfolgen, was ich so mache. Sie freut sich, dass sie auf diese Weise meinen Alltag begleiten kann. Wenn ich länger keine Story poste, macht sich Oma gleich Sorgen und ruft an. Wir haben in der Familie aber schon immer darauf geachtet, dass wir den Bund zwischen den Generationen stark halten. Ich bin mit meinen Großeltern aufgewachsen und versuche jetzt umgekehrt, für sie da zu sein. Wenn man berufstätig ist, ist das natürlich nicht immer so einfach. Aber es ist beispielsweise ganz klar, dass ich Weihnachten bei meiner Oma bin. Es kann ja immer das letzte Mal sein.

Dann haben Sie auch die Gelegenheit genutzt, die Geschichten Ihrer Großeltern zu hören und vielleicht sogar etwas von ihnen zu lernen?

Absolut. Gestern war ich mit einem Kumpel unterwegs und wir sind in einen Stau gekommen. Ich habe zu ihm gesagt: Wer weiß, wozu es gut war. Denn das sagt meine Oma immer. Sie sieht an allem Negativen immer etwas Positives. Auch meine Ordnung habe ich von Oma. Ich bin fast schon penibel. Mein Opa war bei der Bundeswehr, der hat natürlich harte Zeiten im Krieg erlebt. Auch diese Geschichten höre ich mir an. Auch wenn sie sich wiederholen und mein Opa dabei Tränen in den Augen hat, weil er das beim Erzählen noch einmal erlebt. Das sind Geschichten, die werden wir nie wieder hören, wenn diese Generation gestorben ist.

Sie sagen, auch ältere Fans erzählen Ihnen häufig Ihre Geschichten. An was fehlt es in unserer Gesellschaft, Ihrer Meinung nach, in dieser Hinsicht am meisten?

Ich finde, dass es Senioren gegenüber eine gesellschaftliche Kälte gibt. Vor allem in ländlichen Regionen, wo junge Menschen wegziehen. Ich bin ja selbst nach Berlin gegangen und kann meine Oma nicht mehr jeden Tag besuchen. Viele ältere Menschen leiden sehr unter diesem mangelnden Kontakt. Und das Drängen an den Rand der Gesellschaft gilt eben auch für die Medien. Das sehe ich ganz deutlich an meiner Branche. Dabei können wir doch froh sein über diese Menschen, die immer als treue Fans vor dem Fernseher sitzen. Ich finde, ältere Menschen werden als Menschen zweiter Klasse angesehen. Sie gelten beispielsweise als nicht werberelevant, weil sie sich weniger leicht beeinflussen lassen. Eine Oma, die seit 25 Jahren Ariel kauft, wird nicht Persil kaufen, weil die Werbung so toll ist, heißt es dann. Das glaube ich gar nicht. Durch die Möglichkeiten, die es mittlerweile gibt, sind ältere Menschen genauso darauf aus, mal etwas Neues zu probieren.

Was kann man dagegen tun, außer sonntags häufiger mal bei Oma anzurufen?

Da muss sich jeder an die eigene Nase fassen, auch über die Familie hinaus. So wie gerade über die Basisrente berichtet und debattiert wird, kann man doch nur Angst vor dem Alter bekommen. Dagmar Hirche und ihr Verein haben das Motto: Ein langes Leben soll keine Last, sondern Glück sein. Man sollte sich aufs Altwerden freuen. Und das macht der Verein mit seinen Angeboten möglich. Am Anfang sind die Senioren oft noch sehr zurückhaltend und dann blühen sie auf, weil sie merken, dass sie hier willkommen sind, etwas lernen und Kontakte aufbauen können.

Haben Sie denn Angst vor dem Älterwerden?

Das ist auch einer der Gründe, warum ich das hier mache. Weil ich manchmal denke, das Alter ist nichts für Feiglinge. Man wird nicht fitter, man entwickelt gewisse Eigenheiten. Das merke ich ja jetzt schon. Wenn ich jemanden kennenlerne, bin ich viel weniger bereit als früher, mich komplett neu zu erfinden. Man wird nicht einfacher. Und wenn dann noch finanzielle Probleme hinzu kommen … Ich hoffe, dass meine Freunde und ich coole alte Leute werden, die in Kontakt miteinander bleiben, damit niemand einsam ist. Das ist gerade in großen Städten eine Gefahr. Man kann in Berlin so wahnsinnig einsam sein. Davor habe ich tatsächlich Angst.

Auch, weil Sie nicht in einer Partnerschaft sind?

Das kommt hinzu. Ich habe durch den Verein auch schon zahlreiche Senioren-WGs kennengelernt. Das ist im Kommen und das kann ich mir absolut vorstellen.

Macht es Ihnen Schwierigkeiten, Ihre eigenen Eltern älter werden zu sehen?

Mein Vater hat eine schwere Zeit hinter sich. Er war immer topfit, hat bis letztes Jahr noch Tennis gespielt. Und das geht jetzt nicht mehr. Als ich in dieser Situation gebraucht wurde, als sich das Verhältnis plötzlich gewendet hat und ich für meinen Vater stark sein musste, war ich überrascht, wie leicht mir das fiel. Ich dachte, das würde ein sehr schwerer Weg werden, aber man funktioniert dann einfach und übernimmt Verantwortung. Ich war plötzlich stark und konnte das zurückgeben, was ich seit der Kindheit bekommen habe.