Leute

"Ich habe meine Häschen nicht wiedererkannt"

Senta Berger leiht einer Figur aus ihrer Kindheit ihre Stimme. Das Buch „Die Häschenschule“ half ihr durch die Bombennächte in Wien

60 Jahre ist es her, dass Senta Berger ihre erste Hauptrolle in dem Kinofilm "Die unentschuldigte Stunde" bekam. Danach standen der Wienerin alle Türen offen – auch in Hollywood. Jetzt leiht sie in "Die Häschenschule – Jagd nach dem Goldenen Ei" erstmals einer animierten Figur ihre Stimme. Ein Gespräch über das Vorlesen im Luftschutzkeller, den Verkauf ihres Kinos Toni in Weissensee und Berlin als Künstlerhauptstadt.

Frau Berger, "Die Häschenschule" basiert auf einem Kinderbuch des Illustrators Fritz Koch-Gotha. Sind Sie damit groß geworden?

Senta Berger: Während der schlechten Jahre um 1944 war ich noch ganz klein und es gab keine Bücher mehr zu kaufen. Aber mein älterer Cousin Norbert, den ich sehr geliebt habe, weil er so ein fescher Kerl war, hatte mir "Die Häschenschule" geschenkt. Das war auch die Zeit, als Wien bombardiert wurde. In den letzten Monaten waren wir sehr, sehr oft in den Luftschutzkellern. Die Menschen hatten natürlich Angst. Man stand oder saß sehr gedrängt. Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter in Ohnmacht fiel, aber sie konnte nicht umfallen, es war einfach kein Platz dafür. Wenn die Kinder weinten oder schrien, wurden die Leute richtig böse, die Nerven lagen blank. Deshalb hat mir meine Mutter viel vorgelesen. Unter anderem auch aus der "Häschenschule".

Also hatte es auch nostalgische Gründe, weshalb Sie die Synchronrolle der Lehrerin Hermine angenommen haben?

In der Animation, wie man es heute macht, habe ich meine guten alten Häschen nicht wiedererkannt. Aber doch war ich sentimental angerührt, dass ich jetzt als Oma in der "Häschenschule" mitspielen kann. Ich dachte, das ist was für meine Enkelkinder, was bleibt und was sie sich immer wieder angucken können mit der Stimme der Oma.

In Ihrer Karriere ist es das erste Mal, dass Sie bei einem Trickfilm mitmachen.

Einmal habe ich dem Disney-Film "Ein tierisches Trio" eine Katze gesprochen, aber das war mit echten Tieren. Die Synchronarbeiten fanden in Lankwitz statt und in der Mittagspause las ich in der Zeitung über die Treuhand, die Immobilien verkauft. Unter anderem die alten Defa-Kinos, was ich meinem Mann erzählte, der sofort aufhorchte.

Sind Sie so in den Besitz des Toni-Kinos in Weissensee gekommen?

Wir hatten damals ein bisschen Geld in der Hand und ich sagte zu ihm: Lass uns lieber eine Parkgarage kaufen, weil das in einer Stadt immer gebraucht wird. Aber er wollte sich das Kino Toni unbedingt anschauen, und so ist es gekommen.

Trotzdem wollen Sie es nun verkaufen.

Ja, wir haben das Kino zu einem Zeitpunkt gekauft als wir noch sehr oft in Berlin waren. Damals überlegten wir sogar, ganz nach Berlin zu ziehen, denn mein Mann ist ja Berliner. Aber vor einigen Jahren haben wir entschieden, ein neues Kapitel aufzuschlagen und in Grünwald, einem Vorort von München, zu bleiben. Ich liebe die Natur und in Grünwald habe ich immer das Gefühl, im Urlaub zu sein. Auch meine beiden Söhne haben beschlossen, in Bayern zu bleiben.

Ist trotzdem ein bisschen Wehmut dabei?

Sicherlich, aber ein Kino muss geführt und am Leben erhalten bleiben und wir sind jetzt in einem gewissen Alter, in dem man auch Abschied nehmen muss. Auch wenn es wehtut, ist es die richtige Entscheidung, das Kino zu verkaufen. Wir hoffen natürlich, dass das Gebäude nicht nur als Immobilie überlebt, sondern auch als Kino weitergeführt wird.

Freut es Sie, die Familie jetzt immer in der Nähe zu haben?

Ich bin schon froh! Mein großer Sohn Simon hat vor Jahren eine Wohnung in Berlin gekauft und hat lange überlegt, dort ganz hinzuziehen. Berlin ist die Stadt der freischaffenden Künstler, auch weil hier so viel Platz ist. Ein Bildhauer, der sich in München ein Studio sucht und findet, kann es nicht bezahlen. Man sagt auch, Berlin ist die Stadt der arbeitslosen Schauspieler. Das klingt ein bisschen bitter, aber auch das wird wahr sein. Berlin ist für unsere Branche sicher die wichtigste Stadt in Deutschland, auch wenn es nicht für alle Arbeit gibt.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich heute Bilder von früher ansehen?

Ich denke, als ich jung und schön war, habe ich mich nicht als schön empfunden. Später, da sammelte ich Fotos, bis sich andere Prioritäten im Leben einnisteten. Wenn man Kinder hat, ändert sich alles. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich dann noch Fotos und Zeitungsartikel gesammelt hätte.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.