Berliner Spaziergang

Der Weltentdecker: Unterwegs mit Pfizer-Chef Peter Albiez

Wir begegnen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: Peter Albiez, Deutschland-Chef von Pfizer.

Peter Albiez mag den Wasserturm in Prenzlauer Berg: "Ein beeindruckendes Industriedenkmal"

Peter Albiez mag den Wasserturm in Prenzlauer Berg: "Ein beeindruckendes Industriedenkmal"

Foto: Reto Klar

Berlin. Normalerweise ist es ein Spaziergang. So war es auch mit Peter Albiez, Deutschlandchef des Pharma-Unternehmens Pfizer, verabredet. Ich hätte skeptisch werden können, als er morgens, um Punkt 9 Uhr, in Turnschuhen – mit geöffneten Schnürsenkeln – vor uns stand. „Bereit zum Spaziergang?“, grüßte er den Fotografen Reto Klar und mich munter. „Klar.“ Was folgte, war ein Marsch, im schnellen Tempo und mit großen Schritten, durch Prenzlauer Berg. Mit ein paar Schlenkern – erst hoch zur Kulturbrauerei, dann die Kastanienallee runter, schließlich vom Zionskirchplatz bis zur Rheinsberger Straße, weiter bis zur Factory Berlin und wieder zurück zur Brunnenstraße.

Aber jetzt starten wir erst einmal am Wasserturm. Hier wollte sich Albiez treffen, obwohl er doch mit seiner Familie seit einigen Jahren in Kleinmachnow wohnt und am Potsdamer Platz arbeitet. Warum Prenzlauer Berg? „Wir treffen uns hier, weil es mich zurückversetzt in die 90er-Jahre“, sagt Albiez. „Damals war ich häufig hier, hier lebten Freunde von mir, hier sind wir viel ausgegangen.“ Berlin Anfang der 90er-Jahre, da war viel im Umbruch, die Häuser in Prenzlauer Berg waren noch nicht saniert, es gab viel Raum für Neues. „Freiräume“, sagt der 54-Jährige. Weil ihm der Wasserturm („ein beeindruckendes Industriedenkmal“) so gut gefällt, machen wir auch hier die Fotos. Fotograf Reto Klar wirft sich ins Laub, ungeachtet dessen, was dort noch so alles liegen könnte. Dann gehen wir zum Turm hinauf, eine schöne, am frühen Morgen noch ungestörte, geradezu idyllische Ecke in Prenzlauer Berg. Das Areal wird gerade aufgehübscht, Peter Albiez gefällt es. Die nächsten Fotos – und zwei junge Männer, die offensichtlich die Nacht durchgemacht und das Wegbier noch in der Hand haben, bleiben stehen und schauen zu. „Wer bist du denn? Bist du ein Politiker?“, fragen sie. Albiez lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. „Unternehmer.“ Das muss reichen.

Als junger Mann entdeckt er seine Liebe für Indonesien

Bevor er Unternehmer und Geschäftsführer eines der größten Pharmaunternehmen wurde, hat Albiez einen langen, einen abwechslungsreichen Weg zurückgelegt. Doch der Reihe nach. Geboren wurde Albiez in Nagold, in Baden-Württemberg. Seine Großeltern lebten dort, seine Eltern lernten sich dort kennen und lieben. Der Vater war Bundeswehr-Offiziere bei den Fallschirmjägern. Das bedeutete für die Familie, dass sie alle drei bis vier Jahre den Standort wechseln musste. Als Peter Albiez ein Jahr alt war, zog die Familie nach Karlsruhe, von dort ging es auf die Alb, dann ins Saarland, später nach Nordrhein-Westfalen und Bayern. Die sechsköpfige Familie – Albiez ist der älteste von vier Kindern – musste immer wieder neu ankommen und nach wenigen Jahren wieder Abschied nehmen. „Das hat mich sehr geprägt“, sagt Albiez. „Man musste das Alte hinter sich lassen und sich auf das Neue wieder einlassen. Das war nicht einfach, ja, sogar schmerzhaft, das war auch mit Tränen verbunden.“ Aus heutiger Sicht dann aber doch eine Bereicherung, denn es hat ihn und sein weiteres Leben beeinflusst. „Ich mag Veränderung, ich mag Bewegung.“ Und: „Ich kann gut Altes hinter mir lassen und etwas Neues beginnen.“ Man glaubt es ihm sofort.

Wir machen uns mit großen Schritten auf den Weg durch den Prenzlauer Berg. Die Route hat sich Albiez vorher schon genau überlegt. Obwohl er seit einigen Jahren mit seiner Frau und den beiden Töchtern in Brandenburg lebt, kennt er sich in dem Bezirk noch bestens aus. Zunächst Richtung Kulturbrauerei, denn die ist nun wirklich prägend für den Bezirk.

Wie wichtig ist ihm, der in einer so großen Familie aufgewachsen ist, noch heute Familie? „Wir sind ein sehr großer Verbund, wir treffen uns regelmäßig und pflegen das auch.“ Mit den Eltern hatte und hat er ein gutes Verhältnis – „auch in meiner Sturm- und Drangzeit“. Als die Familie nach Rheinbach zog und er dort aufs Gymnasium kam, da entdeckte er zum ersten Mal die Welt. Als Pfadfinder, im Handballverein, im Gymnasium. Dort ging es sehr freigeistig zu, dann zog die Familie nach Oberbayern um, nach Schongau. In der Nähe hatte Franz-Josef Strauß (CSU) seinen Wahlkreis. Albiez kam in die achte Klasse, die Erinnerung an diese Zeit ist ihm noch sehr lebendig. „In der Schule haben wir Hausschuhe angezogen, und in der Klasse hat man sich dann zum Kreuz gewendet und kurz gebetet.“ Erst kam es ihm wie im Kloster vor, dann kam er dort bestens zurecht. In der Schule, in der später auch keine Hausschuhe mehr angezogen werden mussten, in Bayern. „Eine wunderbare Gegend, eine wunderbare Gemeinschaft, wunderbare Leute“, Albiez schwärmt auch so viele Jahre später noch von dieser Zeit.

Noch eines war in dieser Zeit wichtig – und zeigt vielleicht schon seinen Mut, sich auf neue Dinge einzulassen, seinen Mut zum Risiko. Mit 16 Jahren wird Albiez zum Fallschirmspringer. Nicht weil der Vater, der Fallschirmjäger-Soldat, das wollte, sondern weil es ihm wichtig war. „Das ist ein großartiges Erlebnis, wenn man aus dem Flugzeug ins Leere springt“, sagt Albiez. Er bleibt an der Straße stehen, macht vor, wie man diesen Schritt aus dem Flugzeug hinaus machen muss. „Ein irres Gefühl, wenn man dann fünf Sekunden fällt, ohne geöffneten Fallschirm.“ Fast hat man den Eindruck, er würde am liebsten sofort wieder zu einem Sprung ansetzen. Fünf Sekunden sind ganz schön lang. Albiez zählt: „Eins – zwei – drei – vier – fünf.“ So ein Sprung setze eine Euphorie frei, ja, mache glücklich. Erst nach dem achten oder neunten Fallschirmsprung setze dann das Nachdenken ein: „Was mache ich hier eigentlich?“ Und springt er heute noch regelmäßig, will ich wissen. „Nein, heute mache ich das nicht mehr.“

Nach dem Abitur geht Albiez zur Bundeswehr. Als Zeitsoldat, für zwei Jahre. Weil der Vater das wollte? „Nein, mein Vater hat mich nie gedrängt“, sagt Albiez. Es sei sein Wunsch gewesen – er wollte Geld verdienen, und als Zeitsoldat wurde man auch besser ausgebildet. Auch zur Führungskraft. Von 1985 bis 1987 war Albiez bei der Bundeswehr – und hatte auch Zeit, sich Gedanken über die weitere berufliche Zukunft zu machen. Doch die muss warten. Denn erst einmal geht er auf Reisen. „Ich wollte nicht später einmal sagen: ,Ach, hätte ich das doch gemacht‘“, erinnert sich Albiez. Geld ist da, das hatte er während der Bundeswehrzeit gespart.

Studium der Biologie in Regensburg

Allein macht er sich im Oktober 1987 auf nach Asien. Nach Thailand, wo er sich auch abseits der Touristenpfade bewegt. Von dort nach Malaysia und Indonesien. Während wir die Kastanienallee hinunterlaufen, erzählt Albiez so lebhaft, dass man den Eindruck hat, die Reise liege erst wenige Wochen zurück. Er erinnert sich an alles, an den Thailänder, der ihn mit ins Hinterland nahm, an das Gefühl der Hilflosigkeit und Einsamkeit, als keiner mehr Englisch, sondern alle nur Thailändisch sprachen. Seine Liebe, die galt dann Indonesien. Dort, in diesem Kosmos mit hunderten von Ethnien, allen Religionen, den Inseln, Städten und der vielfältigen Natur fühlt er sich wohl. Er lernt Indonesisch, er will am liebsten nicht mehr weg. „Das ist ein Stück weit mein ,second home‘“, sagt Albiez. „Mit keinem Land außer meinem Mutterland fühle ich mich so eng verbunden.“

Doch irgendwann ist die Reisezeit vorbei. Albiez studiert Biologie – und später auch Jura – in Regensburg. Nach dem Studium schwankt er, ob er promovieren und in die Wissenschaft wechseln soll. Doch da ist die Sehnsucht nach Indonesien. Albiez beantragt über Förderprogramme ein Projekt im Umweltmanagement für Indonesien – und bekommt den Zuschlag. 1994 bricht er wieder nach Asien auf – und reist dann zwischen Indonesien und Deutschland hin und her. „Ich musste immer wieder zurück, um Geld zu verdienen oder Folgeprojekte zu beantragen“, erzählt er. Damals habe er gedacht, er werde für immer in Indonesien bleiben.

Doch es kommt anders. Zwei Jahre später bewirbt er sich bei Pfizer, damals, 1996, noch kein weltweit führendes Pharmaunternehmen. Nicht alle im Freundeskreis finden das damals gut. Passt Pharma zu jemandem, der so unabhängig und freigeistig, so engagiert im Umweltschutz war? Es passt. Albiez kommt für Pfizer zunächst für ein Jahr nach Berlin, ist im Außendienst tätig, dann schon entscheidet das Unternehmen, ihn zur Führungskraft aufzubauen. Er wird in ein Traineeprogramm aufgenommen, muss Berlin wieder verlassen und wird Regionalleiter für Hessen und das Saarland. „Ich habe gemerkt, dass mir Führung liegt“, sagt Albiez ganz offen. Auch das Pharmageschäft liegt ihm, auch privat passt alles: Bei Pfizer lernt er seine Frau kennen. „Ich habe Pfizer viel zu verdanken“, sagt Albiez und lacht herzlich. 2001 wird Tochter Lisa geboren, 2008 dann Tochter Nina – da ist die Familie schon wieder in Berlin.

Denn das Pharmaunternehmen, das deutschlandweit vor allem durch die Viagra-Pille bekannt geworden ist, beschließt, seinen Hauptsitz in Deutschland zu verlagern. Von Karlsruhe nach Berlin. Zuvor hatte das Unternehmen eine schwere Restrukturierungszeit durchlaufen und viele Mitarbeiterstellen abgebaut, nun soll es mit neuem Schwung weitergehen. 500 Mitarbeiter müssen von Karlsruhe nach Berlin wechseln, viele kommen mit. „Wir haben ihnen bei Berlin-Reisen gezeigt, dass Berlin für alle Lebensentwürfe viel bietet“, sagt Albiez. Er macht es vor und zieht mit der Familie als einer der ersten um.

In Berlin stellt sich Pfizer neu auf. „Das waren durchaus herausfordernde Zeiten“, sagt Albiez, der seit 2009 zum Leitungsteam gehörte und seit 2015 Geschäftsführer von Pfizer Deutschland ist. Die Entscheidung, die neue Konzernzentrale am Potsdamer Platz aufzubauen, erweist sich als goldrichtig. Mit der Gründung eines Gesundheits-Hubs kommt Pfizer in Kontakt mit vielen Start-ups in Berlin. „Dieser Experimentierraum hat uns jede Menge Möglichkeiten eröffnet“, sagt Albiez. In Berlin gibt es mit der Charité und anderen Kliniken die Partner, die ein Pharmaunternehmen für seine klinischen Studien braucht. Und hier liegt die Zukunft für die Digitalisierung. „Das ist im Grunde eine Revolution“, ist der Manager überzeugt. Denn die Digitalisierung werde auch im Gesundheitsbereich alles verändern – nicht nur das Verhältnis von Arzt und Patient. Da wünscht er sich auch noch mehr Schwung von der Politik. „Die hat sehr lange gebraucht, um zu verstehen, wie sehr die Digitalisierung alles verändern wird, hat aber jetzt ordentlich Fahrt aufgenommen“, sagt Albiez.

Eine neue Diskussion über den Wert der Gesundheit

Dass sich dadurch auch der Blick auf die Gesundheit verändern wird, davon ist Albiez überzeugt. „Es geht um Gesundheit, das ist ein Wert an sich.“ Dieser müsse neu definiert werden, denn es dürfe nicht nur über die Kosten für die medizinische Versorgung oder die Ausstattung mit Krankenhäusern gesprochen werden. Auch deshalb engagiert sich Albiez jetzt als Sprecher im Gesundheitscluster von Berlin, wo Akteure aus den Kliniken, den Krankenkassen und der Forschung zusammenkommen. „Wir brauchen eine noch engere Kooperation“, sagt Albiez.

Wir haben unseren Marsch inzwischen abgeschlossen, trinken im Café an der Brunnenstraße Kaffee und diskutieren noch ein bisschen. „Und“, frage ich zum Abschluss, „wann waren Sie mit der Familie das letzte Mal in Indonesien?“ „Noch gar nicht“, antwortet Albiez. „Ich habe eine tiefe Sehnsucht.“ Der Spaziergang hat es mehr als deutlich gezeigt.

Zur Person:

Leben: Peter Albiez wurde am 30. April 1965 in Nagold in Baden-Württemberg geboren. Er machte Abitur und verpflichtete sich danach für zwei Jahre als Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Anschließend reiste er einige Monate durch Asien, studierte dann Biologie und Jura in Regensburg. Nach dem Studium ging er 1994 erneut nach Indonesien und betreute diverse Natur- und Umweltschutzprojekte. 1996 trat Peter Albiez beim Pharmaunternehmen Pfizer ein. Er ist verheiratet und lebt mit Ehefrau und zwei Töchtern in Kleinmachnow.

Pfizer: Zunächst war Peter Albiez bei Pfizer, das seinen Sitz in Karlsruhe hatte, im Außendienst tätig. Er kam für ein Jahr nach Berlin, wurde dann aber im Unternehmen zur Führungskraft ausgebildet. Zunächst in Hessen, später in Karlsruhe. Er war mit verantwortlich für den Umzug der Firma von Karlsruhe nach Berlin. Seit 2009 ist er Mitglied des Leitungsteams bei Pfizer, seit 2015 Geschäftsführer von Pfizer Deutschland.

Spaziergang: Der Treffpunkt war am Wasserturm an der Knaackstraße in Prenzlauer Berg. Von dort ging es durch Prenzlauer Berg, vorbei an der Kulturbrauerei bis zum Zionskirchplatz und weiter zur Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße. Im Café Bar Centrale an der Brunnenstraße gab es Kaffee.