Interview

Joy Denalane: "Das Gleisdreieck ist meine DNA"

Joy Denalane ist in Berlin aufgewachsen. Ihr Album hat sie nach ihrer Heimat benannt. Ein Gespräch.

Sängerin Joy Denalane veröffentlicht am Freitag ein neues Album

Sängerin Joy Denalane veröffentlicht am Freitag ein neues Album

Foto: Reto Klar

Letzte Woche überraschte sie mit einem Spontanauftritt in der U1, sang nur mit Gitarrist. Joy Denalane. An diesem Freitag veröffentlicht die Berlinerin ihr neues Album "Gleisdreieck". Auf der Suche nach ihrer Identität zeichnet sie damit ein Bild ihrer Heimatstadt. Ihren Durchbruch feierte Denalane 1999 mit ihrem Partner Max Herre für Freundeskreis, bei der der Song "Mit dir" entstand.

Was hat das Gleisdreieck für eine Bedeutung für Sie?

Joy Denalane: Ich bin am Hafenplatz aufgewachsen. Und das Gleisdreieck war damals meine Station. Heute wäre es der Mendelssohn-Bartholdy-Park. Es ist die DNA von Joy Denalane, der Ort, der mich geprägt hat wie kein anderer. Davon habe ich viel mitgenommen. Das Gleisdreieck als Metapher finde ich außerdem poetisch. Bei dem Begriff denke ich an einen Umsteigebahnhof, eine Weggabelung, einen Ort des Abschieds und der Begegnung, und ein Bild für Bewegung.

In "So sieht man sich wieder" heißt es: "Wir gehen zu schnell vorbei für Substanz. Du bist eine Schauspielerin, zeig mir, wie gut du es kannst." Rechnen Sie mit dem Showbusiness ab?

Es beschreibt eher eine allgemeine Orientierungslosigkeit, Übersättigung, unseren Eskapismus. Dass wir zu viele Informationen haben, die wir schaffen zu verarbeiten, unzufrieden sind und in diverse Dinge flüchten. Also geht es um ein eher allgemeines Lebensgefühl.

Wohin fliehen Sie?

Durch meine Kinder bin ich erst einmal geerdet, das gibt einen Rhythmus vor. Aber natürlich ist das Leben als Musiker ein sehr schnelles, durch Social Media wird der Eindruck noch einmal verstärkt. Diese Müdigkeit, die Abgründe kenne ich natürlich nur zu gut(lacht).

Ihre letzte Platte ist sechs Jahre her. Das klingt nicht nach schnellem Musikbusiness.

Viele verwechseln Musik machen mit "Fun und Entspannung", ein "easy job". Aber das ist es überhaupt nicht. Man muss sich auf die Suche begeben, an sich arbeiten, ein Fundament schaffen für die Dinge, über die man spricht. Ich bin kein Genie, dem spontan die perfekte Idee kommt. Die Zeit kann für mich nicht entscheidend sein, wenn die Kunst noch nicht so weit ist.

Können Sie sich diese Zeit nehmen, weil Sie ein eigenes Label haben?

Ja, bestimmt hilft das. Wir sind unsere eigenen Bosse. Genau diese Unabhängigkeit haben wir immer gesucht. Ich kenne es nur eine ganz kurze Zeit meines Lebens anders, und das war, als ich meinen ersten Vertrag unterschrieben hatte, etwa 1996. Da war ich in dieser klassisch konzeptionierten Business-Situation. Die hat mir so wenig gefallen, dass ich dort ausgebrochen bin. Ich hätte nie in das Schema gepasst.

In "Hologramm" besingen Sie das Ende einer Beziehung. Geht es da noch um Ihre Trennung von Ihrem Partner Max Herre?

Ich weiß natürlich, wie sich so was anfühlt. Es ist der Lauf der Dinge, Beziehungen, die sich auflösen aus verschiedenen Gründen. Dieses Aneinandervorbei-Leben beobachte ich sehr oft.

Vor einigen Jahren haben Sie sich eine Auszeit genommen und ein Semester studiert. Mit welchem Ziel?

Was sich durch mein Leben zieht, ist, dass ich nie eine Ausbildung gemacht habe. Ich war schon an allen großen Berliner Universitäten eingeschrieben. Mit Musikwissenschaften und deutscher Literatur an der Technischen Universität, an der Humboldt-Universität war ich mit Ägyptologie, Afrikanistik und Linguistik eingeschrieben und an der Freien Universität, wo ich dann ordentlich studiert habe – für dieses eine Semester zumindest – mit Englisch, Deutsch und allgemeiner und vergleichender Literaturwissenschaft.

Und warum dann nur ein Semester?

Weil ich Musikerin bin und zurück musste. Als ich damals in mein Management-Büro gekommen bin und ihnen erzählt habe, dass ich studieren will, waren sie entsetzt. Aber ich habe mir diese Freiheit genommen. Es war mir nicht wichtig, dem Markt zu entsprechen und ja nicht vergessen zu werden. Ich folge meist meiner inneren Stimme.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Kritik gehört dazu. Ich finde auch nicht jeden Journalisten, der mir gegenübersitzt, super (lacht). Insofern kann ich Kritik verstehen. Wenn sie unsachlich und böswillig ist, fällt es mir natürlich schwer, das zu respektieren.

Im April sind Sie auf Tour. Ist Ihr Mann dann für die Kinder zuständig?

Ja, das lief nie anders.

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