Wagner-Tenor

René Kollo geht noch einmal auf Tour

Wagner-Tenor René Kollo geht auf eine letzte Tournee – und erinnert sich an vergangene Glanzzeiten der Oper.

Der gebürtige Berliner René Kollo wurde als Wagner-Interpret bekannt. Mit aktuellen Inszenierungen hat er seine Probleme

Der gebürtige Berliner René Kollo wurde als Wagner-Interpret bekannt. Mit aktuellen Inszenierungen hat er seine Probleme

Foto: dpa Picture-Alliance / HERBERT NEUBAUER / picture alliance / HERBERT NEUBA

Als Treffpunkt hat René Kollo das „Dressler“ auf dem Kurfürstendamm vorgeschlagen, doch richtig glücklich ist der 80-Jährige an diesem Vormittag nicht mit seiner Wahl. Das Restaurant öffne zu spät, Frühstück gebe es auch nicht mehr, kritisiert er. Und auch im Interview geht der einstige Helden­tenor mit vielen seiner Weggefährten hart ins Gericht. Am Freitag will sich der gebürtige Berliner, der seit über 50 Jahren zwischen seiner Heimatstadt und Mallorca pendelt, im Admiralspalast von seinem Publikum verabschieden. Zuvor zieht er noch einmal Bilanz.

Gehen Sie mal in die Oper, wenn Sie in Berlin sind?

René Kollo: Zu wenig. Sehen Sie, ich habe das so lange gemacht, mit den besten Leuten der Welt. Wenn ich da rein gehe, bin ich nach zehn Minuten schon böse, weil ich sehe, was alles falsch ist. Aber dann kann ich nicht mehr raus gehen, denn die Menschen kennen mich ja. Also gehe ich gar nicht erst.

Nur in Berlin? Oder gibt es nirgendwo Oper, die Ihren Ansprüchen genügt?

Ich habe die „Meistersinger“ aus Salzburg im Fernsehen gesehen und bin sogar drangeblieben. Fast sechs Stunden habe ich das Ding angehabt. Das war erstklassig. Aber das hatte hauptsächlich mit dem Stück zu tun. Das, was sich heute Regie nennt, ist zum größten Teil Unsinn. Viele Regisseure inszenieren nicht das Stück, sondern sich selber und machen ihr Bankkonto voll. Das brauche ich nicht.

Zu Ihrer Zeit war das anders?

Ja, das war anders. Wenn ich mit Rudolf Noelte gearbeitet habe, das war Theater, das es heute gar nicht mehr gibt. Das war völlig anders. Sie sind nun sehr jung. Sie werden das gar nicht mehr kennen.

Was meinen Sie denn, woran das liegt?

Es liegt auch an der Presse, an der Kritik. Der Kritiker muss laufend ins Theater. Das ist natürlich ein grauenhafter Beruf. Und der ist dann froh, wenn er ein Stück, das er schon 100 Mal gesehen hat, anders sieht. Irgendwas Doofes. Aber für den ist es natürlich toll. Also schreibt er, wie interessant das ist. Aber das Theater geht dabei zugrunde. Ich rede da natürlich ganz subjektiv. Ich bin ja nicht die Welt. Andere Leute empfinden das sicher ganz anders. Für mich ist das heute nur noch eine Frage des Events, nicht des gut gemachten Theaters.

Und mit Events können Sie nichts anfangen?

Nein. Wenn ich heute in „Tristan“ gehe oder in „La Traviata“, dann hat das meistens mit den Stücken überhaupt nichts mehr zu tun. Theater würde ich das nicht nennen.

Ist nicht Bayreuth auch immer ein Event?

Nein. Bayreuth war bis vor 20 Jahren sensationell gut gesungenes und gemachtes Theater. In die Premiere gingen die Leute natürlich auch, um gesehen zu werden. Aber nicht in die Vorstellungen.

Wann waren Sie zuletzt dort?

Drin war ich zuletzt vor drei oder vier Jahren. Bei Castorf, der hat da den „Ring“ gemacht.

Der Ihnen ja nicht so gefallen hat …

Ich war nur im „Rheingold“. Ich weiß nicht, wie weit Sie opernmäßig orientiert sind, das ist der erste Teil vom „Ring“, und da gibt es keine Pause. Wenn man also drin sitzt, kann man nicht mehr raus. Ich habe das also durchgestanden und dann habe ich im „Weihenstephan“ mit viel Rotwein zwei Stunden gebraucht, bis ich wieder zum Menschen wurde. Den hätte ich umbringen können. So viel Dummheit habe ich in meinem Leben noch nie gesehen, dazu war es beschissen musiziert. Es war ein furchtbarer Abend.

Danach haben Sie entschieden, Sie gehen nie wieder nach Bayreuth?

Genau. Und alles, was ich danach im Fernsehen gesehen habe, brauche ich auch wirklich nicht mehr. Ich gehe im Sommer manchmal hin zur Probenzeit, um mit Leuten, die ich von früher kenne, zu quatschen und ein Bier zu trinken.

Sie sind in den 80er-Jahren zum letzten Mal dort aufgetreten und haben sich dann mit Wolfgang Wagner überworfen …

Ich hatte, wie viele, meine Auseinandersetzungen mit Wolfgang Wagner, das muss man nicht so wichtig nehmen. Ich habe immer gesagt: Ich bin hier nicht in der Bundeswehr, ich versuche mindestens genau so viel Kunst zu machen wie Wolfgang Wagner. Und da kommt man sich dann eben mal ins Gehege. Dann fährt man nach Hause und die machen ihr Ding und ich mache meins.

Sie haben das nie bereut?

Ich habe überhaupt in meinem Leben nichts bereut. Weil es ja alles zu meinem Leben dazu gehört. Das Negative und das Positive. Sonst müsste ich ja das ganze Leben bereuen und mich erschießen. Außerdem bin ich kein Mensch, der nach hinten guckt. Das, was gestern war, ist vorbei. Ich kann es nicht mehr ändern. Ich vergesse das dann auch, es ist mir Wurscht. Das ist vielleicht auch eine Berliner Einstellung.

Gilt das auch für Ihre Episode als Intendant des Metropol-Theaters? Ihr Berliner Konzert findet im Admiralspalast statt. Eine bewusste Entscheidung?

Es hat sich einfach ergeben. Ich wollte das nicht unbedingt. Es ist jetzt auch so lange her, es sollte allen mittlerweile klar sein, dass die Pleite nicht an mir gelegen hat. Das Metropol-Theater wurde von Diepgen und Radunski kaputt gemacht, weil sie die Grundstücke verkaufen wollten. Für mich sind das Verbrecher, das habe ich damals auch in der Zeitung gesagt. Wenn sie das nicht wären, hätten Sie mich ja verklagt. Niemand hat mich verklagt. Aber ich bin kein nachtragender Mensch. Ich konnte das wegpacken, weil ich selber die Zeitung nicht lese, den ganzen Dreck, der da geschrieben wurde. Es ist aber schade. Ich bin immer noch der Meinung, dass ein erstklassiges Operettentheater, nicht billig, mit einer Federboa, wie man das so macht, ein riesiger Erfolg wäre. Aber das kann man nur mit Unterstützung der Stadt machen.

Sie sind Ende des vergangenen Jahres 80 Jahre alt geworden. Da wurde auch viel über Sie geschrieben. Haben Sie das auch alles nicht gelesen?

Nein, das habe ich auch nicht gelesen, da muss ich Sie enttäuschen. Ich lese seit 30 Jahren keine Zeitung mehr. Es ist zwar nett, dass wir uns hier treffen und natürlich freut mich das, aber Zeitung, Politik und diesen ganzen Quatsch, das brauche ich nicht.

Weil Sie Politik nicht interessiert?

Politik interessiert mich sehr, deshalb lese ich das nicht. Ich gucke abends die Nachrichten und dann weiß ich, was in der Welt los ist. Was gerade passiert ist für mich die größte Verballhornung. Es geht nicht zusammen, was nicht zusammen gehört. Auch wenn Mutti dran bleiben möchte. Es funktionieren meiner Meinung nach nur Neuwahlen.

Und das, was über Sie geschrieben wird lesen Sie nicht, weil Sie sich sonst ärgern?

Manchmal ärgere ich mich über Unwissenheit. Aber ich finde mich selber auch nicht so interessant, dass ich ständig über mich selber lesen muss. Ich lebe sehr zurückgezogen und möchte mich mit anderen Dingen beschäftigen als mit Frau Merkel und Herrn Trump.

Sie sind mit Kritik recht offen, glauben Sie, Sie waren ein schwieriger Künstler?

Nein, das glaube ich nicht. Ich war nur schwierig, wenn ich gesehen habe, dass etwas nicht funktioniert. Wenn ich das Gefühl hatte, dass etwas mit dem, was Wagner wollte, nichts zu tun hatte. Ich habe sicher einige Sachen gemacht, bei denen andere drauf gegangen wären. Es hat mir komischerweise nicht geschadet. Ich habe meinen Weg gemacht, alles andere war mir egal. Wenn es nicht gereicht hätte, hätte ich mich unter meine Palmen zurückgezogen und wäre auch glücklich geworden. Ich bin kein gehorsamer Mensch.

2013 haben Sie gesagt, dass Sie keine Lust mehr auf die Bühne haben. Jetzt gehen Sie doch noch einmal auf Abschiedstournee.

Das hat sich so ergeben. Was soll ich denn zu Hause sitzen und nichts tun. Jetzt machen wir erst einmal 15 Konzerte und dann sehen wir weiter.

Also doch kein Abschied?

Ich habe nicht entschieden, dass das so heißen soll. Abschied klingt ja so endgültig, fast schon wie tot. Nun heißt es halt so. In meinem Kopf ist es noch kein Abschied. Meine Stimme ist noch vollkommen okay. Ich kenne keinen Tenor, bei dem das in dem Alter so ist. Da kam mir wahrscheinlich meine Berliner Faulheit zugute. Ich habe es nie übertrieben. Ich habe immer Pausen gemacht. Man weiß ja immer erst im Nachhinein, dass das gut war. Aber muss es ja, sonst würden Sie jetzt nicht hier sitzen und mich befragen.