Master Whisky Blender

Richard Paterson: Die Nase für das "Wasser des Lebens"

Richard Paterson ist Master Whisky Blender. Im „Waldorf Astoria" feiert er sein 50. Jubiläum.

Richard „The Nose“ Paterson ist Whisky Blender. Im „Waldorf Astoria“ durften geladene Gäste seinen „The Dalmore 50“, einen 50 Jahre lang gereiften Single Malt Scotch Whisky, verkosten

Richard „The Nose“ Paterson ist Whisky Blender. Im „Waldorf Astoria“ durften geladene Gäste seinen „The Dalmore 50“, einen 50 Jahre lang gereiften Single Malt Scotch Whisky, verkosten

Foto: Christian Kielmann

Es gibt Spitznamen, die man sich wahrlich mehr wünschen würde als "Die Nase". Man denke nur an Cyrano de Bergerac. Wenn jedoch das Riechorgan das wichtigste Werkzeug ist und Menschen auf der ganzen Welt bereit sind Tausende von Euros, Dollars, Pfund für das mit Hilfe der Nase entstandene Produkt zu bezahlen, dann kann man "The Nose" schon mit Stolz wie einen Titel tragen. Und tatsächlich ist die Nase, die Richard Paterson sein eigen nennt, nicht besonders klein. Und ein Treffen mit ihm wird wahrscheinlich niemals ohne Verweise auf ebendiese vergehen. "The Nose" ist Master Whisky Blender. Nicht irgendeiner, vielleicht der Bekannteste. Und derzeit befindet er sich auf Welttournee und lässt sich für 50 Jahre in der Whiskybranche feiern. Einziger Stopp in Deutschland ist das "Waldorf Astoria" in Berlin. Wer mit ihm feiern darf, bekommt ein Geschenk: Einen Schluck seines neuesten Werkes "The Dalmore 50", ein 50 Jahre lang gereifter Single Malt Scotch Whisky. Preis im Kadewe: 50.000 Euro für eine von insgesamt 50 handabgefüllten Flaschen aus Baccarat-Kristall.

Richard Paterson entstammt einer Whisky Blender-Familie. Schon sein Großvater und sein Vater betrieben dieses Handwerk in Glasgow. So kam er schon sehr früh zum Whisky. Eines Tages nahm Papa Paterson seinen damals achtjährigen Spross mit zur Arbeit, und "als er die große Tür mit einem Schlüssel an einem großen Bund aufschloss, hatte ich sofort diesen Duft von Whisky in der Nase", erinnert sich Paterson, "und ich fragte mich: What's going on? Sowas hatte ich noch nie gerochen." Das war 1957, und es blieb vorerst beim Riechen. Er hat diese Geschichte in mittlerweile mehr als 50 Jahren wahrscheinlich unzählige Male erzählt. Und er tut es immer noch mit einer fast kindlichen Freude. Wenn Paterson erzählt, vom Lichtschein, der in der Dunkelheit des Lagers auf die Fässer fällt, dann erzählt er geradezu pittoresk. Und nimmt seine Zuhörer mit auf eine Reise nach Schottland. Neben seiner Kunst, verschiedene Whiskys miteinander zu vermählen, zu verblenden, zu entscheiden, wann vom Weinfass ins Sherryfass umgefüllt wird, ist es diese Art, den Zuhörer zu fesseln, die seine Bekanntheit in der Szene ausmacht.

"So ein Luxusprodukt ist dafür da, es mit seinen Liebsten zu teilen"

Und seine Art mit Menschen umzugehen ist es, die ihm manche Türe geöffnet hat. Kaum jemand verfügt in der Branche über ein so großes Netzwerk, das ihm Zugang zu den wertvollen Sherry-, Wein-, Port- und Champagnerfässern ermöglicht, die einen exzellenten Whisky erst reifen lassen. Oder um es mit Paterson zu sagen: "Das Holz macht den Whisky." Das neue Luxusprodukt durchwanderte in 50 Jahren fünf verschiedene Fasssorten und ruhte zuletzt in Champagner-Fässern der Domaine Henri Giraud. "Wenn ich das Wort Investment höre, könnte ich wütend werden", so der 68-Jährige, der bereits im Alter von 26 seine Meisterehrung erhielt, "so ein Luxusprodukt ist dafür da, es mit seinen Liebsten zu teilen." Aber auch er weiß, dass Whisky mittlerweile mehr als nur Genuss ist und die Wahrscheinlichkeit hoch, dass nur sehr wenige Flaschen des "The Dalmore 50" je geöffnet werden.

Legendär ist seine Art Whisky zu verkosten. Wenn er das Glas an die Nase führt, wird die tiefe Stimme des Schotten, die einen ganzen Raum erfüllen kann, plötzlich fast zart und liebevoll. – Er begrüßt mit einem "Hello" den Glasinhalt, schwenkt das Glas, steckt die Nase dann tiefer hinein, fragt "How are you?", schwenkt das Glas immer wieder am Fuß haltend und bedankt sich zum Schluss mit "quite well, thank you very much." Alles sehr britisch. Oder schottisch? Auf jeden Fall ganz Gentleman. Das ist er selbst dann noch, wenn er seinen Zuhörern mit "I kill you" droht. Das sogenannte Nosing-Glas nicht am Fuß, sondern auch nur irgendwie anders zu halten, führt unweigerlich bei ihm zu diesem Ausspruch. Oder wenn man dem Whisky aus seiner Sicht nicht genug Respekt entgegenbringt.

"Der Whisky hat 35 Jahre im Fass gelegen, da wirst du ihn doch mal 35 Sekunden im Mund behalten können", ordnet er an und ist dabei so freundlich und beinahe spitzbübisch, dass man ihm natürlich sofort gerne folgt. "Man verpasst einfach all die Aromen, die der Whisky über die Jahre aus den Fässern angenommen hat", erklärt er, wenn man ihn einfach runterschluckt.

"The Nose" gibt es nur ein einziges Mal

Die einfache Paterson-Formel: Pro gelagertem Jahr eine Sekunde des sogenannten "Wasser des Lebens", wie der Whisky in seinem gälischen Ursprung genannt wird, im Mund kreisen lassen – und genießen.

Etwas Wehmut findet sich in seiner Stimme, wenn man den 68-Jährigen auf seine etwaigen familiären Nachfolger anspricht. Folgt die vierte Generation Whisky Blender der Familie Paterson? "Unglücklicherweise nicht. Meine Tochter war am nächsten dran, mir nachzufolgen, aber dann bekam sie Kinder und arbeitet nun für eine Versicherung. Ein Sohn ist Arzt und mein anderer Sohn ist Moslem geworden."

Er vergleicht es mit den Traditionshäusern in der Champagne, wo vermehrt Leute außerhalb der Familien ans Ruder kommen: "Traditionen ändern sich. Die jungen Leute haben heute mehr Chancen, ihren eigenen Weg zu gehen." Unter seiner Ägide arbeiten derzeit zwei weitere Master Blender in der Destillerie. Es wird also weitergehen in der 1839 gegründeten Brennerei in den schottischen Highlands. Aber "The Nose" gibt es nur ein einziges Mal.

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