Sängerin

Was für Lucille-Mareen Mayr Glücklichsein bedeutet

Lucille-Mareen Mayr hat den Bundeswettbewerb Gesang gewonnen. Ein Treffen mit der Berliner Sängerin und Schauspielerin.

Lucille-Mareen Mayr Anfang Dezember auf der Bühne des Konzertsaals im Friedrichstadtpalast. 

Lucille-Mareen Mayr Anfang Dezember auf der Bühne des Konzertsaals im Friedrichstadtpalast. 

Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services

Berlin. Am Ende gab es 2500 Euro. Viel besser aber sei das „Vitamin B“, sagt Lucille-Mareen Mayr. Die 26-jährige Berlinerin und diesjährige Teilnehmerinn des Bundeswettbewerbs Gesang im Friedrichstadtpalast räumte in der Finalrunde den Preis für die beste Darstellung einer Musical-Szene ab.

Bühnenvertreter großer Produktionen und Künstleragenten tummeln sich im Publikum, nehmen das eine oder andere Talent sogar spontan unter Vertrag. Das erlebte die junge Absolventin, die gerade ihr Studium an der Berliner Universität der Künste (UdK) abgeschlossen hatte, selbst. „Als der Anruf kam, war das supercool, denn du weißt nicht, was dich jetzt erwartet. Am Ende bekam ich ein festes Engagement in einer Produktion in Hildesheim. Ich wusste, irgendwie läuft’s.“

Zahllose Nachwuchstalente gaben am Montagabend beim Konzert im Friedrichstadtpalast ihr Bestes. 21 Teilnehmer zwischen 17 und 28 Jahren, die vorab im Finale in ihren Kategorien gesiegt hatten. Schwerpunkt in diesem Jahr: Musical und Chanson. Der 1966 für solistischen Gesang gegründete Wettbewerb hat sich vor allem der Nachwuchsförderung verschrieben. Zu holen gab es bei dem Wettstreit in diesem Jahr ein Preisgeld im Wert von insgesamt 50.000 Euro.

Mit elf Jahren sang Lu­cille-Mareen Mayr bereits im Kinderchor

Die Tinte auf dem Vertrag von Lu­cille-Mareen Mayr ist schon trocken, und die Zukunft sieht wohl rosig aus. Verständlich, würde man sagen, wenn man ihre Vita liest. Mit elf Jahren sang sie bereits im Kinderchor der Komischen Oper, anschließend professionelle Stimmbildung, später setzte sie sich unter Tausenden Bewerbern an der UdK durch und studierte Musical Show, ihre Mutter war selbst Tanzlehrerin. Klar, dass ihr der Weg für ein derartiges Talent geebnet werden musste. „Moment“, sagt sie. „An der UdK bin ich beim ersten Aufnahmetest durchgeflogen. Ich bin dann erstmal gereist und habe es ein Jahr später wieder versucht.“ Heute sei sie froh, dass es erst beim zweite Anlauf geklappt hat und verbucht es unter „entscheidende Lebenserfahrung“.

Selbst beim Bundeswettbewerb musste die junge Frau zwei Versuche unternehmen. Vor zwei Jahren ist sie in den ersten Finalrunden ausgeschieden. „Ich hatte damals zu wenig Selbstvertrauen in mein Können. Aber das Studium hat geholfen, mich zu formen und das Beste aus mir herauszuholen.“

Den Stress lässt sie heute nicht mehr so leicht an sich herankommen, geht auch im lässigen Look in Sneaker und Jogginghose zum Casting. „Entweder wollen die mich oder nicht.“ Verzweiflung? Fehlanzeige! 13 Songs hat sie für den Wettbewerb eingereicht. Die Szene, mit der sie im Finale und am Montagabend brillierte, stammt aus ihrer eigenen Feder. „Ein Auszug aus meiner Uni-Abschlussarbeit. Ich spiele im Stück eine tollpatschige Agentin, die sich total doof bei der Geldübergabe anstellt. Dazu singe ich adaptierte Stücke aus dem Musical „Easy Money“.“

„Musical sollte sich einfach mehr trauen“

Mayr hat sichtlich Spaß, Musik neu zu interpretieren. Vor allem juckt es ihr in den Fingern, Stücke selbst zu schreiben und aufzuführen. Das hat sie im Studium schon gemacht und stieß bei ihren Professoren auf offene Ohren. „Musical sollte sich einfach mehr trauen. Weg von dem ganzen Glamour. Auch mal mit Klischees brechen und ruhig etwas politischer werden.“ Schon zur Jugendzeit war sie ein solcher Querkopf. Spielte in Bands und Wettbewerben wie „Jugend musiziert“. Das man Musik auch studieren könne, der Gedanke kam ihr nicht. Die Mutter brachte sie auf den Trichter. Für Mayr war klar: Sie will nach Berlin, will nur an die UdK. Dutzende ihrer Absolventen kamen über Jahre in großen deutschen und amerikanischen Produktionen unter.

Nicht allein darum konnte Lucille-Mareen bereits eine erste Rolle in der Dresdener Musicalversion des Kult-Klassikers „Go Trabbi Go“ verbuchen. Dafür hat sie extra „Sächseln“ gelernt. „Alles mal ausprobieren“, ist das Motto. Auch Rollen, die einem nicht so Spaß machen. Sie weiß, die Fallhöhe und das finanzielle Risiko in der Brache sind hoch. Kein Engagement, kein Einkommen. Reich werden wollte sie zwar nie, aber: „Wenn es zum Leben reicht und ich jeden morgen zur Arbeit gehe, um das zu tun, was ich liebe, ist alles bestens. Glücklichsein ist für mich eine Entscheidung. Ich bin ein Kreuzberger Mädchen. Nicht kompliziert. Ich wohne am Kotti in der Platte und liebe meinen Kiez.“

Zweites Standbein als Synchronsprecherin

Etwas Sicherheit wäre dann aber doch nicht ganz verkehrt. Deswegen das zweite Standbein als Synchronsprecherin. Beim Casting für Sprecherrollen, hat sie so gut überzeugt, dass sie prompt in Tarantinos neuem Film „Once upon a ­time in Hollywood“ eine Nebenrolle der Manson-Jünger synchronisieren durfte. Wenn Lucille-Mareen so redet, findet sich alles, was es für ein Talent braucht. Nur eines fehlt: das Ego.

„Ich habe immer zu meinen Freunden gesagt, die selbst mit Musical wenig anfangen können, dass sie mir bitte die Leviten lesen, wenn ich mich sehr verändern sollte. Mir geht es nicht darum auf der Bühne der Star zu sein. Ich brauche ein gutes Team und liebe es, wenn das Publikum Spaß hat.“