Tina Hassel

"Sigmar Gabriel sah aus wie einer der Blues Brothers"

Die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel, über die Reihe der Sommerinterviews und Politiker, die wie Stars auftreten.

Tina Hassel beginnt die Reihe der Sommerinterviews am Sonntag – zu Gast wird FDP-Chef Christian Lindner sein.

Tina Hassel beginnt die Reihe der Sommerinterviews am Sonntag – zu Gast wird FDP-Chef Christian Lindner sein.

Foto: ARD-Hauptstadtstudio/Thomas Kier

Berlin. Es ist ein Polittalk in der oftmals prallen Sonne: Seit 20 Jahren befragen Journalisten in den sonntäglichen ARD-Sommerinterviews im „Bericht aus Berlin“ Spitzenpolitiker in ausführlichen Open-air-Gesprächen. Auch dieses Jahr wollen die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel, und ihr Kollege Oliver Köhr im Wechsel Politgrößen unter freiem Himmel auf den Zahn fühlen.

Die Gesprächsreihe „Bericht aus Berlin – Sommerinterview“ startet an diesem Sonntag um 18.30 Uhr im Ersten, wenn Tina Hassel mit FDP-Chef Christian Lindner spricht. Weitere Interviewgäste sind Annalena Baerbock von den Grünen am 28. Juli und CSU-Chef Markus Söder am 4. August. Und in den darauffolgenden Wochen werden Spitzenpolitiker der anderen im Bundestag vertretenen Parteien befragt. Tina Hassel wurde 1964 in Köln geboren, war in den 90er-Jahren ARD-Korrespondentin in Paris und leitete von 2012 bis 2015 das Washington-Studio des Senders. Seit vier Jahren steht sie an der Spitze des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin. Tina Hassel ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Berlin.

Frau Hassel, vor 20 Jahren starteten die „Sommerinterviews“ im „Bericht aus Berlin“. Was ist das Besondere an diesem Polittalk?

Tina Hassel: Gestartet sind diese Interviews ja, als es noch so etwas wie eine Sommerpause gab. Das ist mittlerweile nicht mehr so. Das Parlament in Berlin macht zwar nach wie vor Pause, aber die Politik geht auch im Sommer munter weiter, die hält sich nicht an den Kalender. Das Besondere an unseren „Sommerinterviews“ ist aber heute wie damals, dass man in diesen 20-Minuten-Gesprächen mit Politikern Dinge viel mehr vertiefen kann als das sonst der Fall ist. Das sind hochpolitische Interviews, was ich persönlich sehr gut finde.

Aber es geht schon auch etwas lockerer zu, oder?

Klar, die Gespräche finden ja im Freien statt, mit Blick auf den Reichstag, unten auf der Spree fahren Ausflugsschiffe vorbei, und die Menschen winken und klatschen, buhen aber auch manchmal. Das ist schon eine ganz besondere Atmosphäre, und für die Politiker auch deshalb eine besondere Erfahrung, weil sie bei dieser Gelegenheit mit ganz normalen Menschen in Kontakt kommen, wenn wir vor dem Interview gemeinsam noch ein paar Schritte an der Spree entlanggehen.

Wie finden die Politiker das?

Das ist ganz unterschiedlich. Horst Seehofer zum Beispiel liebt ja das Bad in der Menge und genießt diese Begegnungen. Den mussten wir manchmal schon regelrecht von den Leuten loseisen, damit wir mit unserem Interview anfangen konnten. Es gibt aber auch Personen, die davon weniger begeistert sind als er.

Finden Sie es schade, dass Angela Merkel diesmal abgesagt hat?

Klar, wir hätten die Kanzlerin schon gern da gehabt. Es hat mich aber nicht überrascht, weil sie ja eben nicht mehr Vorsitzende der CDU ist, sondern Annegret Kramp-Karrenbauer – und die werden wir im „Sommerinterview“ befragen.

Welche Sommergespräche sind Ihnen nachdrücklich in Erinnerung geblieben?

Zum Beispiel ein Interview mit Sigmar Gabriel vor vier Jahren, als er noch SPD-Chef war, das war mein erstes „Sommerinterview“ überhaupt. Er hatte aus Zeitgründen unbedingt mittags kommen wollen, und es war knallheiß auf der Terrasse am Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Deshalb wollte Sigmar Gabriel seine schwarze Sonnenbrille anbehalten, damit sah er aber aus wie einer der Blues Brothers. Wir haben ihm gesagt, das geht beim besten Willen nicht, sodass er die Sonnenbrille nach einigem Hin und Her abgenommen hat und zu Beginn des Gesprächs extrem schlecht gelaunt war. Zum Glück hat er nach einer Minute den Schalter umgelegt, sodass noch ein ganz charmantes und vor allem inhaltlich interessantes Interview dabei herausgekommen ist.

In der prallen Sonne…

Genau, wobei auch der Wind zum Problem werden kann. Mit dem früheren SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz zum Beispiel habe ich einmal ein Sommerinterview geführt, bei dem wir starke Windböen hatten. Er musste dabei ein Handmikrofon halten, weil der Mikrofonanstecker, den wir normalerweise am Jackett unserer Gäste anbringen, wegen des Windes nicht funktioniert hat. Das hat Schulz zunächst einmal völlig die Laune verhagelt. Das Wetter spielt bei den „Sommerinterviews“ schon eine Rolle: Einmal mussten wir wegen einer Unwetterwarnung ein Gespräch mit der Kanzlerin ganz kurzfristig nach drinnen verlegen. Dummerweise wurde unser Fernsehstudio aber gerade renoviert, sodass wir das Interview dann in der Redaktionshalle geführt haben. Das war schon eine sportliche Herausforderung, wenn Sie so wollen.

Fällt es Ihnen leicht, in solchen Situationen die Nerven zu bewahren, oder geht die Pumpe schon mal schneller?

In der Situation selbst bleibe ich völlig ruhig, die Pumpe geht dann eher schneller, wenn ich mir das Interview später noch einmal anschaue und mich an den Stress erinnere (lacht).

Was machen Sie gegen die üblichen Politiker-Sprechblasen?

Immer wieder nachfragen – und wenn dann trotzdem nur noch Worthülsen kommen, dann thematisiere ich es und überlasse es dem Zuschauer, sich seine eigene Meinung dazu zu bilden. Wenn man die Sprechblase nicht platzen lassen kann, muss man sie wenigstens ansprühen und dem Publikum zeigen: Mehr kommt da nicht.

Bekommen Sie eigentlich viele Rückmeldungen von Zuschauern zu den „Sommerinterviews“?

Ja, viele, und zwar die meisten dann, wenn es um Themen geht, die den Leuten wirklich auf den Nägeln brennen. Wenn es um Dinge geht, die die Menschen im ganzen Land interessieren und nicht nur die politische Blase in Berlin. Es werden übrigens keine unserer Fragen mit den Politikern vorher abgesprochen, das möchte ich ausdrücklich betonen, weil mich Zuschauer häufig darauf ansprechen.

Gibt es mehr positive oder negative Rückmeldungen?

Das klingt jetzt vielleicht etwas eitel, aber es sind mehr positive. Natürlich gibt es immer auch einige kritische Menschen, die das nicht so gut fanden, was man abgeliefert hat, und manchmal sogar regelrechte Hassbotschaften, die in der Regel anonym über die sozialen Medien reinkommen.

Wie gehen Sie damit um?

Ich tausche mich mit jedem aus, bei dem ich den Eindruck habe, er will noch reden. Wenn ich aber spüre, da geht es jemandem nur noch ums Beschimpfen, und wenn der auch noch anonym ist, dann macht das Reden keinen Sinn. So etwas ignoriere ich in der Regel. Wenn’s ganz heftig wird, leiten wir auch schon mal strafrechtliche Schritte ein.