Interview

Stefanie Heinzmann über Mobbing und Selbstzweifel

Sängerin Stefanie Heinzmann spricht im Interview über ihre Stärken und Schwächen – und weshalb sie als Kind gemobbt wurde.

Sängerin Stefanie Heinzmann will 2019 wieder voll durchstarten.

Sängerin Stefanie Heinzmann will 2019 wieder voll durchstarten.

Foto: foto: STAR-MEDIA / imago/STAR-MEDIA

Markante Brille, Sommersprossen, zierliche Figur: Stefanie Heinzmann wirkt auf manche eher wie eine singende Bibliothekarin als wie ein Popstar. Andere fühlen sich bei ihrer kraftvollen Stimme an Joss Stone oder Amy Winehouse erinnert. Die Soulröhre aus der Schweiz ist 30 und hat sogar Fans in Hollywood. Ihr inzwischen fünftes Album trägt den Titel „All We Need Is Love“ und erscheint am 22. März. Bekannt wurde die Sängerin vor zehn Jahren durch Stefan Raabs Castingshow „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“. In der Berliner Morgenpost öffnet sich Heinzmann und spricht darüber, weshalb sie als Kind gemobbt wurde.

Berliner Morgenpost: Frau Heinzmann, wie haben Sie den Sound für Ihr aktuelles Album „All We Need Is Love“ gefunden?

Stefanie Heinzmann: Ich versuche immer, in den Songwriting-Sessions sehr offen zu sein und vieles auszuprobieren. Es sollte ein Pop-Album mit vielen Facetten werden. Der Sound ist warm, erdig und ehrlich mit Elementen von Funk bis Soul.

Wo haben Sie die Songs geschrieben und aufgenommen?

Ich war in Hamburg, London und Schweden. Ich bin kein Fan von amerikanischen Sounds. Ich stehe eher auf den englischen Sound, der ein bisschen dirty, rotzig und ruckelig klingt. Und die Schweden sind die Pop-Könige. Sie schaffen es, Popmusik zu machen, die sehr warm und geschmeidig klingt.

Wieso ist der Titel des Albums an einen Beatles-Song angelehnt?

Das ist uns erst am Ende der Songwriting-Session aufgefallen. Zuerst wollten wir es umschreiben, aber ich fand das Statement einfach stark. Darauf wollte ich nicht verzichten.

In „Mother’s Heart“ erzählen Sie von Ihrer Kindheit und Jugend. Eine glückliche Zeit?

Mit zwölf wurde ich gemobbt, das war eine schwierige Phase, aber es hat meine Kindheit nicht unglücklich gemacht. Meine Teenagerjahre waren sehr geprägt von Selbstzweifeln. In dem Song erzähle ich von den verschiedenen Phasen, durch die jeder Mensch geht. Von den Unsicherheiten, die jede Phase begleiten. Mutterliebe ist bedingungslos. Das ist ein wunderschöner Gedanke, der mich milde gestimmt hat.

Wie haben Sie sich gegen das Mobbing gewehrt?

Ich konnte mich leider nicht wehren. Ich habe versucht, mich so nett anzustellen, dass sie sich das vielleicht anders überlegen. Kinder können manchmal ganz schön gemein sein!

Waren Sie ein wildes Kind und ein rebellischer Teenager?

Ich habe zwar immer laut und viel gesungen, aber ich habe nie viel Party gemacht und kaum Alkohol getrunken. Weil ich mit zwölf Jahren unter anderem wegen meiner Klamotten gemobbt wurde, habe ich mich dann ganz furchtbar angezogen. Man sollte mich wegen anderen Dingen als meinen Klamotten mögen. Als ich dann die Schule wechselte, hörte das Mobbing schlagartig auf.

„Every Day Is A Good Day“ – ist das Ihr persönliches Mantra?

Den Text habe ich mit einem Augenzwinkern geschrieben. Aber grundsätzlich gebe ich nicht auf und tue das, was ich liebe. Und zwar so lange, wie ich kann. Viele der Songs auf dem Album sind aus Herausforderungen und unsicheren Phasen heraus entstanden. Ich finde es toll, dass wir Menschen so viele Aufgaben gestellt bekommen und uns immer weiter entwickeln.

Welches war Ihre bisher größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung für mich ist, mich selbst wert zu schätzen als der Mensch, der ich bin. Eine andere sehr große Herausforderung waren meine zwei Bandscheibenvorfälle.

Leben Sie heute ohne Schmerzen?

Ja, seit zehn Jahren. Diese Zeit war intensiv und prägend. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke. In der Zeit habe ich viel über den Umgang mit meinem Körper gelernt.

Schonen Sie sich heute mehr als früher?

Mein Körper und ich sind ein gutes Team. Er sendet immer viele Signale aus, auf die ich versuche zu hören. Ich mache Sport und ernähre mich bewusst. Vor allem aber versuche ich meinen Körper nicht mit destruktiven Gedanken zu zerstören.

Vor zehn Jahren wurden Sie mit einem Echo als bester Newcomer des Jahres 2009 ausgezeichnet. Wird man schneller erwachsen, wenn einen der Erfolg in sehr jungen Jahren erwischt?

Ich glaube nicht. Erfahrungen machen einen Menschen erwachsen. Nachdem ich Stefan Raabs Castingshow gewonnen hatte, war mein Privatleben nicht mehr so richtig vorhanden und ich habe einiges verpasst. Erst in den letzten zwei Jahren habe ich mich wieder um mein Privatleben gekümmert. Das ist ja nicht einfach so da. Ich kann von Glück reden, dass ich so wundervolle Freunde habe, die sehr nachsichtig mit mir waren. Das kann aber nicht für immer so sein.

Was sagt der Song „Build A House“ über Ihr Privatleben aus?

Aus einem Gerüst von Beziehungen baut man sich eine Art Haus. Man versucht immer, seine Schwächen zu verstecken, aber das ist kein Grundstein für eine Beziehung.

Welches sind Ihre Schwächen?

Oh, ich habe viele Schwächen, aber sie gehören halt zu mir. Ich bin zum Beispiel leicht zu begeistern. Der springende Punkt ist, ob die Menschen um dich herum deine Schwächen ausnutzen oder stärken. Deshalb ist es wichtig, seine Schwächen zu kennen. Andererseits bin ich sehr optimistisch und kann jeder Situation etwas Gutes abgewinnen.

Hatten Sie es auch schon mit falschen Freunden zu tun?

In meinem Beruf sind grundsätzlich alle Leute nett zu einem. Da steckt nicht immer Ehrlichkeit dahinter, weshalb ich schon vorsichtig bin. Aber grundsätzlich versuche ich, sehr positiv zu sein. Ich habe einen begrenzten Freundeskreis, aber ich kann mich auf alle meine Freunde verlassen.

Die Musikbranche wird von Männern dominiert. Wie gehen Sie damit um?

Auch meine Crew wird von Männern dominiert. Aber sie sind alle sehr respektvoll. In den letzten elf Jahren hat nicht ein einziger einen Kommentar gemacht, weil ich eine Frau bin. Bei uns passiert alles auf Augenhöhe. Bei meiner Plattenfirma arbeiten viele starke und tolle Frauen in hohen Positionen. Das erarbeiten wir uns jetzt gerade. Die Zeiten, als Frauen noch ständig hinter dem Herd standen, sind noch gar nicht so lange her.

Sind Sie auf Tour eine strenge Chefin?

Ein Bierchen verbiete ich meinen Jungs nicht. Ich bin keine Chefin, die großartige Regeln aufstellt. Die Jungs wissen einfach, was mir wichtig ist. Zum Beispiel, dass wir einen Backstageraum nicht im totalen Chaos verlassen. Das gehört zu einem respektvollen Miteinander. Und wenn die Jungs das Aufräumen mal vergessen, mache ich es einfach selbst.