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Felix Jaehn: „Ich habe meine Gefühle lang unterdrückt“

2018 outete er sich als bisexuell. Jetzt hat der 24-Jährige einen Song über Selbstliebe veröffentlicht, mit dem er beim CSD auftritt.

Felix Jaehn wurde 2014 durch seinen Remix des Songs „Cheerleader“ bekannt. Heute tourt der gebürtige Hamburger um die ganze Welt.

Felix Jaehn wurde 2014 durch seinen Remix des Songs „Cheerleader“ bekannt. Heute tourt der gebürtige Hamburger um die ganze Welt.

Foto: Andre HirtzAndré Hirtz / André Hirtz / Funke Foto Services

Seit dieser Woche ist DJ Felix Jaehn stolzer Besitzer einer Wachsfigur bei Madame Tussauds Unter den Linden. Die Begegnung mit seinem Doppelgänger war für den 24-Jährigen am Mittwoch eine große Ehre und skurrile Erfahrung zugleich. „Das ist wie in der Spiegel gucken, nur in merkwürdig.“ Schon am 27. Juli ist der Musiker zurück in Berlin. Dann spielt er gemeinsam mit Melanie C., Mia und Marianne Rosenberg bei der Abschlusskundgebung des CSD am Brandenburger Tor. Passend dazu hat Jaehn gerade den Song „Love On Myself“ veröffentlicht. Im Interview spricht er über sein eigenes Coming-out, seine Vorbildfunktion und Auftritte in LGBT-feindlichen Ländern.

Verbinden Sie mit dem Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud Kindheitserinnerungen?

Felix Jaehn: Tatsächlich bin ich heute zum ersten Mal in einem Madame Tussauds. Aber als die Anfrage kam, war ich total geflasht, denn es ist schon eine große Ehre. Wenn ich jetzt daneben stehe, ist es schon sehr absurd. Besonders gefreut habe ich mich, dass die Figur aufgrund von Besucherwünschen entstanden ist.

Finden Sie sich gut getroffen?

Total, ich glaube, es ist fast perfekt. Ich habe mich nur gefragt, ob das Kinn vielleicht ein bisschen zu spitz ist. Aber das ändert sich vielleicht auch je nach dem, was ich gerade esse. Ich wurde acht Stunden lang von oben bis unten vermessen. Sie hatten also wirklich alle Daten, die man von mir haben kann.

Die Faszination von Madame Tussauds liegt darin, Promis zu „treffen“, die im echten Leben für die meisten Menschen unerreichbar sind. Bei Ihnen ist das anders. Wann hatten Sie denn Ihren letzten Fan-Moment mit einem anderen Prominenten?

So richtig Star-verrückt bin ich eigentlich nie. Ich weiß ja, dass das auch nur Menschen sind, die eben sehr erfolgreich sind mit dem, was sie machen. Neulich habe ich allerdings den amerikanischen Singer-Songwriter Alec Benjamin zufällig am Flughafen in Hamburg getroffen. Den finde ich super. Wir hatten uns auch schon einmal über Twitter geschrieben, dass wir gern zusammenarbeiten möchten. Ich kam also total müde von einer Tour nach Hause und plötzlich stand er da. In diesem Moment fühlte ich mich wie ein richtiger Fan und habe schnell weggeguckt. Dann habe ich noch mal geguckt und ihn doch angesprochen. Wir haben dann Nummern ausgetauscht und machen demnächst eine Session zusammen, wenn ich in Los Angeles bin.

Sie haben gerade Ihren neuen Song „Love On Myself“ veröffentlicht, am 27. Juli spielen Sie beim CSD in Berlin. Ist das Lied als Pride-Hymne zu verstehen?

Ein Stück weit auf jeden Fall. Es geht ja um Selbstliebe. Das passiert aber auf ganz vielen Ebenen, da geht es nicht nur um Sexualität. Aber natürlich war das für mich in der Vergangenheit eines der Hauptthemen. Eines, das ich erst einmal für mich reflektieren und verstehen musste, zu dem ich stehen musste. Deshalb trage ich auf dem Cover ganz bewusst die Regenbogenflagge auf dem T-Shirt. Und dass Calum Scott mit dabei ist, der sich 2018 geoutet hat, ist natürlich auch kein Zufall.

Sie erzählen in dem Song also Ihre eigene Geschichte?

Als ich aufgewachsen bin, habe ich meine Gefühle lang unterdrückt, weil ich sie nicht verstanden habe. Das lag sicher auch daran, dass ich bisexuell bin. Ich habe gedacht, ich müsste eine klare Tendenz haben. Eines Tages würde ich schon wissen, ob es entweder nur Jungs oder nur Mädchen sind. Deshalb habe ich relativ lang gewartet, bis ich das öffentlich gemacht habe. Irgendwann habe ich akzeptiert, dass auch das okay ist. Dass ich mich nicht festlegen muss, sondern dass es einfach um den Menschen geht. Ich kannte in meiner Jugend keinen einzigen offen schwul oder lesbisch lebenden Menschen. Ich hatte dazu überhaupt keinen Bezug. Ich musste erst ein bisschen älter werden und in die Welt hinaus gehen, bis ich bei diesem Thema eine Sicherheit gefunden habe. Damit ich entscheiden konnte, dass dieser Aspekt auch Teil meiner Künstleridentität sein soll. Dass ich diese persönliche Ebene in meiner Musik haben möchte.

Ist Ihr eigener Mangel an Vorbildern ein Grund für Ihr öffentliches Coming-out gewesen? Um für die Generation nach Ihnen etwas zu verändern?

Das war einer meiner Hauptgründe. Nach meinem letzten Album habe ich noch einmal viel darüber nachgedacht. Was möchte ich in Zukunft mit meiner Musik machen? Ich habe mich dafür entschieden, dass ich bei allen Songs, die ich veröffentliche, die Texte mitschreibe. Das ist für einen DJ recht untypisch, weil ich ja nicht singe. Trotzdem möchte ich Themen setzen, die für mich persönlich wichtig sind. Weil ich über meine Reichweite nicht nur unterhalten möchte. Es soll natürlich so leicht, bleiben, dass man dazu feiern kann. Aber es ist mir wichtig, meinen Einfluss zu nutzen für Dinge, die wichtiger sind als nur Unterhaltung.

Haben Sie die Hoffnung, dass die Gesellschaft auf diese Weise mit jeder Generation offener wird oder bewegen wir uns mit konservativen Strömungen gerade wieder einen Schritt zurück?

Natürlich gibt es auch Strömungen, die dagegen arbeiten. In Deutschland habe ich aber das Gefühl, dass es voran geht. Eigentlich in den meisten Ländern, in denen ich mich bewege.

Wie gehen Sie denn damit um, wenn Sie in Ländern touren, die weniger LGBT-freundlich sind?

Da hatte ich gerade eine längere Debatte mit mir selbst, weil ich häufiger in Dubai auftrete. Einmal habe ich deshalb eine Anfrage abgelehnt. Im Frühjahr war ich aber noch einmal dort, weil ich zu dem Schluss gekommen bin, dass es nicht zu Veränderungen führen wird, ein Land zu meiden. Es gibt in Dubai ja viele LGBT-Menschen, sie dürfen es nur nicht offen ausleben. Genau so ist dort unehelicher Sex unter Hetero-Paaren illegal. Ich kommuniziere das auf allen meinen Kanälen sehr offen und wurde trotzdem gebucht und ins Land gelassen. Ich möchte also für meine Fans spielen. Ich denke, für die ist es schön, dass ich trotzdem dort auftrete.

Was erwarten Sie sich vom Berliner CSD?

Es ist mein erster richtiger CSD. Im vergangenen Jahr sollte ich schon einmal dort auftreten, das wurde aber wegen des Unwetters abgesagt. Weil ich nicht geoutet war, habe ich solche Veranstaltungen in der Vergangenheit natürlich gemieden. Deshalb freue ich mich sehr darauf.