Guido Maria Kretschmer

„Greta Thunberg wird keine Modeikone mehr“

Designer Guido Maria Kretschmer verrät, welchen modischen Rat er Greta Thunberg geben würde und wann er zuletzt auf einer Demo war.

Modemacher Guido Maria Kretschmer in seinem Showroom an der Wegelystraße.

Modemacher Guido Maria Kretschmer in seinem Showroom an der Wegelystraße.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Am Montag beginnt im E-Werk an der Wilhelmstraße die Berliner Fashion Week. Am Abend zeigt dort auch Guido Maria Kretschmer seine neue Kollektion. Vier Tage zuvor haben wir den Designer beim Model-Casting in seinem Showroom an der Wegelystraße getroffen. Dabei erzählt der 54-Jährige von seinen Inspirationen auf Reisen, welchen modischen Rat er Greta Thunberg geben würde und wann er selbst das letzte Mal gegen etwas demonstriert hat.

Berliner Morgenpost: Die neue Kollektion heißt „Rue du Coeur“, also „Straße des Herzens“. Dem Pressetext habe ich entnommen, dass es sich dabei um eine Hommage an den Orientexpress handelt, die Zeit, als Reisen noch ein Abenteuer war ...

Guido Maria Kretschmer: Ich bin so reiseinspiriert, weil ich gerade viel unterwegs bin. Ich wollte also, dass die Kollektion etwas mit meinen Wegen zu tun hat. Auf meinen Reisen entstehen ja auch viele Entwürfe, weil ich die Zeit häufig zum Zeichnen nutze. Zudem habe ich das Glück, dass ich mich mit zunehmendem Alter an vielen Plätzen der Welt zu Hause fühle. Wenn ich durch Berlin, Hamburg oder Paris fahre, gibt es viele Ecken, die mit Erinnerungen verbunden sind, die etwas Vertrautes haben. So als würde ich sagen: Guck mal, das ist doch die Kirche bei uns im Dorf. Durch all die Jahre des Reisens haben sich diese Orte bei mir festgesetzt, deshalb „Rue du Coeur“.

Gibt es die große Reisegarderobe, der Sie in Ihrer Kollektion huldigen, denn eigentlich noch? Ist es auf Langstreckenflügen heute nicht eher die Jogginghose?

Das haben wir fürs Fotoshooting zur Kollektion tatsächlich so inszeniert, da waren wir an einem alten Bahnhof. Im Fokus meiner Mode steht aber die ganz normale Frau, das nette Mädel von nebenan. Wenn die sagt, ich fahre eine Woche nach Mallorca, dann wird sicher auch die Jogginghose inszeniert. Da ist der Koffer eine Woche vorher gepackt und jedes Teil durchdacht. Von „heute ist es lässig“ bis „da könnte am Abend eine Einladung kommen“. Aber wenn ich als Designer nicht mit der Idee an eine Kollektion gehe, Eleganz zu schaffen und zu entrücken, dann bin ich raus aus dem, was meinen Job ausmacht. Dann mache ich nur noch Streetwear.

Was sind Sie denn für ein Reisetyp? Nehmen Sie eher zu viel mit oder zu wenig?

Ich bin auf jeden Fall ein Schnellpacker, das kommt mit dem vielen Reisen. Ich bin tendenziell auf alles vorbereitet. Lieber zwei Unterhosen mehr und vielleicht wird es ja auch kalt. Meine Schwäche sind aber meine schweren Handtaschen. Darin schleppe ich alles mit. Neulich hat mir ein buddhistischer Mönch einen kleinen aber schweren Bronze-Buddha geschenkt. Den habe ich jetzt immer dabei. Neben einem Bronze-Engel, den ich auch mal geschenkt bekommen habe. So etwas kann ich nicht weggeben. Ich habe auch fünf Walnüsse, die Glück bringen sollen. Dazu das Übliche: Creme, Wasser, Schlüssel, Ladegerät ... Mein Handgepäck ist meist schwerer als mein Koffer. Ich bin so ein Beutelreiser.

Reisen mit dem Flugzeug ist angesichts der „Fridays for Future“-Bewegung ja etwas in Verruf geraten. Da passt Ihr Orientexpress ja sehr in den Zeitgeist ...

Ich finde das sehr inspirierend. Es macht doch total viel Sinn, umzudenken, das Reisen zu limitieren. Auf der einen Seite hat man das Gefühl, auf der Welt reagiert gerade der Wahnsinn. Auf der anderen Seite gibt es diese Kinder, die losmarschieren, um etwas zu bewegen. Das finde ich toll. Eines Tages sind sie dabei vielleicht auch gut angezogen. Wenn sie nicht mehr fliegen, brauchen sie ja auch keine Jogginghosen.

Sie meinen, Greta Thunberg könnte ein modisches Upgrade vertragen?

Nein, die kann wunderbar so weitermachen (lacht). Aber vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem sie die Zöpfe überdenkt. Andererseits ist die Frisur natürlich ein Markenzeichen. Als sie die Goldene Kamera bekommen hat, trug sie die Haare ja offen. Da dachte ich: Hm, die Zöpfe waren doch irgendwie besser. Sie wird wohl keine Modeikone mehr werden. Ich hatte aber zuerst überlegt, alle meine Models mit Zöpfen laufen zu lassen. Ich habe auch einen Parker in der Kollektion, der ein bisschen in diese Richtung geht.

Spielt Nachhaltigkeit in Ihrer Kollektion denn eine Rolle?

Glücklicherweise ist das bei uns nicht nur Gequatsche, wir machen das wirklich. Wir arbeiten mit der Initiative „Cotton made in Africa“ zusammen, die den Baumwollanbau ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltiger gestaltet. Meine Kooperation mit Otto ist in dieser Hinsicht ein großes Glück. Für uns basteln keine Kinder, wir achten auf kurze Wege. Auch das bedeutet „Rue du Coeur“: menschlich sein. Das ist das einzige, was uns retten kann.

Wann waren Sie denn zuletzt auf einer Demo?

Ich war gerade spontan in Dublin auf einer Demo gegen das Schlachten von Windhunden, wenn sie keine Rennen mehr laufen können. Ich fuhr zufällig daran vorbei, habe die 35 Frauen, zehn Männer und ein paar Hunde dort stehen gesehen, bin direkt aus dem Auto ausgestiegen, habe mir ein Schild geschnappt und habe zwei Stunden mitgemacht. Ich habe als als Jugendlicher auch schon in Kalkar gegen Atomkraft protestiert. Meinem Vater habe ich erzählt, ich gehe zu einem Freund. Leider hat er mich dann abends in der „Tagesschau“ gesehen.