Interview

Nana Mouskouri: "Die Welt wird schon nicht kaputtgehen"

Nana Mouskouri ist neben Madonna die bis heute erfolgreichste Sängerin. Die Griechin will Menschen zum Lächeln bringen.

Stilikone Nana Mouskouri

Stilikone Nana Mouskouri

Foto: dpa Picture-Alliance / Eventpress Golejewski / picture alliance / Eventpress

Wer die griechische Sängerin Nana Mouskouri nur von "Weiße Rosen aus Athen" kennt, hat eine Menge verpasst. Zum Beispiel das feine Jazz-Folk-Bal­laden-Album "Nana – arranged & conducted by Bobby Scott", das erstmals 1965 erschien und nun neu veröffentlicht wurde. Wir sprachen mit der 83-jährigen Nana Mouskouri, die auf Kreta geboren wurde und mit mehr als 300 Millionen verkauften Tonträgern nach Madonna die bis heute zweiterfolgreichste Sängerin ist, in Genf.

Frau Mouskouri, sind Sie eigentlich stolz auf Ihren Look? Die Frisur und die Brille sind schon sehr ikonisch.

Nana Mouskouri: Ja, ich weiß. Aber als "Look" war das nie geplant. Im Gegenteil. Ich war ein Mädchen, das andere Prioritäten hatte als sein Äußeres. Ich wollte lernen, ich wollte singen, ich wollte aufs Konservatorium. Da wir wenig Geld hatten, musste ich außerdem arbeiten. In den Musikclubs fand man heraus, dass ich eine gute Stimme hatte. Aber ich war kein gut aussehendes Mädchen damals. Ich war dick, ich hatte die Brille, ich hatte Komplexe. Alle lachten mich aus. Eine Brille war nicht cool in den 50ern, doch ich brauchte sie nun einmal. Ob im TV oder in den Clubs – immer sollte ich meine Brille absetzen. Ich sagte: Nein. Wenn ich eine Brille brauche, dann trage ich sie auch auf der Bühne. Ich verstelle mich nicht.

Vor einigen Wochen ist Ihr Album "Nana" wiederveröffentlicht worden. Es stammt ursprünglich aus dem Jahr 1965 und klingt, als wäre es brandneu.

Ich bin sehr stolz auf dieses Album. Ich liebe es richtig. Die Lieder klingen in der Tat absolut zeitlos. In den 60er-Jahren hatte man als Künstlerin ganz andere Möglichkeiten als heute. Ich konnte mich entfalten, mich wandeln, lernen und sehr viele Musikstile ausprobieren. Heute wird dir nicht mehr die Zeit gegeben, dich zu entwickeln. Entweder, du hast sofort Erfolg, oder du wirst wieder zur Seite geschoben.

Sie sind damals nach New York gegangen. Wie haben Sie jene Zeit Anfang der 60er-Jahre in Erinnerung?

Ich war 27, als ich nach New York kam, das war damals nicht sehr alt. Heute sind die Leute ja früher erwachsen. Für mich als junge Frau, die aus Griechenland kam und zuvor in Deutschland und Europa Erfolge feiern durfte, war es klasse in Amerika, eine tolle, aufregende Zeit.

In den 60ern wandelte sich die Gesellschaft. Wie haben Sie das empfunden?

Als einen Ruck. Bob Dylan, Joan Baez, die Beatles, die Rolling Stones. Die Zeiten waren wild, und ich war mittendrin. Zugleich passierten so schrecklich traurige Dinge. Die Rassenunruhen in den USA, Martin Luther King, der beginnende Vietnamkrieg. Ich habe dagegen angesungen, ich wollte gegen den Krieg ansingen, die Menschen zum Lächeln bringen. Die Welt war hin- und hergerissen, es gab eine große Aufbruchstimmung und zugleich eine große Traurigkeit. Mich erinnert jene Epoche stark an unsere Zeit jetzt. Die Menschen sind so traurig im Moment.

Wollen Sie mit Ihren Liedern ablenken und die Sorgen wegdrücken?

Nein, ich sage nicht, dass wir vergessen und verdrängen sollen, was um uns herum geschieht. Im Gegenteil. Doch grundsätzlich entspricht es meinem Wesen, Optimismus zu haben. Selbst in Amerika. Der Rassismus der 60er konnte ein gutes Stück zurückgedrängt werden, und auch hier in Europa wird sich vieles wieder bessern. Wir sollten nicht in Angst und Panik verfallen. Die Welt wird schon nicht kaputtgehen.

Sie hatten in Athen Gesang und Klavier studiert und waren in Griechenland bereits ein Star, als Sie 1960 nach Deutschland gingen. Das war nicht üblich damals für ein junges Mädchen, oder?

Ja, aber was hätte ich denn machen sollen? Ich liebe meine griechische Heimat, ich liebe die Griechen, aber ich wollte die Welt kennenlernen. Ich war neugierig, sang unterschiedliche Stile und konnte durchs Fernsehen, da in Griechenland nicht synchronisiert wurde, schon ganz ordentlich Englisch. Als ich nach Deutschland kam, habe ich mich für die Kultur interessiert und versucht, die Sprache zu lernen. Das hat aber nicht so gut geklappt (lacht).

"Weiße Rosen aus Athen" singen Sie ziemlich akzentfrei.

Ich habe immer sehr hart gearbeitet und war ehrgeizig. Ich wollte das gut singen. Und die Deutschen schlossen mich sehr schnell ins Herz. Zu der Zeit begannen die Menschen zu reisen und meine Musik verkörperte diese Sehnsucht. Für die Deutschen war Griechenland ein Traumland, und das nur 15 Jahre nach Ende des Krieges.

Woran denken Sie, wenn Sie sich an die Zeit in Deutschland erinnern?

Ich war 25, als ich nach Berlin kam. Es war eine intensive Lebensphase. Alle diese Erfahrungen halfen mir, die Sängerin zu werden, die ich heute bin. Ich traf mich mit anderen jungen Leuten und sah, dass wir alle ähnlich empfanden und tickten. Das war die Zeit, kurz bevor die Mauer gebaut werden sollte. Wir alle waren frustriert und verbittert deswegen. Das Studio, in dem ich aufnahm, lag direkt am Potsdamer Platz. Die Mauer kam, und die Leute winkten mit weißen Taschentüchern zur anderen Seite, zu uns. Das war total traurig.

Wie geht es den Griechen? Seit Deutschland nur noch mit sich selbst beschäftigt ist, bekommt man kaum etwas mit.

Griechenland wird nicht untergehen. Aber es dauert seine Zeit, um diese Krise zu überwinden. Wichtig ist, dass die Menschen wieder an sich glauben. Griechenland hat eine großartige Kultur, eine großartige Haltung. Ich glaube an meine Landsleute, auch wenn ich nicht immer die Ansichten der Politiker teile.

Werden Sie jemals vom Singen genug haben?

Vermutlich nicht. Ich bin eine Sängerin, und solange ich auf meinen beiden Beinen stehen kann, werde ich weiter singen.

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