Moderatorin

Sarah Kuttner schlägt als Buch-Autorin ernste Töne an

Früher war sie Viva-Moderatorin, Teenie-Idol und große TV-Hoffnung. Heute schreibt Sarah Kuttner Bücher. Sehr ernste Bücher. Warum?

Sarah Kuttner im Februar in Berlin.

Sarah Kuttner im Februar in Berlin.

Foto: Kitty Kleist-Heinrich TSPvia www.imago-images.de / imago images / tagesspiegel

Berlin. Neulich ist Sarah Kuttner nach Köln gefahren, um sich von dem Sender zu verabschieden, der sie zum Star gemacht hat. Viva, der in die Jahre gekommene Musikkanal, bei dem die 40-Jährige vor zwei Jahrzehnten dank ihrer frechen Kodderschnauze zum Teenie-Idol wurde, stellte den Betrieb ein und lud die Moderatoren der ersten Stunde für eine letzte Sendung ins Studio. Da traf Kuttner auf alte Kollegen wie Oliver Pocher (41) und Mola Adebisi (46) und merkte, wie viel Zeit vergangen ist.

Nein, dachte sie sich, mit denen habe ich wenig gemeinsam.

Kuttner tanzt nicht bei „Let’s Dance“ wie Pocher, war nie im Dschungelcamp wie Adebisi und sagt, dass sie sich nicht dafür interessiere, was die Klatschpresse über sie schreibt. Lieber geht die Frau ihren eigenen Weg.

Anfang der 2000er-Jahre galt sie als Fräuleinwunder des Fernsehens, als Zukunftshoffnung der TV-Branche. Äußerlich wirkt die 1,60 Meter kleine und sehr schlanke Kuttner fast unverändert, immer noch strahlt sie etwas Mädchenhaftes aus. Doch die in sie gesteckten Erwartungen hat sie nie ganz erfüllt, zuletzt arbeitete sie für Spartensender wie EinsPlus und ZDFneo.

Sarah Kuttner hat ihre vierten Roman veröffentlicht

Stattdessen wird Kuttner seit Jahren immer ernster in ihren Äußerungen und schreibt vor allem Bücher. Jetzt hat sie ihren vierten Roman veröffentlicht, und es geht um nichts weniger als: den Tod.

Sie beschreibt in „Kurt“ (Fischer), wie ein Kind vom Klettergerüst stürzt und wie sich die Familie mit dem Verlust quält. Ein stilles, schweres Buch aus der deutschen Provinz.

Im Fernsehen tritt Sarah Kuttner nur noch selten auf

Wer Kuttner anruft, um sie zu fragen, ob es thematisch nicht auch eine Spur leichter gegangen wäre, dem erzählt sie in ihrem schnodderigen Berliner Tonfall von eigenen Verlusten. „Ich habe in den letzten Jahren einige Trauerfälle in meinem Umfeld erlebt“, gesteht sie. „Nicht jeder stand mir ganz nahe, aber es waren Freunde dabei und gute Bekannte, auch Kinder. Ich dachte: Wow, die Einschläge kommen tatsächlich näher.“

• Hintergrund: Viva hat an Silvester um 14 Uhr den Betrieb eingestellt

Also steckt viel Kuttner in „Kurt“? Das nicht, macht Kuttner klar. Sie selbst hat keine Kinder. Aber: „Ich habe genug Erfahrung mit dem Umgang mit Trauer, um mich damit fiktional auseinandersetzen zu können.“ Ein paar Monate lang hat eine Freundin bei ihr gewohnt, deren Freund gestorben war. „Der Tod“, so Kuttner, „war für das Buch eine Inspiration.“

Die Autorin hat schon Bücher über psychische Krankheiten geschrieben und über emotionalen Missbrauch, sieht sich aber immer noch als Moderatorin. Dabei tritt sie kaum noch im Fernsehen auf. Ihre letzte Sendung, die Talkshow „Kuttner plus Zwei“, lief vor drei Jahren aus.

Für Kuttner ist die Viva-Zeit lange vorbei

Das ehemalige Viva-Girlie musste nach seinem kometenhaften Karrierestart ein paar Gänge zurückschalten. Wobei „Viva-Girlie“ für sie ein Hasswort ist. „Viva ist inzwischen 20 Jahre her“, stellt sie klar und klingt verärgert. „In den letzten Jahren habe ich im Fernsehen ganz andere Sachen gemacht: Ich habe mich am liebsten mit Menschen auseinandergesetzt. In meinen Interviews vermeide ich es, mich an so Promokram abzuarbeiten. Ich habe viele – auch berühmte – Menschen nach sehr intimen Themen befragt – Depressionen, Erfahrungen mit Drogen, beschissene Kindheitserinnerungen.“Das seien die Aspekte, die sie interessieren.

Kuttner hat sich längst damit abgefunden, dass sie wohl keine ganz große Bildschirmkarriere mehr machen wird. „Ich glaube nicht, dass ich je eine Riesenshow auf einem Riesensender haben werde“, hat sie schon 2004 gesagt. „Ich bin den Leuten zu anstrengend.“

Heute spricht sie davon, dass sie Promi-Interviews gar nicht mehr so spannend findet. „Ich interessiere mich für Emotionen und Psychologie, denke auf so etwas gerne rum. Ich will wissen, wie mein Gegenüber sich fühlt. Auch bei Viva habe ich Fragen so gestellt, dass es nicht immer nur um die nächste Anekdote vom Videodreh ging.“

In Brandenburg genießt Kuttner die Rolle der Nachbarin

Vor allem will sie selbst nicht prominent sein. Kuttner hat eine eiserne Regel: Sie verrät nichts Privates – nicht mal den Namen ihres Hundes. Vor fünf Jahren hat sie sich ein „kleines Bungalöwchen“ in Brandenburg gekauft. Sie schwärmt von der Gartenarbeit: „Sachen umgraben, schneiden, rausreißen, umpflanzen, Rasenmähen“ – das sei „schweineanstrengend“, aber schön.

Was sie dort im Berliner Umland sucht? „Die Leute da draußen sind anders“, glaubt Kuttner. „Für sie bin ich nicht die Moderatorin, sondern die Nachbarin, die schon wieder vergessen hat, die Mülltonne rauszustellen.“