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Für Jürgen Vogel ist Schauspielerei auch Politik

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Maria Bidian
Schauspieler Jürgen Vogel.

Schauspieler Jürgen Vogel.

Foto: Reto Klar

Dealer, Kidnapper oder Vergewaltiger – Jürgen Vogel ist für seine düsteren Rollen bekannt. Trotzdem glaubt er an das Gute.

Berlin. In über 100 Filmen hat Jürgen Vogel bereits mitgespielt. Jetzt ist der 50-Jährige in der Krimiserie „The Team II“ (ZDF, Sonntag, 22 Uhr) zu sehen und spricht über seine Zerrissenheit, seine Familie und die wichtige Aufgabe der Kunst in unserer Gesellschaft.

In „The Team II“ geht es um Morde in einer Flüchtlingsunterkunft, Neonazis, Terrororganisationen und Raubkunst-Handel. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Jürgen Vogel: Ich habe Nachrichten geschaut. Die Serie zeigt genau das, was in der Welt gerade passiert. Der Ruck nach rechts, Flüchtlinge, der Terrorismus. Außerdem habe ich mir eine Dokumentation angesehen, in der es um Kunstraub geht, der Terrorismus finanziert.

Was hat Sie an der Serie gereizt?

Bei einer unterhaltenden Krimiserie mitzumachen, die reale Entwicklungen und Problematiken aufgreift, finde ich sehr spannend. Auch das Thema Familie ist für mich wichtig. In der Serie nimmt die Familie für alle, Ermittler, Flüchtlinge und die Täter, einen hohen Stellenwert ein. Die Wichtigkeit der Familie verbindet alle.

Sie spielen einen Hamburger Hauptkommissar.

Mich hat die Figur in ihrer Zerrissenheit sofort interessiert, und die Geschichte ist gut erzählt. Man versteht schnell, was die große Problematik der Figur ist, was ihre Fehler sind und warum sie trotzdem ein guter Polizist ist.

Muss die Figur zerrissen sein, damit sie interessant für Sie ist?

Wir müssen Figuren zeigen, die real sind. Alle Menschen haben Probleme und sind auf die ein oder andere Weise zerrissen. Besonders Menschen, die verantwortungsvolle Berufe haben, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Eine reale Person zu zeigen, ist Ihnen wichtig.

Ja, sie muss beides können: Ein Held werden und trotzdem menschlich sein. Die Figur muss den Mut haben, Entscheidungen zu fällen, die wenige treffen würden, und trotzdem mit ihren Schwächen und Ängsten nachvollziehbar bleiben.

Sind Sie zerrissen wie Ihre Figuren?

Wie jeder Mensch versuche ich auch, den Spagat zwischen meinem Privatleben und meiner Arbeit hinzubekommen. Wenn man viel arbeitet, ist es schwierig, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dass man auch einmal Fehler macht, gehört zum Menschsein dazu.

Ihre Figur hat fünf Kinder. Wie Sie.

Da musste ich schon sehr lachen. Ich konnte viele Situationen sehr gut nachvollziehen, da ich selbst eine Patchworkfamilie habe. Ich weiß, wie es ist, wenn man versucht, vielen Personen gerecht zu werden, was natürlich nicht immer klappt.

Der Hauptkommissar flieht in die Arbeit.

Ich arbeite gerne, und auch längere Phasen der Arbeit können sehr schön sein, aber ich vermisse immer meine Familie und denke mir oft, ich wäre jetzt lieber zu Hause bei meinen Kindern.

Sie stehen seit 35 Jahren vor der Kamera, haben in mehr als 100 Filmen mitgewirkt, haben Dealer, Kidnapper, Vergewaltiger gespielt. Ist Ihnen vor der Kamera noch etwas peinlich, haben Sie vor einer Rolle Angst?

Es hängt immer von dem Drehbuch ab, davon, was der Film will. Ich finde es langweilig, nur die Guten und Helden zu spielen. Ich habe nicht den Ehrgeiz, nur besonders intelligente Figuren zu spielen, damit ich mich als Privatperson schlauer fühle.

Was beschäftigt Sie gerade, welche Rolle würde Sie nach so vielen Filmen noch reizen?

Ich lasse mich immer von der nächsten Rolle überraschen. Was mich gerade sehr beschäftigt, ist die Frage, wo wir politisch hintreiben. Wir sind in einer interessanten Zeit gelandet. Gerade geht es darum, Dinge wieder in den Griff zu bekommen. Da sind alle gefordert. Die Gesellschaft, jeder Einzelne, die Politik. Jeder trägt dazu bei, dieses Land mit zu bauen.

Wie können Künstler zu einer friedlichen Gesellschaft beitragen?

Die Frage, welche Stoffe und Darstellungsweisen Filmemacher auswählen, ist Politik. Genauso, wie die Spielweise der Schauspieler Politik ist.

Schauspielerei ist Politik?

Ja. Wenn ich einen Kriminellen auch menschlich zeige, damit Leute berühre, sie nachdenklich mache und mit meinem Film dazu beitrage, dass sie andere Entscheidungen in ihrem Leben treffen, habe ich als Künstler vielleicht mehr erreicht als manche Politiker. Die Frage ist, wie muss ich die Figur spielen, dass ich die Menschen zum Nachdenken bringe.

In „The Team II“ geht es um Kunstraub. Was hängt zu Hause bei Ihnen an der Wand?

Ich finde Kunst interessant und schön. Ich glaube, Kindern zu zeigen, dass es Dinge gibt, die Menschen geschaffen haben, manchmal über das Erklärbare hinaus, ist sehr wichtig. Kunst, egal welche Art, ist eine tolle Form, wie Menschen aus negativer Energie etwas Positives machen können.

Sie sind mit 15 Jahren von zu Hause ausgezogen. Haben Sie durch Ihre Eltern einen Zugang zur Kunst eröffnet bekommen?

Meinen Zugang zur Kunst habe ich langsam selber gefunden. Als Jugendlicher bin ich kaum in Museen gegangen und habe sehr viel gearbeitet. Erst jetzt habe ich mehr Zeit, mir Ausstellungen anzuschauen. Kunst ist toll, schadet niemanden und kann nur helfen, ein besserer Mensch zu werden.

Versuchen Sie, Ihren Kindern Malerei näherzubringen?

Ich schlage meinen Kindern Ausstellungen vor, zwingen kann ich sie natürlich nicht. Es ist wichtig, seinen Kindern so etwas anzubieten.

Durch Ihre Filme waren Sie in vielen verschiedenen Ländern. Was hat sich dadurch für Sie relativiert?

Prinzipiell geht es uns sehr gut. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern leben wir in einem sehr ordentlichen, gut funktionierenden Land. Wir haben vieles richtig gemacht, können aber auch an vielen Dingen noch arbeiten. Deshalb dürfen wir nicht aufhören, uns zu engagieren. Insgesamt glaube ich aber immer an das Gute in den Dingen.

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