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Heidi Hetzer und ihre Weltreise mit Oldtimer "Hudo"

Die 81-jährige Berlinerin entführt ihre Fans mit ihrem neuen Buch in ihre wunderbare Welt.

Heidi Hetzer lebt nach dem Motto: „Siege, wenn du kannst. Verliere, wenn du musst. Kapituliere nie.“

Heidi Hetzer lebt nach dem Motto: „Siege, wenn du kannst. Verliere, wenn du musst. Kapituliere nie.“

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Achtmal hat sie den Äquator überquert, war in zwei Jahren und sieben Monaten genau 960 Tage unterwegs – und das auch noch in einem Acht-Zylinder-Hudson, Baujahr 1930: Über diese abenteuerliche Weltreise hat die Unternehmerin und Rallye-Fahrerin Heidi Hetzer (81) nun ein Buch („Ungebremst leben“, Ludwig Verlag) geschrieben. 2014, mit 77 Jahren, brach die Berlinerin in ihrer Heimatstadt auf, um die Freiheit in der Welt zu finden. Nicht immer lief dabei alles wie geschmiert: Neben zahlreichen Pannen mit dem Oldtimer „Hudo“ (34 Werkstattbesuche!) verlor Hetzer während einer Motorreparatur einen Finger und überstand eine Krebsoperation. Und die nächste Reise ist auch schon geplant.

Frau Hetzer, kam Ihnen die Idee zum Buch schon während der Reise?

Heidi Hetzer: Nein, ich wollte nie ein Buch schreiben. Ich habe immer über die Leute gelacht, die sofort ein Buch oder ein Musikalbum auf den Markt warfen, sobald sie ein bisschen einen Namen hatten. Dann hat aber meine Tochter gesagt: „Bitte Mama, schreibe ein Buch. Du hast so viel zu erzählen. Ich kann mir das nicht alles merken, du musst es für deine Enkelkinder aufschreiben.“ Na gut, das war ein Argument. Also habe ich es für meine Enkelkinder gemacht. An die Öffentlichkeit habe ich da noch gar nicht gedacht.

Wie erging es Ihnen im ersten Jahr zurück in Berlin?

Das erste halbe Jahr nach meiner Rückkehr habe ich erstmal versucht, mich zu akklimatisieren. Habe ich nicht geschafft. Ich bin nie wirklich in meiner Heimat wieder angekommen. Natürlich habe ich mich über meine Familie und Freunde gefreut und darüber, wie toll ich in Berlin empfangen wurde. Aber im letzten Sommer war das Wetter hier so schlecht, dass ich den Plan geschmiedet habe: Ich muss hier wieder weg. Im Winter will ich nicht in Berlin sein. Solange es mir gut geht, kann ich hier nicht bleiben. Ich will weiterreisen, solange ich kann.

Im November geht es auf nach Afrika?

Ja, ich will unbedingt über die höchsten Dünen der Welt in Namibia fahren! Aber erstmal werde ich für sechs Monate an der Ostseite Richtung Süden unterwegs sein, durch Länder wie Sudan, Eritrea, Äthiopien und Kenia bis nach Südafrika. Dann bleibt der Wagen dort über den Sommer und in einem Jahr komme ich zurück für die zweite Tour entlang der Westküste, wieder Richtung Norden. So habe ich bis 2020 schon mal vorausgeplant. Je nachdem, wie es mir dann geht, kann ich dann Australien und Neuseeland planen.

Wie geht es „Hudo“ eigentlich heute?

Ich habe ihn bis heute nicht ausgeräumt. „Hudo“ steht in der Classic Remise und hat immer noch die Werkzeugkisten geladen. Ich fahre den Wagen durchaus noch hier in Berlin. Aber nicht mehr durch die Weltgeschichte. Ich will ihn keine Tausende von Kilometer mehr quälen.

Sie sind eine Berliner Ikone. Sind Sie gern prominent?

Natürlich, man fühlt sich sehr geehrt. Und die Leute lachen ja immer. Sie sagen nie was Böses, sondern sprechen mir ihre Hochachtung aus. Ich habe für die Menschen ihren eigenen Traum erfüllt, den sie sich nicht trauen, selbst zu erleben. Was ich schade finde. Ich möchte alle motivieren, selbst etwas zu erleben. Es ist einfach ein tolles Gefühl, wenn man etwas anpackt und es schafft. Aber man muss ja heute offenbar erst in Not geraten, um den Hintern hochzubekommen. Es ist erst mal anstrengend, aber man wird so lebendig.

Was hat die Reise mit Ihnen persönlich gemacht?

Ich bin äußerlich demütiger und bescheidener geworden. Aber innerlich bin ich gewachsen. Diese Erfahrung kann man aber nur schwer vermitteln. Man muss sie selbst erleben. Die Reise hatte noch etwas Gutes: Ich bin in den drei Jahren all meine Punkte in Flensburg losgeworden (lacht).

Haben Sie die Freiheit gefunden, die Sie gesucht haben?

Ja, ich habe meine ganz persönliche Freiheit gefunden. Ich rege mich über nichts mehr auf und bekomme kein Herzklopfen mehr aus Angst.

Warum sind Sie eigentlich erst mit 77 Jahren losgefahren?

Ich habe vorher nur gearbeitet. Ich hatte ja ein eigenes Unternehmen, und es war für mich selbstverständlich, so lange zu arbeiten. Ich habe auch nie von dieser Reise geträumt. Ich bin Realist und wusste, ich muss arbeiten. Mir ging es ja auch gut, und ich war zufrieden. Doch dann musste ich meine Nachfolge regeln. Ich wollte nicht, dass im Falle meines Todes die Mitarbeiter plötzlich auf der Straße stehen. Also habe ich meinen Betrieb an einen anderen Opel-Händler verpachtet. Das war auch meiner Familie wichtig. Auf einmal war ich frei und ohne Job. Meine Kinder sagten aber: „Mama, du stirbst, wenn du nicht arbeiten gehst. Was willst du tun?“

Eine Weltreise also?

Ich dachte erst, ich fahre noch ein bisschen Rallye. Ich kann ja nur Auto. Dann kam mir die Idee: Ich fahre um die Welt wie Clärenore Stinnes. Der erste Mensch, der 1927 bis 1929 mit einem Auto um die Welt gefahren ist. Ich begann, sie zu imitieren, ihre Wege zu planen. Und ich kaufte mir ein ähnliches Auto wie sie es hatte. Sie war aber 24, als sie losfuhr. Mir ging es hingegen nicht um die Schnelligkeit, sondern darum, in zwei Jahren alle fünf Kontinente zu sehen. Stinnes fehlten Australien, Neuseeland und Afrika. Da wollte ich aber hin. Also machte ich die Heidi-Hetzer-Tour, auf der mir Stinnes immer mal wieder begegnete. Über die Anden zum Beispiel ist sie mit dem Zug gefahren, ich aber mit „Hudo“, weil die Straßen besser sind. In Paris kam sie auch an, dort fand ich ihr Hotel von damals. Und ich wollte wie sie in Berlin an einem Sonntag um 12 Uhr ankommen.

Woher nehmen Sie Ihre Energie?

Meine Neugier auf die Welt gibt mir immer wieder neue Energie. Deshalb muss ich ständig unterwegs sein. Man muss es aber wirklich wollen, von innen heraus. Deshalb akzeptiere ich auch keine Frauen, die sich von ihrem Mann zu einer Weltreise bequem einladen lassen. Ich finde, man muss es selbst wollen und selbst finanzieren. Man muss unabhängig bleiben. Deshalb will ich auch keine Sponsoren haben.

Viele wollen gar nicht glauben, dass Sie 81 Jahre alt sind.

Ich entspreche nicht dem Klischee einer Seniorin in dem Alter. Ich war das auch nie. Ich habe mich nie in der High Society herumgetrieben und mich nie für Kleider interessiert. Ich benutze auch nie Make-up, nur die Wimpern werden getuscht. Früher bin ich noch jede Woche zum Friseur gerannt. Das kannst du auf so einer Reise vergessen. Haare waschen, schütteln, fertig. In Neuseeland hat mir eine Frau die Haare mit einem Teppichmesser geschnitten, hat auch gereicht. Man lernt auf so einer Reise, dass man viel weniger braucht, als man denkt.

Das Altern war für Sie nie ein Thema?

Nein. Ich habe mich mein ganzes Leben immer gut gefühlt, egal wie alt ich war. Ich habe die verschiedenen Jahrzehnte genossen, weil jedes anders ist. Wenn ich mit 20 oder 30 geflirtet habe, bin ich noch rot geworden. Jetzt kann ich flirten ohne Ende (lacht). Sie glauben gar nicht, wie viele Angebote ich heute von jungen Männern bekomme! Dreimal hat mir jemand auf der Reise einen Antrag gemacht. Aber ich bin ja nicht aufgebrochen, um zu heiraten. Ich weiß, dass ich jünger aussehe und mich auch jünger fühle. Wenn ich Altersgenossen sehe, sage ich selbst: „Guck mal, die Alten da.“ Wenn man neugierig, vielleicht quirlig und interessiert ist wie ich, bleibt man jung. Ich komme sowohl mit Kindern und Jugendlichen als auch mit Älteren gut klar, kann mich auf alle einstellen.

Wie sollen Ihre Enkelkinder später einmal über ihre Oma sprechen?

„Geile Alte!“ (Lacht.) Die sollen auf die Oma schon stolz sein. Ich hoffe, dass meine Enkel mir ähnlich werden, damit sie das Leben so genießen können wie ich. Das kommt aber nicht von alleine, man muss etwas dafür tun. Das Wichtigste im Leben sind Humor, Vertrauen, Freiheit und Freundlichkeit. Das sind Tugenden, die man auch lernen kann.