Interview

Wie Radiomoderator Ingo Hoppe einen Bestseller landete

Radiomoderator Ingo Hoppe wollte ein kleines Hörbuch übers Kennenlernen schreiben. Es wurde ein Bestseller.

Bestseller-Autor Ingo Hoppe.

Bestseller-Autor Ingo Hoppe.

Foto: imago stock / imago/Stefan Zeitz

Berlin. Ingo Hoppe (51) stammt von der Nordsee und begann seine Karriere 1988 beim Sender Freies Berlin (SFB). Er berichtete für die ARD aus Monaco, dem Irak und von den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta. Zudem moderierte er den Tag der offenen Tür im Kanzleramt. Heute leitet er eine Gesprächssendung beim RBB 88.8.

Eigentlich wollte er nur ein Hörbuch schreiben, doch unversehens gelang ihm ein Bestseller: „Wie Sie mit jedem ins Gespräch kommen und neue Freunde gewinnen“ ist nunmehr seit fast einem Jahr in den Top 100 der Audible-Bestseller bei Amazon zu finden. Hoppe lebt in Berlin, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Lieber Ingo Hoppe, angenommen, wir kennen uns nicht und wären uns noch nie begegnet und treffen auf einer Party aufeinander: Wie komme ich mit Ihnen ins Gespräch, ohne peinlich oder anbiedernd zu wirken?

Ingo Hoppe Erste Regel: ehrliches Interesse. Zweite Regel: nicht zu lange nachdenken. Die Oberfläche kann täuschen, aber das ist nun mal das Erste, was ich von einem Menschen wahrnehme ...

... okay, ich versuch’s mal: „Sie tragen aber ein tolles Sakko, deutlich zu schick für Berlin. Woher kommen Sie?“ Na, wie war ich?

Komplimente sind immer gut, in diesem Fall gewürzt mit einer zarten Provokation über die Berliner Jogginghosen-Kultur – schon ganz gut. Komplimente wirken am besten, wenn sie überraschend kommen, also lieber über das originelle Brillengestell als die Traumfigur.

Und mit solchen Weisheiten wird man Bestseller-Autor?

Ich habe mich auch gewundert. Aber es gibt offenbar viele Menschen, die echte Probleme haben, andere anzusprechen. Es gibt erstens diese Urangst vor Zurückweisung, und zweitens kommunizieren gerade junge Leute heute viel mehr über ihr Smartphone als persönlich. Die haben das Ansprechen nie gelernt.

Kann man Ansprechen trainieren?

Das muss man sogar, dann verschwindet die Angst vor dem Abgewiesenwerden fast von allein. Drei Versuche führen zu zweieinhalb Erfolgen, das ist allemal besser als kein Versuch, aber fünf ausgedachte Horrorszenarien, was alles Fürchterliches passieren könnte.

Fangen wir mal mit dem wichtigsten Thema des paarungsbereiten Großstädters an: Kennenlernen in einer Kneipe.

Ein Beispiel: Ein Kumpel von mir hatte in einem Schöneberger Klub eine attraktive Frau erspäht und dann, ganz kluger Mann, hin und her überlegt, mit welcher Hammeridee er nun loslegt. Während er noch so überlegte, kam dieser Bodybuilder-Typ, und sagte: „Hey, krasse Figur – in welches Fitnessstudio gehst du?“

Mein innerer Ästhet sagt: ganz schön billig.

Mein innerer Pragmatiker fragt zurück: Wollen Sie lieber klug, aber einsam sein? Ich verstehe nicht, warum manche Menschen Gesprächstechniken anwenden, die erwiesenermaßen seit zwanzig Jahren nicht funktionieren.

Haben Porschefahrer eigentlich bessere Chancen?

Aber sicher, mit der Mach-dich-passend-Übung, die sorgt auf der Bühne immer für großes Gelächter. Alle merken: Was nie funktioniert hat, wird nie funktionieren. „Mach dich passend“ geht so: Ich bin der Typ mit Sportwagen, den Sie blöd finden. Sie sind die Frau, die ich cool finde, eine Radfahrerin. Wenn ich sage: „Na, dich finde ich interessant, ich hab auch ‘nen ganz tollen Sportwagen“, antworten Sie:

„So ein Idiot wie du hätte mich erst neulich beim Abbiegen fast totgefahren ...“

Genau. Und ich sage: „Der hat auch breite Reifen, Fuchsschwanz und ‘ne tolle Anlage.“ Sie entgegnen:

„Hau ab, du Rübe.“

Exakt. Der kluge Sportwagenfahrer, und den gibt es, findet heraus, was Sie mögen: Düstere deutsche Filme oder eben Radfahren? Mountainbike oder Rennrad? Auch im Urlaub? Welche Strecken? Simpel, aber es funktioniert. Ich mache mich passend, biete einen Anlaufpunkt, schaffe Gemeinsamkeiten. „Mach dich passend“ heißt ja nicht: „Pass dich an“.

Wichtiger Punkt. Was ist aber, wenn mein Gegenüber eine Meinung vertritt, die ich für eher problematisch halte? Wie gehe ich damit um?

Erst mal entspannen. Der Freund meiner großen Tochter, den ich sehr schätze, ist Mitglied einer Partei, die immer die Steuern erhöhen will, was ich wiederum ablehne. Die Familie hatte tierische Angst, dass wir uns zoffen. Aber wir reden, weil wir uns mögen, wenn auch von entfernten Standpunkten aus. Diese Kultur des Zuhörens, Nachfragens und Akzeptierens halte ich in allen gesellschaftlichen Bereichen für immens wichtig ...

… ohne sofort zu scharfrichtern...

...und das kann man üben: zuhören, drüber nachdenken, nachfragen, verstehen wollen und klarmachen: „Mir missfällt dies oder das – was sagst du dazu?“ Dann gucken wir uns respektvoll in die Augen und stellen fest, dass wir immer noch unterschiedliche Meinungen haben. Was in diesem Lande übrigens erlaubt ist. Wenn es nur eine Meinung gibt oder geben darf, ist Gefahr im Verzug.

Es frisst sich eine Gesprächskultur durchs Land, die keinen Widerspruch duldet, die immer: „Geht gar nicht“ ruft. AfD – geht gar nicht. Kritik an Klimaprotesten – geht gar nicht. Debatte über Seenotrettung – geht gar nicht. Keiner mag mehr raus aus seiner moralischen Komfortzone.

Neulich sprach ich mit einem Professor, der sich dazu bekannte, die AfD zu wählen. Ich fragte ihn, warum. Er stammte aus sehr kleinen Verhältnissen und war diesem Land überaus dankbar, dass er hier eine Karriere als Wissenschaftler hatte machen können. Zugleich fand er, dass keine Partei diese Heimatliebe repräsentiere, außer eben die AfD. Diese Meinung muss ich nicht teilen, aber ich bin jetzt klüger als vor dem Gespräch.

Was sagen die Leser zum Buch?

Es gibt jetzt 600 Kommentare, und viele wie diesen: „Hey, Ingo, danke, damit machst du mein Leben viel erfolgreicher und die Welt ein bisschen besser.“ Da habe ich fast geweint. Und es gibt die, die das Buch oberflächlich finden oder zum Beispiel keine Lust haben, sich wie ein Papagei anzuziehen. Aber ich sage ja nicht: „Zieht eure Glitzersakkos an“, sondern: „Trag, was dich ausdrückt, und nicht das, was Mutti dir rausgelegt hat.“

Was sind die häufigsten Probleme der Menschen?

Oft fehlt der Mut. Wie dieser Frau, die mit ihrem Chef nicht über eine Gehaltserhöhung sprechen kann, weil er sie an ihren Vater erinnert, und den will sie nicht anbetteln. Das ist weniger eine Frage von Kommunikation als vielmehr von Selbstwertgefühl. Aber da kann man ja mit professioneller Hilfe ran, wenn man die Ursache kennt.

Mein Trauma: Ich komme auf eine Privatparty, überall stehen Grüppchen, nur ich kenne zunächst niemanden und irre allein umher.

Kein Problem: Ich stelle mich dazu, signalisiere Interesse, ohne mich aufzudrängen, hören aber: Worüber reden die?

Über Fußball, ich sage, dass Union cooler ist als Hertha.

Fußball ist null mein Thema, aber ich habe die Unioner gesehen, als sie nach dem Aufstieg so glücklich waren. Ich höre zu, es gibt eine Pause, ich trete näher und sage: „Hey, ich bin kein Fußballfan, aber Union, das hat mich emotional total bewegt. Warum ist das so ein sympathischer Hammer-Verein?“ Das wissen Sie natürlich alle.

Reingrätschen, aber elegant. Schlussfrage: Wie beende ich ein Gespräch?

Mit der höflichen Frage: Haben Sie mal eine Karte von sich? Dann fühlt sich das Gegenüber geschmeichelt, aber ich kann mich nett verabschieden.

Lieber Ingo Hoppe, haben Sie mal eine Karte von sich?

Tolles Sakko, was Sie da tragen.