"Dem Horizint so nah"

Jannik Schümann: Drama mit Ansage

In „Dem Horizont so nah“ spielt Jannik Schümann ein HIV-positives Model mit Trauma. Keine leichte Kost, vor allem für seine Eltern.

Schauspieler Jannik Schümann zog direkt nach dem Abitur aus Vierlande in Hamburg nach Berlin.

Schauspieler Jannik Schümann zog direkt nach dem Abitur aus Vierlande in Hamburg nach Berlin.

Foto: Reto Klar

Berlin. Ende der 90er-Jahre, als HIV in vielen Fällen noch ein Todesurteil war, lernt die 18-Jährige Jessica den gutaussehenden Danny kennen. Trotz seiner Krankheit entscheidet sie sich für die Liebe zu dem Model und Kickboxer, der zudem mit den Folgen einer traumatischen Kindheit kämpft.

Die Hauptrolle in „Dem Horizont so nah“ nach der wahren Geschichte von Autorin Jessica Koch hat Jannik Schümann übernommen. Der 27-Jährige stammt ursprünglich aus Vierlande bei Hamburg und zog nach dem Abitur nach Berlin. Bekannt wurde er durch Filme wie „High Society“, „Jugend ohne Gott“, „Die Mitte der Welt“ und zuletzt die Serie „Charité“. Im Interview erzählt er, wie er sich für die Rolle gequält hat, warum er seine Eltern den Film nicht alleine schauen lässt und welche Verlusterfahrung er gemacht hat.

Sie haben vor dem Filmstart in dieser Woche schon einen richtigen Premieren-Marathon absolviert. Wie ist es Ihnen damit ergangen?

Jannik Schümann: In Hamburg war das halbe Kino voll mit Familie Schümann. Das war sehr besonders. Meine Aufregung ist dann allerdings schlimmer. In München war niemand da, den ich kannte. Da war ich total entspannt. Köln war auch schlimm, weil es der erste Abend war. Da bin ich die ganze Zeit im Saal geblieben. Das ist Stress, weil man sich doch dabei erwischt, wie man auf die Reaktionen achtet. In Berlin habe ich den Film mit meinen Freunden gesehen und in Hamburg musste ich bei meinen Eltern händchenhalten.

Oh, warum?

Meine Eltern hatten beide vorher das Buch gelesen. Mein Papa musste es zwischendurch aus der Hand legen. Er ist sehr nah am Wasser gebaut. Er hat Albträume bekommen und mich darin gesehen. Ich musste sie also zwischendurch immer wieder drücken, damit sie wissen: Ich bin gesund.

In einem anderen Interview haben Sie einmal gesagt, Sie erhielten häufiger Rollenabsagen, weil sie zu schön sind. Jetzt spielen Sie ein Model. Hatten Sie Bedenken, die Rolle anzunehmen?

Nein, überhaupt nicht. Es wäre nur eine Klischeerolle, wenn Danny nicht so eine Vielschichtigkeit hätte. So ist es nach außen jemand, der scheinbar perfekt ist, aber dann bröckelt die Fassade recht schnell. Eigentlich ist es eine Traumrolle, weil so viel darin steckt. Die Krankheit, das Kindheitstrauma …

Und die Vorurteile, die Jessica zunächst gegenüber Danny hat, kennen Sie aus eigener Erfahrung …

Das stimmt. Leider hatte ich diesen Stempel lange Zeit. Ich bin froh, dass ich jetzt schon ein paar Mal Seiten von mir zeigen konnte, die die Zuschauer noch nicht kannten. „Charité“ war der Anfang, auch mal einen Sympathieträger zu spielen. Ich hoffe, dass die Schubladen ein wenig geöffnet werden und dass das der Start ist für noch mehr so schöne Rollen.

Selbst Sie mussten sich für die Rolle aber ganz schön quälen. Sie haben sich mit dem Personal Trainer Erik Jäger vorbereitet, um in Topform zu kommen. Wie schlimm war es?

Es war richtig hart. Aber auf der anderen Seite auch ganz toll, weil es in Deutschland sehr selten ist, dass man so viel Zeit hat, sich vor Produktionsbeginn auf eine Rolle vorzubereiten. Ich habe mit Erik ab Ende Mai trainiert, die Unterwäsche-Kampagne, die man im Film sieht, wurde Mitte September geschossen. Dieser Tag war die ganze Zeit über in meinem Kopf. Und das war echt die Hölle. Ich habe versucht, es als Experiment zu sehen: Was schafft mein Körper? Ich weiß im Nachhinein selber nicht, woher ich die Disziplin genommen habe (lacht). Ich habe kein einziges Mal geschummelt. Ich durfte ja nicht mal Saft trinken oder Obst essen, Alkohol natürlich auch nicht. Zu trinken gab es also nur Wasser und Kaffee und an guten Tagen mal eine Coke Zero. Anfangs habe ich für den Muskelaufbau 4000 Kalorien täglich gegessen und ab August dann gar keine Kohlenhydrate mehr. Da wurde ich richtig asozial. Es funktioniert dann einfach nicht, mit Freunden essen zu gehen.

Viele Schauspieler träumen davon, sich so in eine Rolle reinzuhängen ...

Es ist wirklich der absolute Traum. Es war super, das mal für eine Rolle zu machen. Und ich habe gemerkt, dass ich die Disziplin, die ich mir antrainiert hatte, perfekt für die Rolle nutzen konnte. Danny hat das ja auch. Ich wurde unbewusst also ein bisschen zu ihm. Ich habe auch Kickboxen gelernt. Und ich hatte vorher noch nie Kampfsport gemacht. Es ist auch nichts für mich, habe ich festgestellt. Ich musste mich sehr überwinden, jemanden zu schlagen. Das war eine krasse Herausforderung.

Ein positiver Nebeneffekt des Trainings dürfte gewesen sein, dass man sich nackt wohler vor der Kamera fühlt, wenn man vorher so viel Sport gemacht hat. Oder macht Ihnen das generell keine Probleme?

Das stimmt. Aber dafür habe ich es ja auch gemacht. Ich habe ja nicht monatelang gelitten, um dann ein T-Shirt anzuziehen (lacht). Ich finde es aber gut, dass die Nacktheit im Film wirklich nur dann vorkommt, wenn es für die Geschichte notwendig ist. Wenn ich den Grund dafür sehe, habe ich kein Problem mit Nacktheit oder Sex vor der Kamera.

Und wie ist es in solchen Augenblicken, wenn die ganze Familie mit im Kino sitzt?

Das macht mir nichts aus. Mama hat ja jetzt schon alles gesehen. Sie hat mich töten sehen und auch sehr explizite Sexszenen angucken müssen, wie zum Beispiel in „Die Mitte der Welt“. Das finde ich gar nicht schlimm. Da hatte ich mehr Angst vor der Diagnoseszene im Krankenhaus.

Zu Beginn des Films erzählt Jessica von ihren Hoffnungen und Träumen an ihrem 18. Geburtstag und wie dann mit Danny alles ganz anders kam. Können Sie sich erinnern, wovon Sie in diesem Alter geträumt haben?

Ich bin mit 18 direkt nach dem Abitur vom Dorf bei Hamburg nach Berlin gezogen. Ich hatte also eine Menge Aufregung. Meine Brüder arbeiten beide im Familien-Maurerunternehmen. Wir hatten überhaupt keine Künstler in der Familie. Ich wusste aber von Anfang an, dass ich das will. Und um das zu schaffen, musste ich in eine andere Stadt. Wenn ich in Hamburg geblieben wäre, hätte ich die Abnabelung nicht geschafft, weil wir uns alle so nahe stehen. Also bin ich mit meiner besten Freundin nach Berlin gezogen. Ich wollte mein Abenteuer starten.

Und ist alles so gekommen, wie Sie es sich erwartet haben?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Ich finde es spannend zu sehen, wie Menschen im Laufe der Jahre in dein Leben kommen und wieder gehen. Damit meine ich gar nicht nur Liebesbeziehungen, sondern auch Freundschaften, die für ein Jahr extrem eng sind und dann wieder verschwinden. Berlin ist für viele Leute ja nur ein Zwischenstopp. Bis zum Abitur hat man Freunde einfach, weil man mit ihnen in eine Klasse geht. Das Spannendste für mich war danach, in einer fremden Stadt bei Null zu starten.

Ist Ihre beste Freundin von damals denn Ihre beste Freundin geblieben?

Sie ist leider von uns gegangen. Das war sehr tragisch.

Den Verlust von Jessica, den viele so junge Menschen ja noch gar nicht kennen, können Sie also tatsächlich nachvollziehen. Möchten Sie davon erzählen?

Nein, lieber nicht. Ich werde aber häufig gefragt, ob ich Jessicas Entscheidung für Danny nachvollziehen kann. Ich weiß es nicht, aber ich finde, sie ist ein tolles Vorbild. Ich wünschte, ich könnte mich so entscheiden, wenn es einmal so kommen sollte. Aber was ich durch mein blödes Jahr 2014 gelernt habe, ist, viel mehr im Jetzt zu leben und nicht immer an später zu denken. Und das macht auch Jessica.

Der Film spielt in den 90er-Jahren, als HIV in vielen Fällen noch ein Todesurteil war. Mit welchem Bewusstsein für die Krankheit sind Sie aufgewachsen? Spielt das noch eine Rolle?

Ich hatte natürlich Aufklärungsunterricht in der Schule. Trotzdem ist das Thema sehr weit weg, wenn man auf dem Dorf aufwächst. Über so etwas wird nicht gesprochen. Genauso wenig wie über sexuelle Orientierung. Ich kenne niemanden aus Vierlande, der Transgender ist. Es wird viel im eigenen Haus verhandelt. Als ich nach Berlin gezogen bin, hat sich das geändert. HIV ist zwar heute kein Todesurteil mehr, trotzdem ist es in meinem Freundeskreis weit verbreitet, sich einmal im Jahr testen zu lassen. Unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung. Es wäre super, wenn Teenies sich ein bisschen mehr darüber austauschen, wenn sie aus dem Film kommen.

Bei Jessica und Danny ist es Liebe auf den ersten Blick. Kennen Sie das Gefühl?

Ich glaube total an die Liebe auf den ersten Blick. Erlebt habe ich es aber noch nicht. Auf den zweiten vielleicht. Ich finde das im Film sehr schön dargestellt und hoffe, dass alle Zuschauer, die gerade ihre erste Liebe erleben, sich wiedererkennen. Und die anderen erinnern sich eben zurück.

Haben Sie schon mal so einen Aufwand für ein erstes Date betrieben wie Danny?

Nein. Aber das ist toll, oder? Beim Lesen des Drehbuchs hatte ich ehrlich gesagt Angst, dass es zu kitschig sein könnte. Jetzt finde ich es aber total schön. Vor allem braucht es solche Momente, bevor dann das ganze Drama losgeht.