Katrin Sass

Katrin Sass: „Mein Beruf ist nicht mehr der Nabel der Welt“

Schauspielerin Katrin Sass kämpfte sich nach der Wende durch ein Karrieretief. Heute genießt sie ihre Freiheit in Köpenick.

Schauspielerin Katrin Sass wurde in Schwerin geboren und lebt seit 30 Jahren in Berlin.

Schauspielerin Katrin Sass wurde in Schwerin geboren und lebt seit 30 Jahren in Berlin.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Wenn Katrin Sass in diesen Tagen durch Berlin fährt, gehen ihr Erinnerungen an den Mauerfall durch den Kopf. Die ehemals erfolgreiche DDR-Schauspielerin hatte zunächst Schwierigkeiten, im wiedervereinten Deutschland beruflich Fuß zu fassen. Trotzdem kann die heute 63-Jährige den bis heute anhaltenden Frust einiger Mitbürger nicht nachvollziehen. Nach einem Comeback in den 2000er-Jahren steht die Wahlberlinerin heute seit mittlerweile fünf Jahren jeden Winter für den Usedom-Krimi des ZDF (14. November, 20.15 Uhr und in der Mediathek) vor der Kamera und genießt im Sommer ihre Freiheit in Köpenick. Im Interview spricht Katrin Sass über Sehnsucht nach der Ostsee, Dankbarkeit für den Mauerfall und die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Berliner Morgenpost: Sie sind für die Dreharbeiten des Usedom-Krimis regelmäßig im Norden. Bekommen Sie da manchmal Sehnsucht nach Ihrer alten Heimat?

Katrin Sass: Ich denke gerade tatsächlich häufiger über eine Rückkehr nach. Dann aber nicht nach Schwerin, sondern richtig an die Ostsee. Ich finde Warnemünde traumhaft. Das Meer ist schon besonders. Auf der anderen Seite liebe ich mein Zuhause in Berlin. Ich habe viele Freunde dort und das Wasser vor der Tür. Da kann ich im Sommer direkt nackt in den See hüpfen. Das machen wir Ostler ja. Wenn ich durch Schwerin laufe, bin ich abends immer erstaunt, wie früh dort die Bürgersteige hochgeklappt werden. Das kann man sich als Berliner gar nicht vorstellen. Aber das hat auch was. Vielleicht laufen die Uhren auch nur dort noch richtig.

Sie sind direkt nach dem Mauerfall nach Berlin gekommen. Mit welchen Gedanken ist die Zeit rund um das aktuelle Jubiläum für Sie verbunden?

Ich würde mir von vielen Menschen mehr Demut wünschen. Die Dankbarkeit wurde irgendwie einfach übersprungen. Und wenn ich das höre: Es war in der DDR so schön sicher! Das war die Staatssicherheit! Das kann man doch alles nicht vergessen. Wie haben wir damals gelebt? Graue Fassaden, nichts in den Regalen der Kaufhallen und das alles in Unfreiheit.

Die Wut vieler Ostdeutscher, das Gefühl, nach dem Mauerfall benachteiligt worden zu sein, können Sie nicht nachvollziehen?

Nein. Natürlich bin ich nicht völlig blind für die Probleme der Menschen. Aber wie hätte es denn sonst gehen sollen? Andersherum? Hätten wir die BRD übernehmen sollen?

Sie fühlten sich damals direkt angekommen?

Überhaupt nicht. Ich hatte nach der Wende überhaupt nichts mehr zu tun. Es dauerte, bis das erste Angebot kam – eine Minirolle mit drei Sätzen. Ich dachte, da musst du jetzt durch. Dann Arbeitsamt und all die Dinge...

Es gibt Kollegen, die eine Krimirolle als notwendiges Übel sehen, um ihre Miete zu bezahlen. Wie geht es Ihnen mit dem Usedom-Krimi?

Natürlich, das verstehe ich vollkommen. Schauspielerei, ist ein Beruf, davon muss man leben können wie der Bäcker und der Fleischer. Wie ich lese, können nur zehn Prozent der Schauspieler von diesem Beruf leben und ihre Miete zahlen, das ist schon traurig.

Sie spielen die Rolle seit fünf Jahren. Offenbar sind Sie in dieser Hinsicht mit sich im Reinen.

Wenn ich daran leiden würde, würde ich das nicht machen. Es geht mir gut auf Usedom, das Team ist wie eine Familie. Das habe ich lang nicht erlebt. Und die Geschichten sind sehr schön, es läuft ganz gut für mich. Das Leben ist so kurz, wir sollten immer mal daran denken. Ich mache mir den Stress nicht mehr. Im Winter drehe ich Usedom, im Sommer versuche ich, wenig zu tun und einfach nur zu leben, am liebsten am und im Wasser. Der Beruf ist für mich nicht mehr der Nabel der Welt.

Der Jubiläumskrimi heißt „Träume“. Wovon träumen Sie denn gerade?

Ich träume vom Leben. Ich würde gern den Sinn begreifen. Deshalb lese ich viele Bücher von Menschen, die den Nahtod erlebt haben. Seitdem ich nicht mehr trinke, habe ich viele Dinge erlebt, die ich nicht mehr Zufall nennen kann. Ich glaube, alles im Leben hat seinen Sinn. Dass Sie hier sitzen, dass ich hier sitze. Dass wir zuerst die Fotos gemacht haben. Denn danach hätte ich mir wahrscheinlich das Knie gebrochen. Oder so ähnlich (lacht).

Und haben Sie schon eine Idee? Was könnte der Sinn sein?

Der Beruf bringt so viele Eitelkeiten mit sich. Früher dachte ich, das ist der Sinn des Lebens. Ich habe das überhaupt nicht infrage gestellt. Seitdem ich das hinter mir gelassen habe, suche ich, frage ich warum ich hier bin.