Silbermond

„Frage mich täglich, ob ich als Mutter alles richtig mache“

Silbermond sind zurück: Stefanie Kloß und Andreas Nowak sprechen über Bandproben mit Baby und den Umgang mit Verlust in der Familie.

Andreas Nowak, Stefanie Kloß, Johannes Stolle und Thomas Stolle (v.l.) sind Silbermond.

Andreas Nowak, Stefanie Kloß, Johannes Stolle und Thomas Stolle (v.l.) sind Silbermond.

Foto: Jens Koch

Mit „Schritte“ ist in dieser Woche das neue Silbermond-Album nach einer vierjährigen Pause erschienen. In der Zwischenzeit sind Frontsängerin Stefanie Kloß und Gitarrist Thomas Stolle Eltern eines Sohnes geworden. Den neuen Lebensabschnitt hat die Band genau so zu Musik gemacht wie ihre Sorgen um rechtspopulistische Strömungen und den Klimaschutz. Gegründet wurde Silbermond 1998 in Bautzen, seit Anfang der 2000er-Jahre leben die Mitglieder in Berlin. Im Interview sprechen Stefanie Kloß und Schlagzeuger Andreas Nowak über Dialoge mit AfD-Wählern, Bandproben mit Baby und den Umgang mit Verlust in der Familie.

Schon vor dem Album haben Sie im Mai dieses Jahres die Single „Mein Osten” herausgebracht. Darin geht es, ohne das explizit zu benennen, auch um die Erfolge der AfD im Osten. Was sind Ihre Gedanken nach einem Wahlergebnis wie gerade in Thüringen?

Stefanie Kloß: Die Situation in unserer Heimat hat uns sehr beschäftigt. Wenn wir jetzt noch nicht begriffen haben, dass wir Acht darauf geben müssen, dass unser Land demokratisch, frei und offen bleibt, dann weiß ich auch nicht.

Trotzdem singen Sie „Ich versteh’ auch deine Wut“. Wie passt das zusammen?

Andreas Nowak: Das Thema ist wahnsinnig komplex. Für viele Menschen hat sich das Leben nach der Wende extrem verändert. Da ist ganz viel Grau zwischen all dem Schwarz und Weiß. Wenn man dann sagt: Alles, was du machst, ist falsch, blockieren die Leute doch nur. Die Zeile soll einen Dialog eröffnen. Aber natürlich ist das schwer, das alles in ein Lied zu packen. Das schaffen ja nicht mal die Politiker.

Funktioniert das? Sind Sie im Dialog mit AfD-Wählern?

Kloß: Als wir den Song herausgebracht haben, haben wir online viel Feedback bekommen. Von Angesicht zu Angesicht findet das selten statt. Für die einen sind wir total links, für die anderen ist das Lied noch viel zu konservativ. Ich finde, wir hätten klarer kaum formulieren können, wo wir stehen. Es geht uns nicht darum, jemanden als Idioten zu bezeichnen. Wir müssen einen Weg finden, der uns als Gesellschaft zusammenhält. Dafür sollten wir die emotionale Aufgeladenheit aus der Debatte nehmen, das ist kein guter Berater, um gemeinsam zu einer Lösung zu kommen. Und das heißt auch, dass wir nicht verlernen, die Meinung des anderen auszuhalten. Das geht schon an jedem Abendbrottisch los.

Nowak: Ich lese alle Nachrichten in den sozialen Medien, auch die Hasskommentare. Manchmal ist das lustig. Viele haben überhaupt keine Argumente, sondern nur Beleidigungen. Es ist auch ein Abbild der Gesellschaft. Die Art, wie heute kommuniziert wird. Es ist Fluch und Segen.

Der „Riss durch Familien“, von dem Sie singen, kennen Sie das aus eigener Erfahrung?

Kloß: Ich kenne aus meinem Freundeskreis Fälle, wo zu Hause die Absprache getroffen wurde: keine politischen Themen am Abendbrottisch. Ich glaube, jeder kennt das, dass es beim dritten Glas Wein bei Familienfeierlichkeiten zu politischen Meinungsverschiedenheiten kommt.

Sie waren beim Mauerfall noch kleine Kinder. Wie kommt es, dass Sie sich trotzdem noch so klar als „Ossis“ definieren?

Nowak: Wir sind halt dort geboren. Bei der ersten Platte war das ein großes Thema. Zwischendurch dann gar nicht und jetzt wieder. Ich finde das aber okay. Ich habe ein gutes Gefühl, wenn ich nach Hause komme. Die Kindheit prägt einen eben.

Kloß: Das Gefühl hat ja mit dem Mauerfall nicht einfach aufgehört. Es gibt doch eine gewisse Mentalität, die einfach da ist. Was man von seinen Eltern mitbekommen hat. Aus wenig viel machen, Zufriedenheit … Ich kann das schwer beschreiben. Ich glaube, man tut gut daran, das Gesamtdeutsche nicht auf Krampf zu forcieren. Wir müssen nicht immer alle eins sein. Wir hatten diesen großen Einschnitt in unserem Land, in Biografien. Das ist das, was unser Land ausmacht. Auch wenn es ganz viel Narbensalbe braucht.

Das Album handelt auch davon, wie wir gerade mit unserer Umwelt umgehen. Für Sie das zweite große Thema unserer Zeit?

Kloß: Die „Fridays for Future“-Bewegung hat in dieser Hinsicht viel mit mir gemacht. Das Thema ist bei uns allen sehr präsent. Vielleicht, weil wir gerade merken, dass wir jetzt noch die Chance haben zu beeinflussen, in welche Richtung es gehen soll. Meine persönliche Aufmerksamkeit ist sicher auch stärker geworden, seitdem ich Mutter bin. Ich möchte schließlich, dass mein Kleiner auch in Zukunft einen schönen Platz in der Welt hat. Er hat es sich ja nicht ausgesucht, dass er jetzt da ist. Ich habe das entschieden, also muss ich mich auch kümmern. Also frage ich mich, was ich privat tun kann. Auf der anderen Seite ist es natürlich toll, wenn wir alle unseren Plastikdeckel beim Coffee to Go weglassen, in erster Linie brauchen wir aber globale Lösungen, um wirklich etwas zu verändern.

Wie hat Ihre neue Rolle als Mutter denn das Bandleben verändert?

Nowak: Wir sind jetzt organisierter. Früher gab es an Probetagen keinen festen Schluss. Das ist jetzt anders und gar nicht verkehrt, weil man effizienter arbeitet. Und emotional ist das wunderschön. Als Band ist es ja wichtig, dass man die Dinge um sich herum aufsaugt, um kreativ zu bleiben. In dieser Hinsicht hat uns das sehr gut getan.

Versteht sich der Rest der Band als erweiterte Familie?

Nowak: Es ist ja allein biologisch schon so, dass der Bruder der Onkel ist. Und ich sehe mich als Onkel.

Kloß: … Der uns später hoffentlich nicht beschert, dass unser Sohn Schlagzeugspieler wird (lacht).

In „Hand aufs Herz“ singen Sie über Ihre Gefühle als Mutter. Ist es Ihnen schwer gefallen, das in Worte zu fassen?

Kloß: Solche Gedanken kommen ganz automatisch. Und das aufzuschreiben war dann nicht schwer. Ich frage mich jeden Tag, ob ich als Mutter alles richtig mache, ob ich gut genug bin. Werde ich jetzt wie meine eigene Mutter? Oder möchte ich alles anders machen? Vor allem ist das in dieser schnelllebigen Welt eine Verbindlichkeit, die bleibt.

Im Song „In meiner Erinnerung“ geht es um den Verlust eines geliebten Menschen. Möchten Sie die Geschichte dahinter teilen?

Kloß: Ich habe 2003 meinen Vater verloren. Das war ein Moment, an dem ich schneller erwachsen werden musste, als ich das wollte. Ich dachte, ich hätte einen guten Weg gefunden, damit umzugehen, das wegzupacken. Es war nicht der Plan, dass das 16 Jahre später noch mal aufkommt. Aber ich musste feststellen, dass der Schmerz in mir lebendiger ist, als ich dachte. In dem Lied geht es aber nicht nur um den Verlust, wie einen das prägt, was das mit einem macht. Es geht darum, dass einem solch eine Situation auch Kraft geben kann. Entweder, es macht einen kaputt oder man findet einen Weg, wie man etwas daraus mitnehmen kann. Und dann habe ich mich gefragt, was ich eigentlich hinterlassen möchte. Das liegt jetzt in meiner Hand. Wie sollen Menschen mich in Erinnerung behalten? Und wie kann ich dafür sorgen, dass es die Menschen um mich herum schon jetzt jeden Tag gut mit mir haben? Das macht den Song bittersüß. Auf der einen Seite die Traurigkeit. Auf der anderen Seite das Wissen: Ich habe jetzt noch diese Chance.

Wie schwer fällt es Ihnen, den Song zu singen?

Kloß: Ich habe es noch kein einziges Mal geschafft, ihn durchzusingen.

Aus der Erfahrung mit älteren Songs. Wird das leichter, schleift es sich ein bisschen ab? Oder sind die Emotionen immer die gleichen?

Kloß: Tatsächlich ist es so, dass Songs nie fertig sind. Ein Lied wie „Sinfonie“ wächst mit jeder Geschichte, die Menschen damit verbinden. Mit jedem Konzert, mit jedem Jahr schreiben uns neue Fans, die den Song in ihr Leben lassen. Das klingt vielleicht pathetisch, aber dadurch werden die Songs immer größer. Das haben wir gerade erst wieder beim Highfield Festival erlebt. Da spielen wir „Sinfonie“ und die härtesten Kerle singen mit. Das sorgt dafür, dass sich die Emotion nie abnutzt.