Berliner Spaziergang

Albrecht Schuch: Den Ball flach halten trotz Oscar-Chancen

Gerade wurde sein jüngster Film zum deutscher Oscar-Kandidat gekürt. Mit uns ging Albrecht Schuch spazieren – auf einem Friedhof.

Nahbar, unkompliziert und für alles zu haben: Für uns kletterte Albrecht Schuch sogar auf einen Baum über der Spree.

Nahbar, unkompliziert und für alles zu haben: Für uns kletterte Albrecht Schuch sogar auf einen Baum über der Spree.

Foto: Reto Klar / Funke Foto

Am vergangenen Mittwoch ist Albrecht Schuch 34 Jahre alt geworden. Und hat dazu ein ganz besonderes Geschenk erhalten. An diesem Tag wurde der Film „Systemsprenger“, in dem der Schauspieler eine Hauptrolle spielt, als deutscher Kandidat für das Rennen um den Auslands-Oscar gekürt. Nicht der Publikumserfolg „Der Junge muss an die frische Luft“, nicht die deutsche Schuld aufarbeitende Siegfried-Lenz-Adaption „Deutschstunde“.

Sondern Nora Fingscheidts radikales Sozialdrama um ein neunjähriges Mädchen, das wegen seiner Wut- und Aggressionsschübe aus Kinderheimen, Wohngruppen und Pflegefamilien fliegt und schließlich als Systemsprenger, als nicht mehr sozialisierbar gilt. Bis ein Anti-Gewalttrainer mit ebenfalls schwieriger Vergangenheit, gespielt von Schuch, es mit ihr versuchen will.

Oscar-Vergoldung des Geburtstages

Die Ernennung zum Oscar-Kandidat sei „natürlich noch mal ein extra-spitzen Geschenk, eine Vergoldung quasi des Geburtstags“, schwärmt Schuch. Der Film wurde bereits im Februar auf der Berlinale gefeiert und gewann dort nicht nur den Regie-Bären, sondern auch den Publikumspreis, den die Leserjury der Berliner Morgenpost kürt.

Schon zu dieser Preisverleihung kam Schuch mit Regisseurin Fingscheidt und der inzwischen elfjährigen Hauptdarstellerin Helena Zengel, einer echten Entdeckung, und freute sich maßlos. Weil er den kompromisslosen Film ganz einmalig findet. „Schön, dass das auch andere so sehen“, meint er jetzt, nach dem Oscar-Geschenk, ruft aber alle, auch sich selbst zur Besonnenheit auf.

Welche Filme für den Oscar nominiert werden, darüber entscheidet Hollywoods Film-Academy ja erst im Dezember: „Also Daumen drücken und Ball flach halten.“ Das sagt schon viel über Schuch aus.

Er wollte immer nach Berlin, im zweiten Anlauf hat es geklappt

Die Oscar-Sätze erreichen uns per Mail. Denn längst ist der Unermüdliche wieder am Drehen. Unser Spaziergang fand schon eine Weile vorher statt. Weil auch wir, ganz unabhängig von den Oscar-Entscheidern, den Film, der am 19. September ins Kino kommt, ganz besonders finden.

Der Schauspieler führte uns dabei an einen recht ungewöhnlichen und für so einen jungen Mann unerwarteten Ort: auf einen Friedhof. Das klingt mehr nach Endzeit denn nach Aufbruch. Doch der Treffpunkt ist erst mal ganz woanders. In seinem Kiez. Am Paul-Lincke-Ufer. Weil hier viel Grün und viel Wasser ist. Früher, als er noch am Maxim Gorki Theater spielte, ist er hier auf dem Nachhauseweg oft vorbeigegangen, „um den Schalter umzulegen“.

Orte, an denen er den Schalter umlegen kann

Da im Hinterhof war immer sein KFZ-Mechaniker. Und die Kaffeerösterei da drüben hat draußen keine Tische, sondern Kirchenbänke. Das liebt er besonders. Weil es keine Möglichkeit gibt, Computer abzustellen. Schuch mag zwar aussehen wie ein klassischer Hipster, er ist aber sehr analog und gegenüber allem, was mit Computern, Handy oder sozialen Medien zu tun hat, sehr kritisch.

Trotz brütender Hitze an diesem Morgen saust Albrecht Schuch mit dem Fahrrad an, mit einem nicht eben leichten Rucksack auf dem Rücken, was bestimmt Schweißflecke hinterlässt. Doch darauf ist er vorbereitet. Er hat ein Ersatz-T-Shirt eingesteckt, das er vor dem Fotografieren schnell wechselt. Dazu zieht er sich ungeniert auf offener Straße um. Und kraxelt auch sofort, als der Fotograf ihn darum bittet, in einen Baum am Ufer. Barfuß, um mehr Halt zu haben.

Dass er dabei ins Wasser fallen könnte, kümmert ihn nicht. Nach den Fotos legt er lässig sein Fahrradschloss um die Hüften und schiebt das Rad während des ganzen Wegs neben sich her. Er plant eine ziemliche Strecke vor und will nicht alles zurücklaufen. Von Anfang an gibt Schuch sich so ganz anders, als man sich Schauspieler gern vorstellt: Er ist nahbar, uneitel, unkompliziert, und, das hat die Kletterei gezeigt, bodenständig.

Der Drang hinaus in die große Welt

Dabei ist der Mann ein Star. Auch wenn die wenigsten seinen Namen kennen. Nach ersten Bühnenjahren und kleinen Filmauftritten war er 2012 plötzlich da, in Detlev Bucks „Die Vermessung der Welt“, neben Florian David Fitz. Der spielte darin den Mathematiker Carl Friedrich Gauß, der ein Leben lang nicht aus seiner Stadt rauskam, Schuch aber, der damals noch völlig unbekannt war, gab den Naturforscher Alexander von Humboldt, den es in die große Welt hinauszog. Dahin zog es Schuch auch.

Er hat in der NSU-Trilogie „Mitten in Deutschland“ die Rolle des Täters Uwe Mundlos gespielt, hat in der Bestsellerverfilmung „Kruso“ die Titelrolle übernommen und in der preisgekrönten Serie „Bad Banks“ am Untergang des kriminellen Bankensystems mitgewirkt. Er kann auch ganz anders, etwa im Historiendrama „Paula“, in dem er sehr zurückgenommen den Maler Otto Modersohn spielte, oder im Kammerspiel „Atlas“, wo er einen rührenden Familienvater gab.

Krasse Rollenwechsel, die es in sich haben

Schuch reizen die Extreme, die Widersprüche. Und dass sein Gesicht noch nicht so bekannt ist, liegt wohl daran, dass er in jedem Film komplett anders aussieht und kaum wiederzuerkennen ist. Er geht vollkommen in seinen Rollen auf und tritt selbst dahinter völlig zurück. Das ist wohl auch ein Grund, warum wir ganz entspannt spazieren können, ohne dass die Leute ihn ansprechen oder ihm zumindest nachgucken.

Schuch ist 1985 in Jena geboren. Von der DDR hat er nicht mehr viel mitbekommen. Von Rechtsradikalen im Osten, wie er sie in der „NSU-Trilogie“ verkörperte, dagegen schon. Er wollte früh raus aus der Provinz. Gleich nach dem Abitur ist er deshalb mit seinem besten Freund nach Berlin gezogen. Er hat seinen Zivildienst in einer Kita im Prenzlauer Berg gemacht. Was, wie sich zeigen sollte, auch eine gute Vorbereitung für „Systemsprenger“ war.

Danach wollte er an der renommierten Ernst Busch Schule Schauspiel studieren. Das hat erst mal nicht geklappt. Er ging dann nach Leipzig, an die Hochschule für Musik und Theater. Und war erst mal unglücklich. Weil die Stadt nach Berlin wieder ein Schritt zurück Richtung Jena war.

Erste Meriten im Berliner Gorki Theater

Dann kam doch noch eine Zusage von der „Busch“, aber er hatte schon zwei Monate in Leipzig verbracht und hing so an seinem Jahrgang, dass er blieb. „Ich hatte immer so einen Drang nach Berlin“, sagt Schuch, „aber als mir klar war, ich hätte das machen können, war das weg.“

Als er mit der Ausbildung fertig war, stand er wieder in Berlin. Und spielte am Maxim Gorki Theater. Das Gorki war für ihn Luxus, weil er dort so viel machen durfte und man ihm so viel zutraute. Dann kam er auch ans Burgtheater in Wien, hat sich aber gegen eine Ensembletätigkeit entschieden.

Wenn nicht genug Zeit zwischen den Rollen liege, „wird es irgendwann Fließbandarbeit für einen selbst“, meint er. „Der wache, offene Blick mit dem Draußen geht verloren.“ Drei Jahre ist er jetzt vom Theater weg und vermisst das sehr. Aber er genießt auch die Freiheit, jetzt projektbezogen zu arbeiten. Und zu filmen.

An dieser Stelle müssen wir mal auf seine Schwester zu sprechen kommen. Den Namen Schuch gibt es im Film ja noch mal: Karoline Schuch kennt man etwa aus „Wir sind die Neuen“, „Ich bin dann mal weg“ oder „Katharina Luther“. Wie ist das mit einer Schwester im gleichen Geschäft? Ist das blöd, wenn der Name auch anders verbunden wird? Schafft das gar Konkurrenz in der eigenen Familie?

Die Schwester bekam den ganzen Gegenwind ab

Iwo, wiegelt Schuch mit der Hand ab, soweit man das kann, während man ein Fahrrad schiebt. Die Geschwister verstehen sich prima. Und die vier Jahre Ältere hat ihm ja viel abgenommen: Die Eltern – der Vater Psychiater, die Mutter Allgemeinärztin – hätten sich gewünscht, dass die Kinder in ihre Richtung streben und hatten Angst, ob sie vom Schauspiel wirklich würden leben können und was der Beruf mit ihnen machen könnte. Aber seine Schwester hat damit angefangen. Den „Gegenwind“ bekam vor allem sie ab.

Der kleine Bruder hat sich solide für eine Schauspielausbildung entschieden, während Karoline Schuch für die Daily-Soap „Verbotene Liebe“ entdeckt wurde. Sie holte ihn allerdings auch immer auf den Boden zurück, wenn er mal Höhenflüge hatte. In seiner Ausbildung hat er mal Sachen gesagt wie Theater sei die einzig wahre Kunst, was interessiere ihn Fernsehen.

Da hat die Schwester ihm die Leviten gelesen: „Albi, halt mal den Ball flach.“ An der Schule sei er noch im geschützten Raum. Sie hat ihm aber schon mal geraten, sich eine Agentur zu suchen für die Zeit danach. Darum hat er sich schon im zweiten Ausbildungsjahr gekümmert – als einziger seines Jahrgangs.

Ein Berg, der immer wieder bestiegen werden muss

„Den Ball flachhalten“, dieser Satz fällt offensichtlich oft bei den Schuchs. Das zeigt auch ein Ritual, das der Schauspieler uns jetzt bekennt. Und dafür hat er sich auch das Ziel unseres Spaziergangs ausgewählt. Wir sind am Fraenkelufer entlang flaniert bis zur Grimmstraße und von dort bis zum Südstern gelaufen. Hier schließt er sein Fahrrad ab und wir betreten den Luisenstädtischen Friedhof.

Den scheint er gut zu kennen. Er kann uns sofort zeigen, wo das monumentale Grab von Gustav Stresemann liegt. Plötzlich kommt ein Trauerzug an uns vorbei, pietätvoll schlagen wir uns in einen Seitenweg.

Nie den Boden unter den Füßen verlieren

Schuch braucht solche ruhigen Orte, das Flugfeld Tempelhof etwa oder eben dieser Friedhof, „wo das hektische Alltagsgetriebe der Großstadt plötzlich ganz weit weg ist“. Wie um diese Naturverbundenheit zu unterstreichen, hüpft ein Eichhörnchen ganz zutraulich zu uns. Schuch freut sich wie ein Kind darüber.

Der Ur-Ort für diese Ruhemomente ist ein Berg in Jena. Oder was man da so Berg nennt. Den hat er früher vor jeder Rolle, vor jeder Herausforderung bestiegen. „Das ist so ein Ritual. Weil du was erklimmen muss. Gleichzeitig sehe ich da oben, dass ich doch nur ganz klein bin, und verliere so nicht den Boden unter den Füßen.“

Mittlerweile klappt das auch an anderen Orten. Aber der Bezugspunkt zu diesem Berg in Jena war immer da, schon bei noch ganz kindlichen ersten Spielerfahrungen. Er lässt sich auch immer wieder von seiner Mutter Fotos davon schicken, damit er sich „besser auf diesen Berg träumen kann“.

Ist das nicht ein Widerspruch, erst raus zu wollen aus Jena und sich dann doch zurückzusehnen? Nein, es hat eher mit Psycho-Hygiene zu tun. Nach all der Recherche und dem theoretischen Prozess, sich auf eine Rolle vorzubereiten, sei das „eine andere Form für Tanzengehen. So ein Sieb rausholen. Wo man wieder lernen muss, zu vergessen. Und zu vertrauen, dass das Wichtige schon hängen geblieben ist.“

Hängenbleiben ist ein gutes Stichwort. So überlegt und in sich ruhend er einem auch im persönlichen Gespräch begegnet, in seinen Filmen ist Schuch der Mann fürs Extreme und für krasse Charaktere. Ihn reizen diese Wechsel. Das macht für ihn den Reiz des Berufes aus. „Ich will auch nicht immer dasselbe spielen. Und kämpfe dafür.“

Die Kunst ist es, wieder zu sich selbst zurück zu finden

Aber es sind auch oft Figuren, die weh tun. Die er manchmal seine „Patienten“ nennt. Er zieht da durchaus Vergleiche zu den Berufen der Eltern: Wie bei der klassischen Sprechstunde geht es darum, einfach zuzuhören. Einem Großteil der Patienten sei damit schon viel geholfen. Da hat die Arbeit therapeutischen Charakter.

Wie aber wird man das wieder los, wenn man etwa einen NSU-Terroristen gespielt hat? Kann man so eine Rolle abends einfach ablegen wie einen Mantel? Nein, gibt er zu. Wir haben da offenbar einen wunden Punkt berührt. „Ich dachte, das ginge. Ich bin damit ein bisschen lax umgegangen.“ Er will sich auch nicht mit Attitüden profilieren, dass die Rolle lange an ihm hafte, das habe auch etwas Anmaßendes. „Ich gehe gern in meinen Rollen auf, aber es muss auch Grenzen geben.“

Rituale, um aus der Rolle wieder rauszukommen

Bei dem NSU-Film hat es ihn anderthalb Jahre gekostet, um sich davon zu lösen. „An den Hochschulen und bei Coachings für Filme geht es immer nur darum, wie man in eine Rolle hineinfindet. Aber es geht nie darum, wie man wieder aus ihr rauskommt.“ Das müsse jeder mit sich allein ausmachen.

Er hat deshalb begonnen, sich das selbst beizubringen. Hat sich Rituale ausgedacht, um am Ende eines Tages den Schalter wieder umlegen zu können. Eins davon, den Gang zum Friedhof, hat er nun preisgegeben. Gut möglich, dass er sich jetzt ein anderes suchen muss.

„Den Schalter umlegen“, auch diese Formulierung benutzt er öfter, wie „den Ball flach halten“. Da gibt einer wirklich auf sich acht, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Daran wird auch eine mögliche Oscar-Nominierung nichts ändern.