Zoo und Tierpark

Andreas Knieriem - der Herr der kleinen und großen Tiere

Seit fünf Jahren ist Andreas Knieriem Direktor von Zoo und Tierpark. Mit seiner Offenheit begeistert er die Berliner für Tiere.

Andreas Knieriem, Direktor von Zoo und Tierpark, vor dem Gehege des Panda-Männchens Jiao Qing

Andreas Knieriem, Direktor von Zoo und Tierpark, vor dem Gehege des Panda-Männchens Jiao Qing

Foto: Rene Jaschke Berlin 2017 (c) / Zoo berlin

Berlin.  Es gibt nur wenige Tiere, die Andreas Knieriem nicht besonders interessieren. Der Osterhase gehört dazu. Schon in seinem Tierarzt-Studium an der Freien Universität Berlin wollte er von Nutztieren, wie Schweinen, Rindern und Hühnern nicht viel wissen. Es mussten Zootiere sein. Gorillas, Nashörner und Elefanten. Osterhasen sind eine eigene Gattung: Sie werden nur geschlachtet, wenn sie aus Schokolade sind. Und sie sind nur einmal im Jahr nützlich, um bunte Eier zu verstecken. Das ist Sache seine Frau, sie kümmert sich um die Dekoration zum Fest. Er sehe das alles ein bisschen nüchterner, sagt der Direktor von Zoo und Tierpark. Ostern heißt für ihn Aufbruch. In den Frühling und in die Saison. Da muss alles funktionieren. Es ist sein fünfter Aufbruch in Berlin – und der Moment, an dem er sagt: „Wir können alle gemeinsam zufrieden sein.“

Start im April 2014 war ernüchternd

Mit ausholenden Schritten läuft der 53-Jährige über die alten Pflasterwege im Zoo. Sehr energisch. Hier lebe noch Geschichte, sagt er, die überall zu spüren sei. An der hohen Qualität der Bausubstanz und an den alten Gebäuden. Vor 175 Jahren wurde der Zoo eröffnet, am 1. August wird das Jubiläum gefeiert. Zoo und Tierpark in die Zukunft zu führen, das ist jetzt seine Aufgabe, dafür ist er von München nach Berlin gekommen. Der Start in Berlin im April 2014 war zunächst ernüchternd.

„Im Münchner Tierpark Hellabrunn war alles bestens eingefahren“, erzählt Knieriem. Eine tolle Mannschaft, einen Masterplan und die Politiker, die dahinter standen. Hier in Berlin hatte er als erstes einen Straftatbestand geerbt – die Müllberge im Tierpark. Im ersten Jahr musste sich Knieriem mit der Revision der Verwaltungsstrukturen beschäftigen. Es gab keinen Technischen Leiter, einige Mitarbeiter hatten nur Monatsverträge. Als nächstes kamen die Masterpläne für Zoo und Tierpark. Die Tiere sollen im Tierpark künftig nach der geografischen Herkunft, also nach Kontinenten oder Regionen, geordnet werden und nicht mehr nach Gattungen.

Abendspaziergänge durch den Zoo

„Es ist nicht so, dass ich morgens Visite mache und den Tieren die Hand gebe“, erzählt er aus seinem Alltag zwischen Schreibtisch, Konferenzen und Plänen. Wenn er Tiere sehen wolle, müsse er am Wochenende durch den Zoo und Tierpark gehen. Abendspaziergänge entlang der Gehege, Felsen und Schluchten sind aber ein festes Ritual. Knieriem wohnt mit Frau und Tochter im Zoo, „idyllisch im Spannungsfelde zwischen Natur und Großstadt“.

Im Winter sehe er die Weltstadt mit den Hochhäusern und der Gedächtniskirche holzschnittartig durch die Bäume strahlen. Er in der Natur, die Stadt greifbar nah – das sei einmalig. Das ist die eine, romantische Seite. Es gibt aber noch eine andere Seite. Er vergleicht es mit einem Chirurgen, der im Krankenhaus wohnt. Man könne nie ganz abschalten. Manchmal lauscht er in die Nacht. Hört er aufgeregtes Geschnatter, weiß er: Der Fuchs ist wieder unterwegs. Auf den Schreck folgt die Frage: Hat er eine Stockente geholt?

Neue Eingänge, Spielplätze und Restaurants

Seine Bilanz nach fünf Jahren: „Ich hatte mir den Wechsel nach Berlin reiflich überlegt und ich war nie enttäuscht.“ Es sei unglaublich spannend, zwei so unterschiedliche Einrichtungen mit Weltruf in die Neuzeit zu begleiten. Heute hätten sie fast Weltniveau erreicht. Es ist viel passiert. Zoo und Tierpark haben neue Eingänge, Spielplätze und Restaurants. Im Tierpark rollt die Elektrobahn durch das weitläufige Gelände, viele Zäune und viel Rost sind weg. Hinter dem Tierpark-Eingang ist die Nordamerika-Zone entstanden, die Eisbärenanlage wurde umgebaut. In der Kiekemal-Waldbühne ist dienstags bis sonntags eine Flugshow zu sehen.

Artenschutz wird immer wichtiger

Im Zoo können die Besucher jetzt durch die Adlerschlucht laufen, am Raubtierhaus wird gerade gebaut. Ende des Jahres beginnen die Arbeiten am Nashornhaus. Die funktionale Tierhaltung war gestern, heute geht es um großzügige Lebensräume für die Tiere. Und es geht um viel mehr, als das Erlebnis, wilde Tiere zu sehen. Heute müssen sich zoologischen Einrichtungen um den Artenschutz kümmern. „Die Entwaldung der Erde könnte dazu führen, dass in 100 Jahren alle bedrohten Tiere nur noch in Zoos zu finden sind“, sagt der Direktor. Artenschutzprojekte, Zuchtprojekte, Auswilderungen – es müsse viele getan werden, damit Zoos nicht eines Tages eine Arche Noah der Gene sind.

Keine Geheimnisse rund um die Tiere

Andreas Knieriem hat es geschafft, mit einer neuen Offenheit die Berliner wieder für ihre Tiere zu begeistern. Ob ein Tier krank ist, stirbt oder geboren wird – es wird kein Geheimnis daraus gemacht. „Die Berliner haben ein großes Bedürfnis mitreden zu wollen“, sagt Knieriem. Ob beim Flughafen BER, den jeder Taxifahrer nach eigenen Aussagen besser gebaut hätte oder auch bei ihren Tieren in Zoo und Tierpark. Sie wollen einfach wissen, was passiert. „Heute stehen die Menschen wieder hinter Zoo und Tierpark“, sagt Knieriem.

Eisbärin Hertha zieht Besucher in den Tierpark

Im Jahr 2013 schrieb der Tierpark noch 950.000 Euro Verlust, heute ist es eine schwarze Null. Die Besucherzahlen stiegen von etwa 800.000 im Jahr auf heute 1,5 Millionen. Im Zoo waren es vor seiner Zeit 2,8 Millionen, heute sind es 3,5 Millionen Besucher im Jahr. „Nicht einmal bei Knut waren es so viele“, sagt Knieriem. Jetzt ist Hertha der neue Star im Tierpark. Seit die kleine Eisbärin über den Felsen und durch das Wasser tobt, kommen doppelt so viele Besucher in den Tierpark.

Im Zoo wird es bei den Großen Pandas spannend. Meng Meng und Jiao Qing ruhen sich gerade von „ihrem energieauffändigen, riesigen Erlebnissen“ aus, berichtet der Direktor. Drei Tage lang fühlten sie ihre Männlichkeit und Weiblichkeit, sie kamen zusammen, aber am Ende musste die künstliche Besamung die Hoffnung auf Nachwuchs erhöhen. „Alles war perfekt, nur Jiao Qing wusste noch nicht so genau, wie es geht“, fasst der Knieriem das Abenteuer zusammen. Im Juni beginnen die Untersuchungen, dann könnte ein Ultraschallbild Klarheit bringen, ob Berlin das „Jahre des Bären“ erlebt.

Lieblingstier ist Labrador-Hündin Ella

Am Ostersonntag ist Andreas Knieriem in Zoo und Tierpark. Wie immer. Er wird sich hinsetzen, die Besucher beobachten. Ostern heißt für ihn aber auch: ein, zwei Tage Ausspannen. Vielleicht auf einem kurzen Ausflug ins Umland mit Familie und Labrador-Hündin Ella. Wenn es ein Tier gibt, das Knieriem ganz besonders mag, dann ist das dieser Hund. Dabei wollte er zuerst gar keinen, denn zur Familie gehörten schon zwei Katzen. Die würden nie einen Hund akzeptieren, hatte er Frau und Tochter erklärt, die ihn überreden wollten.

Doch dann kam es anders. Am Tag als der kleine Eisbär Fritz starb, musste auch eine Katze eingeschläfert werden. Übrig blieb der Kater, allein, der wieder Gesellschaft brauchte. Das war die Chance für Ella. Es funktioniert, beide gehen ihrer Wege. Ella ist schneeweiß, anhänglich, ein richtiger Familienhund. „Sie ist meine kleine Eisbärin“, sagt Andreas Knieriem.

Einige Stationen

Andreas Knieriem wurde 1965 in Georgia, USA, geboren. Zu Beginn seiner Schulzeit war er wieder in Deutschland. Mit 13 Jahren absolvierte er ein Praktikum im Duisburger Zoo. Er studierte Veterinärmedizin in Berlin, promovierte und begann 1995 im Zoo Duisburg als Tierarzt. Ein Jahr später wechselte er an den Zoo Hannover, 2009 wurde er Zoo-Direktor im Tierpark Hellabrunn in München. Seit dem 1. April 2014 ist er Direktor von Zoo und Tierpark.