Neuer Kinofilm

Anke Engelke: „Ich bin wahnsinnig gern albern“

Anke Engelke spricht im Interview über ihre neue Mutterrolle im Kino und warum sie sich nicht für eine Rampensau hält.

Anke Engelke kann auch ohne Smartphone leben

Anke Engelke kann auch ohne Smartphone leben

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Seit 40 Jahren steht Anke Engelke (52) vor der Kamera, meist in komödiantischen Rollen. Ihr Talent stellt sie aktuell in dem Film „Das schönste Mädchen der Welt“ unter Beweis, der heute in den Kinos anläuft. Ein Gespräch über Peinlichkeiten, die Pubertät und echte Freundschaft.

Ihre Filmrolle hat eine übergroße Nase. Wie oft haben Sie diese in der Maske beziehungsweise während des Drehs verflucht?

Anke Engelke: Nicht ein einziges Mal! Die Nase gehört zur Geschichte – mir hat sie beim Spiel geholfen.

Ihre Rolle, Anja, neigt zu frivolen Witzen. Können Sie über so was auch privat lachen?

Ja, sie ist manchmal derb, aber das passt ja zu ihr. Ich habe gleich verstanden, warum Anja so ist, wie sie ist, als ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen habe: frei, zugewandt, kämpferisch, manchmal laut und derb, manchmal leise und behutsam. Ich wollte sie unbedingt spielen.

Gegen Ende bauen Sie Ihren Film-Sohn auf. Der Monolog erinnert an den von Julia Roberts in „Wunder“. War die Szene bewusst daran angelehnt?

Nicht dass ich wüsste, nein. Ich glaube, die Frau, die ich da spiele, ist gar nicht so einzigartig. Ich könnte mir vorstellen, dass es viele Eltern gibt, die Pubertierende ganz durch diese wirre, anstrengende Phase führen. Durch die Pubertät muss jeder durch – und wenn man dann jemanden zur Seite hat, der oder die gut beraten kann, aber auch mal die Klappe halten kann, dann ist das eine gute Sache.

Kennen Sie solche Muttertypen wie Anja, die ihren Sohn immer ein bisschen peinlich berühren?

Tja, das ist der zentrale Begriff in der Pubertät, oder!? Alles und alle sind „peinlich“. Die Frage ist: Findet man verschiedene Dinge peinlich oder nur die, die Eltern und andere Erziehungsinstanzen betreffen?! In der Pubertät beginnt man ja überhaupt erstmals, mit dem Begriff „peinlich“ zu arbeiten. Wenn man ganz losgelöst etwas peinlich findet, also außerhalb der sogenannten Peergroup, ist das ja der Schritt zur Definierung der eigenen Welt.

Überlegen Sie sich für Ihre Rollen eigentlich eine Backgroundstory?

Für die Filmmutter Anja habe ich kein Tagebuch angelegt, nein, dafür ist die Rolle vielleicht auch zu klein (lacht). Aber natürlich frage ich mich, warum die Figur so ist, wie sie ist. Mit das Schönste an diesem Beruf ist es, beim Drehbuchlesen noch nicht zu wissen, wie ich später aussehen werde.

Mussten Sie im Laufe Ihrer Kamera­karriere erst lernen, diese Verantwortung abzugeben?

Das verlief wunderbar unspektakulär, da ich schon mit zwölf angefangen habe, beim Fernsehen zu arbeiten, und die Schauspielerei immer so nebenherlief. Ich habe schnell gemerkt, dass ich auf Fragen zu Frisuren, Make-up und Kostüm immer häufiger antwortete: „Das muss mir nicht gefallen.“

Die Hauptfigur Cyril wird wegen ihrer großen Nase gemobbt. Wie wichtig sind Filme wie dieser, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen?

Das ist ja nicht neu, dass man blöde kommentiert wird. Neu ist der Druck, das Tempo, die Aggressivität. Aber ich bin keine Spezialistin und kann nur mittelinformiert mitreden, da ich kein Smartphone habe.

Woran liegt das?

Technikfeindlich bin ich nicht, ich mag es zum Beispiel total gerne, mit dem Laptop zu arbeiten. Ein Hoch auf die Erfinder der E-Mail. Trotzdem schreibe ich genauso viele Briefe und Postkarten wie vorher. Das klingt wie in einem Schwarz-Weiß-Film, aber Freundschaften finde ich in der Wirklichkeit schöner als in Kommentaren oder auf Fotos, und sie zu pflegen finde ich besser, als mit ihnen zu protzen.

Wie definieren Sie denn Freundschaft?

Freundschaft hat doch ganz viel mit wahrem Interesse zu tun hat. Sich gegenüberzusitzen, nebeneinander, sich in die Augen zu schauen. Deswegen liebe ich meinen Beruf auch so sehr, weil ich Dinge mache, die Menschen hoffentlich ins Gespräch und zum Meinungsaustausch miteinander bringen können.

Glauben Sie, die Kinder heute haben es schwerer als damals?

Na ja, früher wurde man „gehänselt“, heute heißt das „Mobbing“ oder „Shitstorm“. Das ist brutaler, weil alles protokolliert wird. Die Brutalität hat aber auch damals stattgefunden. Ich weiß noch, dass das für manche wirklich hart war mit 14. Meine Pubertät war zum Glück entspannt. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Pubertät endet.

Cyril versteckt sein großes Talent hinter jemand anders. Warum haben einige Künstler die Eigenart, sich nicht selbst als Rampensau zu inszenieren?

Es kann sein, dass Menschen von mir denken, ich sei eine Rampensau. Dabei war und bin ich die Letzte, die schreit „Ich, ich, ich!“, wenn es darum geht, vorne zu stehen. Meine Ansprüche sind durchaus hoch, wenn es um unsere Kunst geht, also um die Schauspielerei, die Musik, die Literatur. Ich bin aber auch wahnsinnig gern sinnfrei albern und finde Schrott super. Ich liebe es total, bescheuert zu sein, und liebe das auch bei anderen Leuten. Doof ist ja nur – und das erzählt der Film ja ganz schön –, wenn jemand versucht, etwas zu sein, was er nicht ist. Wenn Äußerlichkeiten wichtiger sind als das Innenleben. Wenn jemand aber seine Unzulänglichkeiten kennt und das Sein wichtiger ist als der Schein, ist alles gut.

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