Bergsteiger-Legende

Reinhold Messner: Was wir von der Wildnis lernen können

In einem Live-Vortrag widmet sich Bergsteiger-Legende Reinhold Messner einem Überlebenskampf in der Antarktis.

Reinhold Messner kommt mit "Wild - der letzte Trip auf Erden" nach Berlin

Reinhold Messner kommt mit "Wild - der letzte Trip auf Erden" nach Berlin

Foto: dpa Picture-Alliance / Steffen Kugler / picture alliance / dpa

Berlin.  Reinhold Messner (74) hat sich vor allem als Bergsteiger einen Namen gemacht. Dass er im Jahr 1990 mit dem Polarforscher Arved Fuchs als Erster zu Fuß die Antarktis durchquerte, ist weniger bekannt. In seinem aktuellen Vortrag „Wild – der letzte Trip auf Erden“ (am 17. November, UdK), der auf seinem gleichnamigen Roman basiert, widmet er sich einer Abenteuergeschichte, die in der Antarktis spielt: der Shackleton-Expedition von 1914. Bei dieser wurde das Schiff der Expeditionsgruppe um den englischen Abenteurer Ernest Shackleton vom Packeis zerstört. Shackletons zweiter Mann Frank Wild und 22 Männer retteten sich auf eine abgelegene Insel und harrten einen ganzen Winter aus, ohne zu wissen, ob es Shackleton gelingen wird, Hilfe zu holen und sie zu retten. Messner erzählt die berühmte Expedition neu und legt den Fokus auf Wild, den Mann, der es schaffte, den anderen Gestrandeten Hoffnung zu geben und ihren Überlebenswillen zu erhalten.

Wie kamen Sie dazu, sich in Ihrem Roman der Shackleton-Expedition zu widmen?

Reinhold Messner : Meine erste Antarktisreise habe ich 1986 unternommen, um ihren höchsten Berg zu besteigen, den Mount Vinson. Ich habe dort von den großen Reisen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelesen und bin dann bei der Lektüre der Shackleton-Expedition hängen geblieben. Die Geschichte hat mich gepackt. Ich habe über 20 Jahre dazu recherchiert, die Ereignisse rekonstruiert und festgestellt, dass man diese auch aus einer völlig anderen Perspektive erzählen kann. Denn nachdem sich Ernest Shackleton auf den Weg machte, um Hilfe zu holen, blieben die 22 Männer mit Frank Wild zurück. Er war es, der dafür sorgte, dass sie das Vertrauen in ihre Rettung nicht verloren. Das ist eine wesentlich größere Leistung, als in die Wildnis aufzubrechen – in ihr zurückzubleiben, ohne Gewissheit, ob man überlebt.

Wie sieht es in der Antarktis aus?

Die Antarktis ist ein leerer Raum, komplett entschleunigt. Wer sich dort aufhält, bekommt das Gefühl, er sei auf einem anderen Stern. Man verliert sich in ihr. Die Antarktis ist die letzte große Naturerscheinung, die unberührt ist. In der Antarktis ist man umgeben von Stille, und die Sonne kreist und kreist über einem. Man bekommt ein Gefühl für das Jenseitige. Menschen haben ein Vorstellungsmanko: Sie können sich das Jenseits nicht vorstellen. Diese Unendlichkeit und Zeitlosigkeit wird in der Antarktis erfahrbar.

Sie haben die Shackleton-Expedition 1989 auch selbst durchgeführt, die Antarktis vom Atlantischen zum Pazifischen Ozean überquert. Hatten Sie Angst davor?

Im Vorfeld schon. Ich wusste ja nicht, wie es ist, dauerhaft minus 40 Grad ausgesetzt zu sein. Ich wusste zwar, wie sich diese Temperatur anfühlt, aber nicht, wie das über drei Monate hinweg sein würde. Da hilft selbst die beste ­Kleidung nicht. Auch Bewegung wirkt der extremen Kälte nur bedingt entgegen.

Wie schläft man in der Antarktis?

In einem doppelwandigen Zelt, in dem man sich am Abend auch das Essen zubereitet. Dadurch wärmen sich das Zelt und der Schlafsack auf. Am Morgen kostet es dann einiges an Überwindung und Disziplin, den warmen Schlafsack wieder zu verlassen.

Sie sagen, Sie fühlen sich auf Ihren Expeditionen nicht einsam. Ist die Singlestadt Berlin einsamer als die Antarktis?

Durchaus, wer vereinsamt in einer Großstadt lebt, der fühlt sich verlassener, als ich es in der Antarktis getan habe. Ich bin ja auch nicht alleine aufgebrochen, sondern mit dem Polarforscher Arved Fuchs.

Gibt es heute noch einsame Orte?

Mehr Leute denn je sind heute an berühmten Plätzen unterwegs. Doch dort, wo es keine Infrastruktur gibt, ist es immer noch einsam. Es gibt vielleicht 100 Berge, die überlaufen sind, der Montblanc, 8000er wie der Mount Everest und so weiter. Aber abseits von diesen kann man immer noch viele Orte finden, die komplett menschenleer sind.

Entschleunigung ist heute ein Modewort. Was bedeutet es Ihnen?

Berge bedeuten Entschleunigung. Denn dort ist man mit der Bewegung und Geschwindigkeit eines Fußgängers unterwegs. Wenn wir im Flieger sitzen oder Zug fahren, dann nehmen wir von unseren Reisen nichts wahr. Wir haben nichts aufgenommen, wenn wir ankommen. In den Bergen ist das anders. Wir nehmen uns und unsere Umgebung, unser Tempo bewusst wahr. Das entspricht unserer Natur, denn Menschen waren immer Fußgänger. Erst seit 100 Jahren sind wir Rasende, und die Geschwindigkeit, mit der wir uns bewegen, steigt stetig.

Was macht das mit den Menschen?

Die meisten haben Angst, mit diesem Tempo nicht mithalten zu können. Die Menschen versinken in ihren Smartphones, anstatt sich in einer langsamen Art mit den Dingen und ihrer Lebensrealität auseinanderzusetzen. Dabei geraten sie in Panik.

Was können wir denn alle von der Wildnis lernen?

Die Wildnis hat eine eigene Gesetz­mäßigkeit, die unserer Menschennatur entspricht. Der Mensch verhält sich in ihr nach bestimmten Mustern und inneren Gesetzen. Anhand dieser Muster stellen und unterwerfen wir uns der ­Natur, werden mit einer sehr greifbaren Form der Furcht konfrontiert. In der Wildnis geht es um das Überleben.

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