Interview

Bibiana Beglau: So lief der Dreh von "Sieben Stunden"

| Lesedauer: 6 Minuten
Martina Mack
Bibiana Beglau in ihrer Rolle der Hanna in "Sieben Stunden".

Bibiana Beglau in ihrer Rolle der Hanna in "Sieben Stunden".

Foto: Arte / © BR/Barbara Bauriedl

Die Schauspielerin Bibiana Beglau spricht über Schicksalsschläge und den Umgang mit Straftätern in Deutschland.

Berlin. Seichte Rollen sind nicht ihr Ding: Bibiana Beglau verlangt sich und ihren Zuschauern auf der Leinwand und im Theater einiges ab. In „Sieben Stunden“ (28. November, 20.15 Uhr, ARD) spielt sie eine Therapeutin, die kurz vor ihrer Hochzeit von einem Häftling in einem Hochsicherheitsgefängnis als Geisel genommen und vergewaltigt wird. Die Geschichte beruht auf der wahren Geschichte der Psychologin Susanne Preusker, die ihre Erlebnisse in einem Buch verarbeitete und sich Anfang dieses Jahres das Leben nahm.

Haben Sie die Geschichte von Susanne Preusker verfolgt? Haben Sie sie einmal gesprochen?

Bibiana Beglau: Ich bin Frau Preusker nie begegnet. Für den Film haben der Regisseur und ich uns dagegen entschieden, einen biografischen Film zu machen. Er ist ja nur bis zu der Szene der Gerichtsverhandlung an die Biografie von Susanne Preusker angelehnt. Ich habe viel für die Vorbereitung zu den Dreharbeiten über die Vorkommnisse gelesen. Hauptsächlich wusste ich aus der Presse, dass sich der schlimme Vorfall in einer Vollzugsanstalt ereignet hat. Christian Görlitz hatte aber auch Kenntnis von einem anderen Vorfall, mit dem ich mich dann auch beschäftigt habe.

Sie werden gerne für schwierige Rollen besetzt. Was hat Sie an dieser Geschichte besonders fasziniert?

Auszuloten, was so ein Vorfall einem Menschen antut. Wie man dann mit zwei Leben lebt – von denen man eines nicht gewollt hat, nämlich das fremdbestimmte, aufgezwungene Leben danach. Mich reizte am meisten die Frage: Wie ist ein Mensch fähig, nach so einem „Kollateralschaden“ weiter zu leben und wie gehen die Menschen im nächsten Umfeld damit um.

Ihre Figur wird von einem inhaftierten Mörder sieben Stunden als Geisel genommen und mehrfach vergewaltigt. Wie sind Sie mit den brutalen Szenen umgegangen?

Es ist mein Beruf, meine Grenzen zu kennen. Im Vergleich zu dem Opfer, das wir zeigen, weiß ich, wo die Unterschiede zwischen der Rolle und mir sind. Ich kann aus der Situation rein- und rausgehen. Ich habe die Wahl. Die Herausforderung war für mich eher, eine Figur zu zeigen, die mit dem Überfall in ihrer eigenen, inneren Ordnung nicht nur durcheinandergebracht, sondern auch unterbrochen wird.

Gerade beim Thema Vergewaltigung muss man sich fragen, was kann man dem Zuschauer zumuten.

Ergriffen werden wir weniger vom Expliziten als von den Dingen, die in unseren Vorstellungen passieren. Diesen Raum wollen wir mit dem Film aufmachen.

Wie schwer fiel es Ihnen, nach dem Dreh abzuschalten?

Während des Drehens bin ich immer in den Überlegungen, was ich als Nächstes machen könnte. Aber prinzipiell gehe ich nach meiner Arbeit unter die Dusche und ins Bett. Manchmal noch auf einen Wein mit Kollegen. Ich mache Feierabend, wie alle anderen auch.

Ist es schwieriger gewesen, diese Rolle authentisch zu spielen, weil es um eine wahre Geschichte geht – und die Familie von Frau Preusker den Film sicher beurteilt?

Unser Film lehnt sich ja nur an, wie schon gesagt. Auch in der Literatur sind eben genau solche Stoffe die großen dramatischen Stoffe. Sie handeln von Rache, Demütigung, Angst, Verlassenheit, Schuld, und wie wir damit umgehen. Wenn Sie mich jetzt als Darstellerin ansprechen, dann sind das genau die Stoffe, bei denen wir nicht zögern sollten, sie zu zeigen, als Teil unserer Geschichten, mit denen wir unsere Gesellschaft bilden. Da Frau Preusker mit dem Regisseur immer über den Film in Kontakt war, weiß ich, dass sie den Film mochte und sich durch unsere Bearbeitung keineswegs verraten oder vorgeführt fühlte.

Der Umgang mit Sexualstraftätern in Deutschland sei zu einfühlsam, beklagte Susanne Preusker. Sehen Sie das auch so?

Die Bestrafung von Tätern ist eine sehr komplexe und schwierige Sache. Wie sucht eine Gesellschaft ihre Strafe für die Querschläger aus? Als große Masse der demokratischen Gesellschaft erwählen wir über Jahrhunderte Strafen und Maßregelungen für bestimmte Verhaltensweisen, die gegen unsere als Gesellschaft erarbeitete Moralität verstoßen. Und sagen: Das akzeptieren wir nicht als Gesellschaft, denn sonst können wir nicht überleben. Wie aber Strafe funktioniert, das weiß ich nicht. Ich habe eine emotionale Haltung dazu. Ich weiß auch nicht, inwieweit zum Beispiel Rache richtig wäre, wenn Menschen schlimme, demütigende Dinge passieren – seelisch und/oder körperlich. Man versucht bei der Gerichtsbarkeit, Rachegedanken und Emotionen herauszubekommen und ein Maß der Tat und der Strafe zu finden, die im Jetzt eine Verhältnismäßigkeit darstellen. Wie schwierig das ist, sieht man am Beispiel der übrig gebliebenen Nationalsozialisten. Viele dieser Massenmörder haben acht Jahre Haftstrafe bekommen. Wir können uns 20.000 Tote noch nicht mal vorstellen – und das Maß sollen acht Jahre sein? Aber das war die Erwägung einer Gesellschaft, die mit dieser Schmach um Generationen weiterleben muss. So wählte man auch das Strafmaß. Da ich nicht selber betroffen bin, weiß ich nicht, wie ich es fühlen kann. Ich weiß nicht, ob ich emotional oder kalt reagieren würde.

Wie gehen Sie mit Niederlagen oder Schicksalsschlägen um?

Indem ich aufstehe, den Staub von meiner Kleidung klopfe und weitergehe. Rilke sagte mal, „dass wir ins Leben gesetzt sind, als in das Element, dem wir am meisten entsprechen.“

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