Best-Ager-Model

„Kein Stress“ ist das Lebensmotto von Anna von Rüden

Die Berlinerin Anna von Rüden ist zwölffache Großmutter – und ein gefragtes Fotomodell.

Model  Anna von Rüden hat ein Buch über ihr Leben geschrieben

Model Anna von Rüden hat ein Buch über ihr Leben geschrieben

Foto: jörg Krauthöfer

Berlin. Anna von Rüden strahlt eine unglaubliche Gelassenheit aus. Locker und lässig sind auch die Posen, die die Berlinerin für den Fotografen beim Interviewtermin in einem Café in Steglitz einnimmt. Die 66-Jährige ist ein sogenanntes Best-Ager-Model. Mit diesem Begriff beschreibt die Werbung ihre Zielgruppe der über 50-Jährigen. Anna von Rüden kann damit allerdings wenig anfangen: „Irgendwie hat man auch bestimmte Vorstellungen von dem Begriff, und da passe ich nicht rein.“ Sie mache, was sie interessant findet und ihr Spaß macht, und möchte das auch so weitermachen. Lebensmotto: Keinen Stress.

Anna von Rüden wurde auf der Straße entdeckt

Vor elf Jahren wurde sie auf der Straße entdeckt, seitdem ist sie vor der Kamera und auf dem Laufsteg – für internationale Modemarken ebenso wie für Studenten der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft. In ihrem Leben davor gab es bereits einen kurzen Ausflug in die Modewelt, der von ihren Eltern jedoch schnell unterbunden wurde. Sie studierte Sozialpädagogik, leitete einige Jahre im Wedding eine Kindertagesstätte im sozialen Brennpunkt, bekam dann vier Kinder. Mit 55 die Scheidung und der Neustart als Model, aber auch als Großmutter. Zwölf Enkelkinder hat sie mittlerweile, alle wurden und werden bis zum Eintritt in die Kita von ihr betreut. Auch die große Liebe hat sie gefunden mit einem 25 Jahre jüngeren Mann.

Über ihr Leben ist jetzt ein Buch erschienen: „Jeden Tag aufs Neue glücklich“, ein Ratgeber, der zeigt, dass mit der richtigen Einstellung und der nötigen Offenheit immer ein Neuanfang möglich ist.

Zu dem Buch kam es, weil sie sich in einer Fernsehsendung, in der es um Falten ging, positiv darüber geäußert und über ihre große Familie erzählt habe, sagt sie. „Das konnte ich wohl so überzeugend rüberbringen, dass mich der Verlag gefragt hat, ob ich ein Buch schreiben könnte.“ Das tat sie dann auch mit einer Ghostwriterin. „Das war für mich wie eine Abenteuerreise, denn ich hatte ganz viel verdrängt und vergessen. Und das war ein wunderbares Aufarbeiten“, erinnert sie sich. Überhaupt sei das Glück erarbeitet. Manchmal gehe sie auch an ihre Grenzen, „wenn ich beispielsweise einmal im Monat meine 92-jährige Mutter im Ruhrgebiet besuche und sehe, dass sie jedes Mal ein bisschen weniger wird und immer mehr schläft“.

Es sind viele kleine Sachen, aus denen sie ihr Glück schöpft

Das uralte Fahrrad ihres Vaters etwa, mit dem sie durch die Stadt radelt, ihre Enkelkinder oder das lockere freitägliche Treffen zu Kaffee und Kuchen mit ihrer Tochter und den Schwiegertöchtern. Sie freue sich aber auch über jeden Modeljob: „Das ist für mich immer wie ein kleiner Urlaub.“ Aktiv und offen für Neues sein, so lautet ihr Rezept zum Jungsein, sei es der Instagram-Account, Videodrehs mit Rammstein oder das Entdecken neuer Musikrichtungen.

Durch ihren Freund habe sie Black-Metal kennengelernt, sagt sie. Dabei konnte sie sich schon in jungen Jahren für Doro Pesch, die „Queen of Metal“, begeistern. „Tolles Mädchen!“, schwärmt Anna von Rüden. Bewundert hat sie auch Diana Rigg als Emma Peel in „Mit Schirm, Charme und Melone“. „Eben Frauen, die Schmackes haben und auf nette Weise ihren Mann stehen“, meint Anna von Rüden und lacht. Keine oder nur wenige Interessen zu haben, mache Menschen hingegen alt, findet sie. Es sei wichtig, sich einzubringen. „Man kann doch nicht erwarten, dass man integriert wird. So nett ist die Welt nicht“, sagt sie.

Trotz weißer Haare und Falten wirkt Anna von Rüden unglaublich jung. Schönheitsoperationen kämen für sie nicht infrage. „Wer das machen möchte, kann das gern tun. Das verdamme ich überhaupt nicht, aber die meisten sehen einfach nur anders alt aus“, findet sie. Sie komme gut damit zurecht, dass die Haut nicht mehr aussieht wie mit 20. Sie fühle sich auch viel sicherer in ihrem Körper als früher. Fit hält sie sich zu Hause mit Gymnastik. „Da mache ich Muskel- und Dehnübungen, denn meine Enkelkinder sind schon relativ schwer.“

Auch für den Job muss sie fit sein

Denn auch als Best-Ager-Model kommt ab und zu der Stress eines Castings auf sie zu. Sie erinnert sich: „Ich war im letzten Jahr bei Vivienne Westwood in Paris. Und es ging wie am Fließband: Sachen anziehen, laufen, umziehen, laufen.“ Dabei habe sie aber viel gelernt, und so war es auf keinen Fall eine verlorene Zeit, obwohl sie letztendlich nicht genommen worden ist. In ihrem Alter kann sie damit umgehen, aber „wenn ich sehe, wie ganz junge Mädchen bei Castings nicht genommen werden, und die stehen dann da mit ihren Büchern – das finde ich ganz schlimm.“

Deshalb würde sie auch ihren Enkelkindern nicht die Teilnahme an „Germany’s Next Topmodel“ empfehlen. Ihrer elfjährigen Enkelin erkläre sie, dass es hauptsächlich viel Warten ist. „Was man hinterher sieht, ist wirklich nur ein Bruchteil von dem, was man erarbeitet hat“, sagt sie. Sie plädiere erst einmal für eine Ausbildung, „danach können sie machen, was sie wollen“. So hat es Anna von Rüden auch mit ihren vier Kindern gehandhabt: „Ich habe immer versucht, ihnen größtmögliche Freiheiten zu geben, und geschaut, was sie so können und machen, und ihnen dabei geholfen. Also keinen Stress.“

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