Interview

Annett Louisan über Musik und Mutterglück

Annett Louisan (41) geht mit ihrem im März erscheinenden Album „Kleine große Liebe“ im Sommer und im Herbst auf Tour.

Sängerin Annett Louisan meldet sich aus der Baby-Pause zurück.

Sängerin Annett Louisan meldet sich aus der Baby-Pause zurück.

Foto: foto: Maurizio Gambarini

Annett Louisans Reise war lang. Seit ihrem letzten regulären Studioalbum sind fast fünf Jahre vergangen, und laut der 41-Jährigen hat es viel Mut erfordert, sich diese Zeit zu nehmen und zu geben. Mit der letzten Tour in 2017, bereits schwanger, wollte sie ihrem Publikum noch einmal eine Umarmung schenken, bevor sie sich ganz um sich und ihre kleine Familie kümmern konnte. Doch jetzt ist die Babypause vorbei: Mit dem Album „Kleine große Liebe“, das am 29. März erscheint, geht es im Sommer und Herbst auf Tour. Im Morgenpost-Interview spricht die Künstlerin über die Angst um Ihre Tochter, Erinnerungen an den Mauerfall und den Wunsch nach einem Nummer-Eins-Hit.

Frau Louisan, nach der Geburt Ihrer Tochter haben Sie jeden Tag ein Törtchen gegessen. Wie viele waren es heute?

Noch keins, ich bin vom Zucker runter (lacht). Es war in der Schwangerschaft und auch in der ersten Zeit danach etwas, was ich mir mal gegönnt habe. Mal nicht auf Diät sein, das Leben komplett genießen – herrlich! Ich war einfach wahnsinnig glücklich. Ein Sinnbild von Genuss.

Leben Sie denn anders, wenn Sie Touren, wieder Musik machen?

Ich bin da nicht so professionell durchgestylt, wie manch andere, und auch mal gerne allein unterwegs. Ich lebe schon ein relativ normales Leben, aber natürlich habe ich, wenn wie jetzt eine neue Platte erscheint, eine Stylistin, die mal ein paar Looks mit mir bespricht, aber ansonsten mache ich alles selbst. Mein Leben ist gerade durch die Mutterschaft sowieso total auf den Kopf gestellt. Ich merke, wie wichtig es ist, sich fit zu halten. Man muss als Mutter einiges leisten, hat viel Schlafmangel. Ich merke, ich bin nicht mehr so konzentriert wie früher, muss mich erstmal wieder einarbeiten.

Bei Instagram schreiben Sie auch über Ihren Schlafmangel – und wie Kaffee dagegen hilft.

Ja, das ist genau das, was ich mit „Kleine große Liebe“ meine. Die kleinen Dinge zu schätzen, wie zum Beispiel Kaffee. Ich bin ja jemand, der ein großes Leben gelebt hat, die letzten 15 Jahre, die Bühne, die jedes Gefühl verdreifacht, die Schnelllebigkeit, nie zu Hause zu sein, viele Menschen, wenig Halt und Zugehörigkeit. Das ist eine tolle Facette und ich liebe diese großen Gefühle, aber es ist mir wichtig, dass ich eben auch die kleinen Dinge sehe. Das gibt mir Gelassenheit.

Was ist der größte Unterschied zu der Annett von früher?

Ich hatte eine sehr weit ausgedehnte Adoleszenz, ich glaube, bis ich 39 war. Mein Mann und ich sind viel gereist, haben unter der Woche Partys geschmissen. Wenn man die Verantwortung nur für sich selbst trägt, dann lebt man eben anders. Damit hat aber auch die Zahl 40 etwas zu tun. Meine letzten fünf Jahre waren Übergangsjahre, die auch mal weh tun können. Wachstumsschmerzen. Man sucht, weiß nicht wonach. Irgendwann habe ich mich so sehr um mich selbst gedreht, ich war hedonistisch und exzessiv. Das bedingt das Bühnenleben. Ich habe dann gemerkt, dass ich mehr Sinn und Zugehörigkeit brauche. Ich habe angefangen mir Fragen zu stellen, über die Zukunft, die Vergangenheit, mich mit meiner Mutter, meiner Kindheit beschäftigt. Das hat mich sehr inspiriert, auch musikalisch.

Wenn wir schon über die Vergangenheit sprechen: Der Titel „Straße der Millionäre“ beschreibt ein neues Lebensgefühl, die Euphorie, die Sie auch beim Mauerfall verspürten. Haben Sie noch konkrete Erinnerungen an diesen Moment?

Ich hatte einige Brüche in meinem Leben, und der Mauerfall ist einer der großen. Es war ein einschneidendes, tolles, märchenhaftes Erlebnis. Ich kann es nur aus der naiven Sicht einer damals 12-Jährigen beschreiben. Alle waren aufgeregt. Ich habe in einem Plattenbau gewohnt, und eines der Kinder kam angerannt und rief „Wir sind Millionäre!“. Da kamen gerade diese ersten Briefwurfsendungen, auf denen stand „Sie sind Millionär“. Das Kleingedruckte hat man natürlich erstmal nicht gelesen. Ich wollte immer ein Lied über diese für mich prägende Zeit, den Mauerfall schreiben. Es hat lange gedauert, um diesen Kniff zu bekommen, aber der Titel beschreibt dieses aufregende Gefühl von früher ganz gut. Ich bin ein Wendekind, habe den Osten und Westen in mir. Klar, es gibt auch Punkte, die mir zu schaffen machen. Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel, die ich sehr kurz nach dem Mauerfall zu spüren bekam. Aber ich will den Mauerfall mit diesem Lied feiern, ohne ihn wäre ich heute nicht hier.

Auf Ihrem neuen Album singen Sie auch, dass die schönsten Wege aus Holz sind. Haben Sie das schon immer so gesehen?

Nach meinem ersten Liebeskummer mit 17 dachte ich, ich will das nie wieder erleben. Der mit 25 war auch noch schlimm, heute bin ich etwas gelassener, was Fehler und Niederlagen angeht, weil ich weiß, dass nach einer schwierigen Phase, immer eine gute kommt. Man muss nur durchhalten, darf nicht verbittern, verzweifeln. Man lernt daraus, wenn man mutig bleibt. Dann kommt man an die noch viel schöneren Orte. Das weiß ich mit 41 besser denn je. Trennungen und Todesfälle sind die schlimmsten Belastungen für die menschliche Seele. Mir hilft es, gegenzusteuern. Wenn mein Leben zu schwer wird, dann versuche ich, die Dinge mit Humor zu nehmen.

Optimismus ist also erlernbar?

Ich habe mich immer als Glückskind gesehen. Auch wenn ich die Melancholie suche, die Dunkelheit. Man muss nur darauf achten, nicht vom Abgrund zu rutschen. Ein Grenzgänger war ich auch schon immer. Ich weiß heute, dass man gut auf sich aufpassen muss. Menschen, Orte können Narben hinterlassen. In „Borderline“ thematisiere ich das ja auch. Man muss darauf achten, dass auch Menschen einen krank machen können. Und daher, ja, man lernt automatisch, die Dinge klarer zu sehen, je älter man wird, weil man sich hoffentlich näher kommt.

Ihre Wahlheimat ist Hamburg, am 11. November geben Sie ein Konzert im Berliner Tempodrom. Welche Verbindung haben Sie zur Hauptstadt?

In Berlin fühle ich mich auch irgendwie zuhause, die Stadt inspiriert mich. Mein Mann und ich haben hier auch eine Wohnung. Im ersten Jahr mit meiner Tochter waren wir auch öfter alleine hier, weil die Cafés so nett sind, kinderfreundlich. Die Stadt bietet Kunst, Kultur – und die Leute sind nicht so normiert. Leider werden auch hier die Mieten teurer, das vertreibt viele junge Leute und Künstler.

Kommt Ihre kleine Tochter denn auch mit auf Tour?

Ja! Ich würde es gar nicht aushalten, sie Zuhause zu lassen. Die längste Zeit, die wir getrennt waren, waren zwei Tage und Nächte. Das ist auch eine Sache, die ich nie von mir gedacht hätte, das ich so eine Glucke werden würde. Oder das ich so ein Angsthase sein kann. Ich habe ständig Angst um meine Tochter, und auch um mich selbst. Diese Angst, sie nicht aufwachsen sehen zu können, schnürt mir manchmal die Kehle zu.

Ist der Papa denn entspannter?

Wir ergänzen uns sehr gut. Er sagt immer, ich bin tief und er ist breit. Er hat Vorzüge, die ich nicht habe und andersrum. Wir sind echt ein tolles Paar. Das merkt man besonders an der gemeinsamen Erziehung.

Gibt es schon Pläne für Kind Nummer Zwei?

Im ersten Jahr, noch voller Hormone, wollte ich sofort ein zweites. Aber ich habe mittlerweile das Gefühl, dass ich fast schon ein bisschen zu alt dafür bin. Das ist aber auch nur mein persönliches Empfinden und kann jeder individuell für sich entscheiden. Es gibt tolle Aspekte daran, als ältere Frau Mutter zu werden. Aber ich merke zum Beispiel, dass ich den Schlafmangel nicht mehr so gut wegstecke, die Kleine ist ein Schatz, aber leider ein schlechter Schläfer. Aber – sag niemals nie!

Sie sagen, Sie befinden sich ständig auf einer Reise. An welcher Station befinden Sie sich aktuell?

Ich hoffe doch, in der Mitte. Auch wenn ich es nie ganz schaffen werde, voll in meiner Mitte zu sein. Ich bin einfach zu extrem. Ich hab aber noch einiges vor. Und zurück will ich auch nicht, ich muss nicht mehr 25 sein. Mit dem Älterwerden kann ich heute besser umgehen, als noch vor ein paar Jahren, was vielleicht auch an der Mutterschaft liegt. Ich merke, dass ich als Künstlerin freier bin, nicht mehr eingeschränkt auf ein sexy Image. Inhalte zählen heute mehr.

Hatten Sie Angst vor der 40?

Die 40 war nicht so angenehm. Die 30 war mir lieber, es war eine berauschende Zeit. Und es dachten ja sowieso alle, ich sei 16 (lacht). Die 40. habe ich mit einem dicken Bauch verbracht und hatte gar nicht so viel Zeit für eitle Gedanken.

Und was ist das Reiseziel?

Wenn man sich diese langen Künstlerkarrieren genauer anschaut, hat man das Gefühl, es wird immer künftig immer schwerer ein großes ganzes Bild zu zeichnen. Durch die schnelllebige Zeit, die vielen Medien, gibt es so viele Stars, jeder kann theoretisch heute Musik machen und veröffentlichen. Das ist toll, weil man nicht mehr so abhängig ist von großen mächtigen Firmen und Personen. Andererseits ist es sehr schwer für Künstler, sich heute langsam zu entwickeln und auch durchzuhalten. Das Licht geht aus, bevor man sich ganz zeigen konnte. Manchmal muss man durch eine lange Weile gehen, damit man wieder gute Arbeit abliefern kann. Heute wird der Kunst dafür aber kaum noch Raum gelassen. Das gleiche gilt irgendwie auch für Liebesbeziehungen. Wenn es nicht mehr funktioniert, zack, kommt der Nächste. Ich hoffe, ich bin mit 70 noch rüstig im Kopf und auf der Bühne und blicke dann auf eine schöne Zeit zurück. Und einen Hit, den hätte ich gerne nochmal. Die Nummer Eins bitte!

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