In bester Manier

Protokoll-Chef: Das sind die Regeln guten Benehmens

Mit seinem neuen Buch hält Bundestag-Protokollchef Enrico Brissa ein Plädoyer für die schönen Künste der Höflichkeit.

Enrico Brissa ist Protokoll-Chef des Bundestags

Enrico Brissa ist Protokoll-Chef des Bundestags

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Wie bringt man einen Toast aus? Wann ist ein Kompliment angemessen? Im Umgang mit unseren Mitmenschen herrscht immer mehr Unsicherheit. Enrico Brissa möchte das ändern. Der promovierte Jurist arbeitete unter anderem in der Verwaltung des Deutschen Bundestages, bevor er 2011 ins Bundespräsidialamt wechselte, wo er als Protokollchef der damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und Joachim Gauck tätig war. Seit 2016 leitet er das Protokoll beim Deutschen Bundestag. Mit seinem Buch „Auf dem Parkett – Kleines Handbuch des weltläufigen Benehmens“ (Siedler Verlag) will der Etikette-Experte Abhilfe schaffen. Dabei gehe es dem 46-Jährigen nicht unbedingt um die korrekte Ausübung bestimmter äußerlicher Verhaltensweisen, sondern mehr um eine Art innere Kultiviertheit, eine Haltung im zwischenmenschlichen Umgang.

„Mir geht es nicht darum, einen Regelkanon zu definieren, an den sich möglichst jeder halten soll. Mir ist nur aufgefallen, dass sehr viele Menschen zunehmend verunsichert sind. Diese Unsicherheit ist ja eher ein Nachteil“, erklärt er. In unserer freien Gesellschaft könne sich jeder mehr oder weniger so verhalten, wie er es möchte, er solle es aber bewusst tun. „Und die Verantwortung für sein Handeln übernehmen. In diesem Sinne möchte ich unser Bewusstsein für die sozialen Regeln, Symbole und Rituale unseres Alltags schärfen.“ Denn nur wer die Regeln kennt, kann auch souverän mit ihnen umgehen. Für die Berliner Morgenpost nimmt Brissa Benimm-Mythen unter die Lupe – und klärt auf, was dahintersteckt.

Begrüßungsküsschen

haucht man stets in die Luft

„Das ist ganz individuell, je nach den Verhältnissen, dem Kulturkreis und so weiter. Wenn man aber beobachtet, wie sich der Gegenüber verhält, dann hat man dieses Rätsel schnell gelöst. Küsst er auf die Wange, zwei, oder drei Mal? Das kann ein guter Anhaltspunkt sein. Beim Handkuss ist das anders, dieser Kuss verharrt im Versuchsstadium – man busselt also nicht die Hand ab.“

Champagnerflaschen sollte man

leise öffnen

„Eleganter ist es, den Korken nicht knallen zu lassen. Die Flasche sollte also dezent geöffnet werden. Das Sabrage-Ritual, also das Öffnen mit einem Säbel, habe ich selten erlebt, in Deutschland so gut wie gar nicht.“

Ein schöner Anlass verlangt nach einer Rede

„Wenn Sie bei Freunden zum Abendessen eingeladen sind und niemand sagt etwas, dann ist es doch eine schöne Geste, sich durch einen kleinen Trinkspruch bei den Gastgebern zu bedanken. Das ist dann kein förmlicher Toast, aber eine schöne Geste. Wichtigste Regel: Man sollte sich kurz fassen.“

Gläser hält man immer mittig am Stiel

„Das kann man nicht so pauschal sagen. Königin Elizabeth II. zum Beispiel fasst Gläser stets am Kelch an. Warum? Weil man in Großbritannien nach traditioneller Ansicht nicht anstößt. So kommt man gar nicht in die Verlegenheit. In Deutschland wird das auch anders gehandhabt. Dann bleibt der Weißwein kühler und auf dem Kelch sind keine Fingerabdrücke sichtbar. Wenn Ihnen im Übrigen jemand das Glas hinhält, um anzustoßen, dann sollte man sich dem nicht besserwisserisch entziehen. Auch bei solchen Kleinigkeiten sind die Dinge oft komplexer als es zunächst scheint.“

Der Mann übernimmt beim Rendezvous die Rechnung

„Früher galt die Regel, dass der Herr die Dame ausführt. In Deutschland sieht die Gegenwart aber anders aus. Angesichts der Gleichberechtigung ist es ja auch nur konsequent, diesen eisernen Grundsatz über Bord zu werfen. In anderen – auch europäischen – Ländern herrschen zum Teil aber auch heute noch andere Gepflogenheiten. Das Bezahlen erfordert also Fingerspitzengefühl und interkulturelle Kompetenz.“

Der Herr hält der Frau die Tür auf

„Die Türe für die nachfolgende Person zu öffnen und aufzuhalten, um dieser den Vortritt zu gewahren, ist eine Grundregel guter Manieren – gewissermaßen ein erster sozialer ‚door opener‘ für die Welt des Parketts (lacht). Es hängt aber auch hier davon ab, um welche Tür es sich handelt. Beim Restaurantbesuch und in der Drehtür sollte der Mann vorgehen. Wenn aber in einem Büroturm morgens 500 Leute durchgehen müssen, dann wäre es ja irre, mit der geöffneten Türe im Rücken bei der Schwelle zu warten, bis die folgende Person diese überschritten hat.“

Wenn jemand niest, sagt man nicht „Gesundheit“

„Da muss jeder seinen eigenen Weg finden. In Großbritannien ist es üblich, sich zu entschuldigen, wenn man niest. Bei uns gibt es keine ganz ausgefeilte ‚Sneezing Etiquette‘. Und das ist auch gut so (lacht).“

Der Ältere bietet dem Jüngeren das „Du“ an

„Traditionell orientieren sich die Vorstellung und das Anbieten des ‚Du‘ an drei Kriterien: am Rang, am Geschlecht und am Alter. Sie müssen aber immer im Zusammenhang betrachtet werden, es gibt ja zum Beispiel auch den jüngeren Chef. Das man seinem Vorgesetzten nicht das ‚Du‘ anbietet, versteht sich aber von selbst.“

Ab 18 Uhr trägt man keine braunen Schuhe mehr

„Diese traditionelle Regel ‚no brown after six‘ wird heute kaum noch beachtet. Von mir natürlich schon (lacht). Moden ändern sich eben. Heute wird fast jeder Schuh zu jedem Anlass angezogen. Hauptsache grell und bunt. Allerdings gehörte es schon lange zum Mailänder Stil, braune Wildlederschuhe zum dunkelblauen Anzug zu tragen. Häufig wird in der Mode das, was zunächst revolutionär war, später zu einer konservativen Sache. Der Smoking war damals revolutionär, heute ist es für uns ein eher förmliches Kleidungsstück.“

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