Boulevard-Journalismus

Erinnerungen einer Society-Reporterin

Sie war den Großen ganz nah: Reporterin Marie Waldburg gibt Einblicke in das Leben der Schickeria. Ein Gespräch.

Helmut Dietl schrieb für Marie Gräfin von Waldburg einen Gastauftritt ins Drehbuch seiner Serie „Kir Royal“.

Helmut Dietl schrieb für Marie Gräfin von Waldburg einen Gastauftritt ins Drehbuch seiner Serie „Kir Royal“.

Foto: Reto Klar

Lady Schimmerlos, Society-Queen, Klatsch-Legende: Marie Waldburg gilt als Ikone der bunten Berichterstattung. Die 70-Jährige begleitet seit über 40 Jahren die Höhen – und die Tiefen der Schönen und Reichen. Ob Oscar-Verleihung, champagnerselige Abende mit Thomas Gottschalk oder ausladende Soi­reen in Adelshäusern – Waldburg war für die „Münchner Abendzeitung“ und später für „Bunte“ stets mitten drin, um den VIPs ihre Geheimnisse zu entlocken.

In ihrer Autobiografie „Mei­stens diskret“ (teNeues, 25 Euro) gewährt die Boulevard-Reporterin einzigartige Einblicke in 40 Jahre Glamourwelt. Ein Gespräch mit ihr über das Arbeiten mit und in der High Society.

Frau Waldburg, Sie werden auch als „Grand Dame des Boulevardjournalismus“ bezeichnet – gefällt Ihnen das?

Marie Waldburg : „Grand Dame“ macht mich natürlich noch älter (lacht). Aber ich sehe das natürlich auch als Kompliment, der Begriff impliziert ja, dass man eine gewisse Vorbildfunktion hat. Ich habe 1976 in einer Zeit angefangen, als man noch behutsamer mit den Prominenten umgegangen ist. Da hat man nicht gleich jeden Skandal auch aufgeschrieben. Diese Mode kam erst mit der Zeit auf.

Wie hat sich die Society im Laufe der Jahre verändert?

Der größte Unterschied zu früher ist, dass die roten Teppiche heutzutage auch zum Laufsteg für Moderatorinnen, Bloggerinnen und Influencern geworden sind. Vor allem haben sich aber die Privatfeste der Society verändert. Es gibt sie immer noch, aber sie finden strikt unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Angst vor Neidern ist größer geworden. Und die richtig Reichen, die Finks und Flicks und so weiter leben lieber inkognito.

Sie schrieben einmal, dass die Gentlemen, die Lebemänner, ausgestorben sein. Warum ist keiner mehr wie Gunter Sachs und Co.?

Da hat mich die Wehmut gepackt. Ich glaube, dass die Frauen daran auch Mitschuld haben. Viele wollen auf Augenhöhe mit den Männern sein. Dieses charmante, das zum Beispiel Mario Adorf jeder Frau entgegenbringt, irritiert vielleicht auch manche. Ich habe das immer genossen, vielleicht ist das aber auch eine Frage des Alters.

Gibt es heute denn gar keine Ausnahmen mehr?

Da kommen mir Heino Ferch, Herbert Knaup, Moritz Bleibtreu oder Clemens Schick in den Sinn. Letzterer ist ein ganz reizender, uneingebildeter, bedächtiger, Typ. Bei den Jungen fallen mir Jannis Niewöhner, Max von der Groeben, Elyas M’Barek und August Wittgenstein ein.

Was war Ihr absolutes Highlight?

Da gab es schon einige. Aber der erste Oscar im Jahr 1993 hat mich umgeworfen. Helmut Dietl nahm mich mit, er war mit „Schtonk!“ für den Auslands-Oscar nominiert. Er war unfassbar siegessicher, am Ende gewann aber „Indochine“ mit Publikumsliebling Catherine Deneuve. Veronica Ferres und Uwe Ochsenknecht kannte man zu der Zeit in Hollywood noch nicht. Eine große Enttäuschung für das Team. Aber dieser Hype in Los Angeles um die Verleihung, auch in den Tagen davor, unvorstellbar! Der zieht einen schon in den Bann, man hörte von Partys und wollte unbedingt hin – es gelang mir immer.

War Ihr Mann auch mal eifersüchtig?

Als ich einmal sagte, dass ich mit Helmut Dietl und Helmut Fischer essen gehe, und ich würde um Mitternacht zurück sein und um 6 Uhr früh immer noch nicht da war, hat er gesagt: „Der Dietl gefällt dir, gell?“ Da war er schon etwas eifersüchtig, aber ansonsten hat er, im Gegensatz zu mir, seine Eifersucht nie gezeigt. Er wusste ja auch, dass es immer ein Spiel ist, das ich da spiele, und ich stets nach Hause komme. Ich denke, er war eher neidisch auf die Zeit und die Freundlichkeit, die ich anderen Leuten entgegengebracht habe.

Der Beruf bedarf auch einer gewissen Trinkfestigkeit …

Ich meine, dass man schon mithalten muss. Sonst läuft man Gefahr, die ganze Umgebung nicht mehr als angenehm zu empfinden. Wenn es beim Filmball immer wilder wird, alle auf den Tisch steigen und eine Hannelore Elsner aus dem Schuh trinkt, würde man nüchtern durchdrehen (lacht).

Wer war die größte Diva?

Charlène von Monaco war einmal sehr böse über eine Geschichte über sie und ihren Mann, die in der „Bunten“ stand. Begum Aga Khan war auch einmal sehr unzufrieden mit der Bildauswahl und herrschte mich an, obwohl ich für die gar nicht zuständig war.

Die Schickeria traf sich damals vornehmlich in München. Kann Berlin überhaupt Glamour?

Glamour hat auch mit bedeutenden Menschen zu tun, und da hat Berlin München schon den Rang abgelaufen. Ein Abend im „Borchardt“ während der Berlinale ist schon sehr „Kir Royal“. Wenn die Filmstudio-Bosse gewichtig in der Mitte sitzen, Iris Berben als Akademie-Präsidentin elegant wie immer mit von der Partie ist, das hat schon was. Du kannst an einem solcher Abende oft die ganze Filmbranche Deutschlands sehen, so einen Cast könnte sich keiner leisten. Wenn man dann dort sitzt und ein paar Gläser Rotwein trinkt, dann fragt man sich, ob das jetzt Fiktion oder Wirklichkeit ist.

Was haben Sie Leuten entgegnet, die Klatsch ablehnten, Ihren Job als oberflächlich betitelten?

Meine Familie war da nicht kritisch, sogar meine Mutter, die sehr altmodisch war, fand meinen Beruf interessant, auch wenn sie nicht wusste, wer George Clooney ist. Aber es gab natürlich Leute, die kritisiert haben, wie man denn Menschen so beobachten könne. Und jeder zweite Satz dieser Unken war: „Dein armer Mann muss die Kinder hüten“. Aber diese Art von Journalismus kann man auch auf verschiedene Arten machen, und wenn ich es nicht getan hätte, hätte es jemand anderes gemacht. Klatsch ist wichtig für die Sozialhygiene, er bringt den Leuten Prominente näher und zeigt auf, dass sie trotz Geld auch ihre Sorgen haben.

Welche Geschichte würden Sie gern noch schreiben?

Ich würde wahnsinnig gerne mit Brigitte Macron ein Interview führen, sie wäre mein Traumpartner. Ich würde wissen wollen, wie es für sie als Lehrerin war, diesen speziellen Schüler kennenzulernen und über wie viele Widerstände sie sich hinwegsetzen musste. Es gibt ja immer noch Leute, die die Beziehung zwischen ihr und Emmanuel Macron verurteilen. Ihre Geschichte ist ja fast ein richtiger Filmstoff. Den Papst würde ich auch gerne sprechen, aber der lässt sich ja nicht interviewen.

Nach Jahren voller gesellschaftlicher Höhepunkte: Gehen Sie eigentlich immer noch gerne aus?

Mein Mann hat auch gedacht, ich gehe jetzt weniger aus (lacht). Aber ich habe schon noch Lust. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man an jedem Abend, an dem man ausgeht, auch etwas für sich herauszieht. Das ist ein tolles Geschenk bei diesem Beruf. Als Hausfrau wäre es mir sicher nie passiert, dass ich mal auf einer Party mit Quentin Tarantino ins Reden komme.

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