Ku’damm 56

August Wittgenstein ist eigentlich ganz anders

August Wittgenstein wurde durch „Ku’damm 56“ bekannt. In „Jenny – echt gerecht!“ darf er sich von seiner lustigen Seite zeigen.

Schauspieler August Wittgenstein lebt seit 2011 in Mitte.

Schauspieler August Wittgenstein lebt seit 2011 in Mitte.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE FOTO SERVICE

Berlin. Ein angedeutetes Lächeln lässt sich August Wittgenstein fürs Foto dann doch entlocken. Es ist noch früh am Morgen in einem Café in Charlottenburg, der Schauspieler ist auf dem Sprung zum Flughafen Tegel, auf dem Weg zum nächsten Projekt. In Johannesburg steht der 38-Jährige gerade für eine internationale Serie vor der Kamera.

In Deutschland ist derweil die zweite Staffel seiner RTL-Serie „Jenny – echt gerecht!“ (donnerstags, 20.15 Uhr) gestartet. Wittgenstein spielt darin einen schnöseligen, ehrgeizigen Anwalt, dessen Leben von seiner Assistentin (Birte Hanusrichter) auf den Kopf gestellt wird. Eine Rolle, prädestiniert für Wittgenstein. „Ich habe schon auf der Schauspielschule Rollen geliebt, die nach außen eine gewisse Härte hatten, die kurz vor dem Zerbersten waren“, sagt er.

So wie Wolfgang von Boost, der homosexuelle Staatsanwalt in der ZDF-„Ku’damm“-Reihe, der der Konvention wegen mit Helga verheiratet ist. Oder Karl Tennstedt, zackiger Oberleutnant zur See mit Suchtproblem in der Serienneuverfilmung von Wolfgang Petersens Kinofilm „Das Boot“. Aus irgendeinem Grund könne er sich mit diesen Männern identifizieren, sagt Wittgenstein. „Ich weiß gar nicht, warum das so ist. Eigentlich bin ich ein ganz fröhlicher Typ.“

Tatsächlich hat August Wittgenstein im persönlichen Gespräch wenig mit seinen bekanntesten Filmcharakteren gemein. Zehntagebart, schlichtes weißes T-Shirt, offene Ausstrahlung. Der Wahlberliner stellt viele Gegenfragen, ist aufmerksam, erzählt erst einmal von seinem letzten Urlaub. Italien hat es ihm gerade angetan. Er liebe das Land und den Lebensstil, die Sprache versuche er 20 Minuten täglich mithilfe einer App zu lernen. Seine Reisen lassen sich auch auf Instagram verfolgen: Wittgenstein in Sizilien, Wittgenstein in der Toskana, Wittgenstein in Umbrien oder in Rom. Das häufige Fliegen für viel zu wenig Geld sei natürlich ein Problem. Erst neulich sei er für 28 Euro in Schweden gewesen, die Heimat seiner Mutter. Aber was soll er tun? Das Unterwegssein ist eine Konstante im Leben des gebürtigen Siegeners, nicht erst, seitdem er als Schauspieler erfolgreich sein Geld verdient.

Geboren als Sohn eines Deutschen und einer Schwedin, aufgewachsen mit einem Bruder und zwei Schwestern, verließt August Wittgenstein Deutschland mit 15 Jahren, um in Schweden – mitten im Wald an einem See – aufs Internat zu gehen. Der Schüler konnte die Sprache anfangs nur rudimentär, er sei schüchtern gewesen, zudem in einem schwierigen Alter. Eine Erfahrung, die ihn geprägt hat. Er habe gelernt, auf andere zuzugehen, sei offener als es den Menschen aus seiner Heimat gemeinhin nachgesagt werde. Heute sei er dankbar für die Zeit, weil er eine intensive Verbindung zum Land seiner Mutter aufgebaut habe, sagt er. Viele seiner engsten Freunde hat Wittgenstein noch immer dort.

Ausbildung in Schweden, England und den USA

Nach dem Abitur ging August Wittgenstein für ein Jahr nach Oxford, um auch den englischen Schulabschluss zu machen. Es folgte ein Aufenthalt in Australien, bevor er an der Georgetown University in Washington Geschichte studierte. Seine Schauspielausbildung absolvierte er anschließend in New York und Los Angeles. Ach, und in Paris habe er zwischendurch auch noch für ein Jahr gelebt, erzählt Wittgenstein in einem Nebensatz. Die Sprache habe ihm allerdings nicht gelegen. „Es geht so“, sagt er auf die Anmerkung hin, er sei in seinem Leben schon viel herumgekommen. Für den Schauspieler ist das Weltläufige Alltag.

„Immer wieder von vorne anfangen wurde irgendwann zur Normalität“, sagt August Wittgenstein. „Ich bin auf der einen Seite sehr entwurzelt. Man könnte aber auch sagen, ich habe viele verschiedene Wurzeln.“ Als Ergebnis fühle er sich wie eine Mischung aus der deutschen, schwedischen und amerikanischen Mentalität. Ordnung, Disziplin und Struktur habe er natürlich aus Deutschland, Sarkasmus und Empathie aus Schweden, Humor und Lässigkeit aus den USA. „Wenn ich mittlerweile locker geworden bin, dann liegt das vielleicht an Amerika“, sagt er und lacht. Vom Genotyp sei er eigentlich zurückhaltender, eben so wie die Menschen in seiner Heimatregion. „Verschlossen auf eine positive Art und Weise. Es dauert eine Weile, bis sie dich ins Herz geschlossen haben. Aber dann sind sie sehr loyal.“

Seit 2011 wohnt August Wittgenstein in Berlin. In Mitte ganz genau. Zuerst gemeinsam mit einem Freund, jetzt allein in einer Wohnung, aus der er wegen der günstigen Miete wohl nie wieder ausziehen könne. Hier fühle er sich wohl, auch wenn er seine Freunde aus Schweden vermisse. „Ich kann mir in Deutschland gerade keinen anderen Ort zum Leben vorstellen“, sagt er. „Außer vielleicht, ich finde eine Frau, die gern aufs Land möchte. Da sind mir aber noch nicht so viele begegnet.“ Nach seinem Beziehungsstatus gefragt, drückt Wittgenstein sich kryptisch aus. Alles sei dort, wo es hingehöre, irgendwo zwischen Single und vergeben. Aber so geht es ja vielen in Berlin.

Das „Land“, von dem Wittgenstein spricht, ist das Wittgensteiner Land in Nordrhein-Westfalen, seine Heimat, die nicht zufällig so heißt wie er selbst. August Wittgenstein entstammt einem Geschlecht des früheren deutschen Hochadels. August-Frederik Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg lautet sein vollständiger Name. Der Einfachheit beim Casting halber habe er irgendwann auf die langer Version verzichtet. Und im Ausland könne sowieso niemand etwas damit anfangen. Nur in Deutschland spielten die Fantasien der Klatschreporter und Adelsexperten verrückt. Googelt man den Schauspieler, finden sich Artikel auf Portalen wie „Adelswelt“ über den „waschechten Prinzen“. Auch „Bunte“ und „Gala“ berichten regelmäßig über die Geschicke der „deutschen Royals“.

Abstammung aus dem früheren deutschen Hochadel

„Ich wüsste nicht, was bei mir anders gewesen sein soll als bei anderen Kindern“, sagt hingegen August Wittgenstein. „Ich bin nicht auf einem Schloss aufgewachsen und mit der Kutsche zur Schule gefahren.“ Eine Name, sonst nichts und überhaupt kenne er sich mit der Geschichte seiner Familie, die ins 11. Jahrhundert zurück reicht, gar nicht so gut aus. „In meiner Familie ist Tradition wichtig. Es ist aber nicht so, dass mein Vater zu Weihnachten den Stammbaum abfragt.“ Vielleicht nur das: Der Hang zu strengen Rollen stamme wohl von seinem schwedischen Großvater. Ein Angehöriger der Kriegsgeneration, bei dem er viele Sommer verbrachte und der versuchte, ihn nach einem alten Ideal zu formen: Der Mann hat hart zu sein. Ansonsten stamme er aber nicht aus einem übermäßig konservativen Elternhaus. Wissen, wo man her kommt, Menschen mit Offenheit und Toleranz begegnen, sich nach einer Einladung bedanken, vielleicht sogar mit einem Brief, das mache doch hoffentlich jeder so. Oder nicht?

Seine Eltern haben seinen Wunsch, Schauspieler zu werden, zuerst ein wenig belächelt, sagt August Wittgenstein. Als sich der Junge partout nicht davon abbringen ließ, änderten sie jedoch ihre Meinung und forderten: Dann tu etwas dafür! Besonders ihre Unterstützung, als es nach der Schauspielschule ein paar Jahre überhaupt nicht lief, rechnet er ihnen hoch an. „An meiner Fähigkeit zu schauspielern habe ich nie gezweifelt. Vielleicht stimmt es nicht, aber ich habe immer gedacht, dass ich das kann“, sagt Wittgenstein. Er sei schon immer ein langsamer Leser gewesen, deshalb habe als Kind mehr in Filmen als in Büchern gelebt. Zu seinen schönsten Kindheitserinnerung gehörten gemeinsame Filmabende mit der Familie. Die Emotionen, die „Club der toten Dichter“ oder „Grüne Tomaten“ bei ihm auslösten, hätten ihn fasziniert. „Es gibt Filme, nach denen hatte ich das Gefühl, ein besserer Mensch sein zu wollen. Deshalb ist Schauspieler eigentlich ein sehr nobler Beruf.“

Durchbruch mit „Ku’damm 56“

Weil es in seiner Familie nur Akademiker gab, ging auch August Wittgenstein zunächst an die Uni. Mittlerweile habe er aus seinem Bachelor-Studium fast alles wieder vergessen, sagt er. Die Fähigkeit, sich kritisch mit einem Thema auseinanderzusetzen sei jedoch geblieben. Genau so wie die Lust am Quellenstudium, wenn er einen historischen Stoff wie „Das Boot“ drehe. Das Handwerk zu lernen, sei ihm dann auch als Schauspieler wichtig gewesen. Also ging er erst auf die American Academy of Dramatic Arts in New York und dann an die Berg Studios in Los Angeles. „Ich wusste immer, dass ich den Job wollte. Dann kam ich auf die Schauspielschule und habe gemerkt: Ich weiß gar nichts“, erinnert er sich. „Man wird dort gebrochen und ist im ersten Jahr voller Selbstzweifel. Irgendwann kommt dann der Moment der Erleuchtung. Man kennt sich selbst. Als ich fertig war, hatt ich sehr viel Sicherheit. Ich hatte ja das Handwerk gelernt.“

Trotzdem wollte es mit der Karriere die ersten Jahre nach dem Abschluss nicht so richtig klappen. Wittgenstein zweifelte an seiner Entscheidung und seiner emotionalen Eignung für das unsichere Geschäft. Zwar spielte er kleinere Rollen in Filmen wie „Illuminati“ mit Tom Hanks, „The Congress“ mit Harvey Keitel und „Ludwig II.“ mit Sabin Tambrea, der große Durchbruch blieb allerdings aus. Dann kam 2016 „Ku’damm 56“. Mit seinen Kollegen Sonja Gerhardt, Maria Ehrich, Emilia Schüle und Trystan Pütter gehört Wittgenstein seitdem zur aufstrebenden jungen deutschen Schauspielergeneration, daneben wird er in Serien wie „The Crown“ auch international besetzt.

Die Selbstzweifel sind seitdem verflogen. Er könne sich gut selbst auf der Leinwand sehen, nur seine Stimme finde er manchmal ein wenig monoton, sagt Wittgenstein. „Wenn ich gut drauf bin, lade ich mir ein paar Freunde ein, um meine eigenen Filme zum ersten Mal zu sehen. Dann machen wir eine Flasche Wein auf und alle lachen über mich.“ Im kommenden Jahr steht August Wittgenstein für den dritten Teil der ZDF-Reihe, „Ku’damm 62“, vor der Kamera.

Nachdem Wolfgang im Vorgänger die Liebe zu einem Mann vergönnt war, werde es nun wohl wieder etwas strenger zugehen, fürchtet der Hauptdarsteller. Als Ausgleich bleibt ihm Maximilian Mertens in „Jenny – echt gerecht!“, der immerhin zeitweise seine humoristische Seite zeigen darf. Die Dreharbeiten seien weniger schwer als bei einem Drama, das gefalle ihm. Schließlich sei er doch eigentlich ganz anders als seine ernsthaften Rollen. „Raus aus dem Kopf, rein in den Körper“, das habe er im Schauspielstudium gelernt, sagt August Wittgenstein. Wenn man ihm nicht gerade auf der Leinwand begegnet, nimmt man ihm das sogar ab.