Schauspieler

Mark Waschke: „Ich rede mich um Kopf und Kragen“

Mark Wasche ist „Tatort“-Kommissar und spielt an der Schaubühne. Im Interview philosophiert er über #MeToo, Veganismus und Beziehungsmodelle.

Schauspieler Mark Waschke wohnt in Berlin.

Schauspieler Mark Waschke wohnt in Berlin.

Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Mark Waschke kommt 15 Minuten zu spät zum Interview im „Rocket & Basil“ an der Lützowstraße. Er entschuldigt sich charmant: Mit Ausreden werde er gar nicht erst anfangen. Wir sind verabredet, um über seinen Film „Zwischen zwei Herzen“ (29. Juni, 21 Uhr, ARD) zu sprechen. Doch dazu kommt es vorerst nicht. Schuld ist ein veganes Stück Kuchen. Seit einem halben Jahr ernähre er sich ohne tierische Produkte, erzählt der Schauspieler, es sei schon sein zweiter Anlauf. Bereits mit 14 habe er sich einmal dafür entschieden – in den 80er-Jahren, in denen er laut eigener Aussage politisiert wurde. Die „Schmach von Versailles“, die Verführung durch die Nationalsozialisten – die Deutschen haben eine Hang zur Selbstviktimisierung, findet der 47-Jährige, das habe ihn geprägt. Deshalb wurde er Punk und suchte Antworten bei Karl Marx. Irgendwann sei ihm das Ethische und Spirituelle seiner Mitstreiter peinlich geworden. Heute fühle er sich ganz einfach besser, wenn auf Plastiktüten verzichte und kein Fleisch esse.

„Ich bin kein Missionar, ich lasse jedem sein Steak. Aber geht doch mal ins Schlachthaus, guckt euch das doch mal an”, sagt Mark Waschke mit Nachdruck. Schon nach wenigen Gesprächsminuten ist der „Tatort“-Kommissar ganz in seinem Element. Er gestikuliert, reißt die Augen auf, kommt ganz dicht heran oder springt plötzlich auf. Ein Interview mit dem Schauspieler ist ein Erlebnis, eine Performance fast. Die Gäste am Nebentisch weichen manchmal erschrocken zurück.

Waschke bemerkt das nicht oder ignoriert es mit der Routine eines Prominenten, der es gewohnt ist, in der Öffentlichkeit für Aufmerksamkeit zu sorgen. Wenn er mit seiner Tochter Schuhe kaufen gehe, werde er von einer Jugendlichen genau so angesprochen wie später von der Rentnerin am Hauptbahnhof, erzählt er. Beide seien Fans von tollen Geschichten – die eine mehr von „Dark“, die andere mehr vom „Tatort“.

Rollenvielfalt mit „Dark“ und „Tatort“

Mark Waschke erreicht dank schauspielerischer Vielfalt mit seinen Rollen ganz unterschiedliche Zielgruppen. Seit 2015 spielt er zusammen mit Meret Becker das Berliner Ermittlerduo Karow und Rubin in der ARD-Krimireihe. In der international erfolgreichen Netflix-Serie „Dark“ gibt er einen zeitreisenden Priester, zudem ist Ensemblemitglied an der Schaubühne. Von 1995 bis 1999 studierte Waschke, der aus dem Ruhrgebiet stammt und im Saarland aufwuchs, an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. „Ich war da in diesem Dingensjahrgang“, sagt er und meint die Klasse mit seinen ebenfalls sehr erfolgreichen Kollegen Lars Eidinger, Fritzi Haberlandt, Nina Hoss und Devid Striesow. Offensichtlich wird er häufiger darauf angesprochen.

Zwischen all diesen Gedanken kommt Mark Waschke dann doch noch auf seinen Film zu sprechen. An der Seite von Anna Schudt und Felix Klare spielt er den Restaurator Peter, der während eines Sturms mit der Ärztin Katrin auf einer Nordseeinsel strandet. Beide sind verheiratet und doch fasziniert voneinander. „Es gibt einige interessante Ansätze in der Geschichte: der geliebte Mensch als Eigentum, Eifersucht, wo hört Treue auf, wie wollen wir leben?“, sagt Waschke. Für einen ARD-Sonnabendfilm, der hauptsächlich „heteronormative, weiße Mittelstandsgeschichten“ mit Happy End erzähle, sei das fast schon revolutionär.

Im Drehbuch habe er das Potenzial gesehen, in einem Mainstream-Format zu erzählen was passiert, wenn sich ein Ehepartner in jemand anderen verliebt. Hinzu kam die Aussicht auf eine Zusammenarbeit mit Anna Schudt. „Mit der würde ich alles machen. Mit der würde ich sogar das Telefonbuch spielen.“ Das Ergebnis allerdings scheint Mark Waschke weniger zu überzeugen. Das fängt schon beim Titel an. „3, 2, 1“ habe der Film ursprünglich heißen sollen. Ein toller Titel, findet der Hauptdarsteller. Ein Drehbuch mit dem Titel „Zwischen zwei Herzen“ hätte er sich hingegen nicht einmal angeschaut.

Die Freiheit, die eigene Sexualität nicht eindeutig zuordnen zu müssen

Das Thema Beziehungskonzepte treibt Mark Waschke augenscheinlich um. „Die meisten Menschen leben einfach unhinterfragt das weiter, was alle anderen auch schon immer so gemacht haben und machen sich überhaupt keine Gedanken, welche Beziehungsmodelle es sonst noch geben könnte“, sagt er. „Außer sie leben in einer polyamoren WG in Neukölln.” Das, wovon er spreche, könne ein ARD-Film zugegebenermaßen nicht transportieren. Dafür müsse man sich seinen Abend in der Schaubühne ansehen.

Im März versuchte sich Waschke erstmals mit dem Projekt „Ich ist ein anderer dieses wir bin nicht eine Pfeife (Metaware)“. „Mark Waschke spricht Texte, singt das ein oder andere Lied und übt sich in psychophysischer Präsenz“, heißt es dazu auf der Internetseite des Theaters am Lehniner Platz. „Ich stehe eineinhalb Stunden auf der Bühne und rede mich um Kopf und Kragen“, beschreibt der Protagonist selbst sein Werk. Im intimen Kreis der Nebenbühne erzählt der Wahlberliner dann vom Zerbrechen seiner Ehe und dass er es mit sich selbst wohl auch nicht mehr ausgehalten hätte.

Er spricht über die Ursprünge des Theaters beim Geschichtenerzählen am Lagerfeuer, macht sich Gedanken über das Verhältnis zu seinem Vater und das Schubladendenken beim Thema Sexualität. Vieles davon klingt auch im Interview an. „Als ich mit 15 nicht wusste, ob ich schwul bin oder heterosexuell, hat mich das so gestresst. Ich hatte keine Struktur, kein Umfeld, das zu benennen oder herauszufinden“, sagt Waschke. „Ich kenne das Gefühl noch heute. Aber jetzt genieße ich, das nicht mehr einzuordnen zu müssen. Ich bin ganz froh, dass es komplett egal ist, ob ich schwul bin oder bisexuell oder was auch immer.“ Dass auf dem Schulhof seiner 13-Jährigen Tochter Bisexualität ganz selbstverständlich thematisiert werde, fasziniere und beglücke ihn gleichermaßen.

Beitrag zur #Mee-Too-Debatte: Als Mann sein Verhalten hinterfragen

Zu seinem Programm inspiriert wurde Mark Waschke von Carolin Emcke und deren Lecture Performance „Ja heißt ja und …“ Die Autorin spricht ebenfalls an der Schaubühne über Fragen, die die #MeToo-Debatte für sie aufgeworfen hat. Ein Thema, das in der Schauspielbranche seinen Anfang nahm und um das folglich auch Mark Waschke nicht herum kommt. Natürlich könne er Geschichten aus dem Theater- und Kulturbetrieb erzählen, aber „es geht für mich als weißer cis-Mann bei #MeToo doch nicht darum, noch mehr Männer zu beschuldigen“, sagt er.

„Ich fände das auch bevormundend gegenüber den betroffenen Frauen, die das vielleicht gar nicht wollen.“ Stattdessen müsse man einen neuen Weg für die Zusammenarbeit der Geschlechter finden. „Akzeptieren wir weiterhin überkommene alte Machtgefüge oder stellen wir sie infrage und verändern sie? Es geht darum, strukturell etwas zu verändern, für die Frauen vor allem auch ökonomisch.“ Dazu gehöre, sich als Mann zuerst einmal selbst zu hinterfragen. „Als weißer, mittelständiger Mann in Westeuropa ist es das mindeste, sein eigenes Verhalten auf den Prüfstand zu stellen“, so Waschke. „Ich glaube, Harvey Weinstein hat sich bis heute für nichts geschämt.“

Versuch einer Verbindung zwischen existenziellen Lebensfragen und Comedy

Ganz so politisch wird es auf der Bühne dann nicht. Waschke singt auch Songs von Radiohead und Udo Jürgens und sinniert über das Putzen. „Die spirituelle Mischung aus existenziellen Lebensfragen, Gedanken über die Welt und dem Wunsch, die Menschen zu unterhalten, finde ich sehr inspirierend“, sagt er. So wie bei seinen US- und UK-Kollegen Dave Chappelle, Ricky Gervais und Eddie Izzard. In Deutschland gebe es im Comedy-Bereich nichts Vergleichbares: „Schlager ist fast noch weniger schlimm als Mario Barth.“

Im September geht es mit neuen Terminen für die 90-minütigen Performance an der Schaubühne weiter. Ähnlich lang dauert auch unser Interview. Er hoffe, der Film, um den es ursprünglich gehen sollte, sei nicht zu negativ weggekommen, sagt Mark Waschke noch, bevor es für ihn zum nächsten Gespräch geht. „Das Paradoxe am Schauspielen ist, dass man so wenig Einfluss auf das Endergebnis hat. Bisweilen hat man Glück.“